H&M - das sind Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller. Foto: Dennis Yenmez

Einmal Sacre tanzen – und dann?

Wie schafft man den Weg in die freie Szene? Ein Interview mit dem Performance-Duo Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller alias HARTMANNMÜLLER.

INTERVIEW HONKE RAMBOW

k.west: Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?
HARTMANNMÜLLER: Wir haben uns an der Folkwang Universität kennen gelernt, aber uns offiziell erst 2011 als Hartmannmüller gegründet. Schon vorher wurden wir immer zusammen angefragt, wenn irgendjemand etwas an der Uni machen wollte. 

k.west: Wie bewerten Sie den Wert des Studiums an der Folkwang Universität für Ihre heutige Arbeit?
HM: Wir sind beide Späteinsteiger, waren 26 und 21. Wir rechnen der Folkwang hoch an, dass sie uns trotzdem noch angenommen hat, unabhängig vom Alter und letztlich auch von den technischen Voraussetzungen. Sehr positiv war für uns auch die räumliche Situation in Essen-Werden, wo man ganz konzentriert vier Jahre nur unter Künstlern verschiedener Sparten ist. Ebenso positiv, dass man erst mal ganz klar Technik lernt. Man weiß genau, wie es aussehen soll und versucht, es mit dem eigenen Körper umzusetzen. Für die Studierenden, die bereits Erfahrungen mitbrachten, war das allerdings total einseitig. Es gab bei uns tatsächlich keine Lehrenden, die nicht bei Bausch getanzt hatten, und nur diese Technik wurde unterrichtet. Den Horizont erweiterte nur, dass wir »Tanz aktuell« noch bei Stefan Hilterhaus auf PACT Zollverein hatten und da sehr nah an aktuellen Tendenzen waren. Das gab es nach unserer Zeit allerdings nicht mehr.

k.west: Welches sind die wichtigsten Fähigkeiten, die Sie aus dem Studium mitgenommen haben?
HM: Ganz klar die Präzision. Die absolute Genauigkeit in der Bewegung und das millimetergenaue Gespür für die eigene Position und die Position des anderen im Raum.

k.west: Und was haben Sie vermisst?
HM: Zuallererst waren das alles keine Pädagogen. Gerade weil so sehr unterschiedliche Studierende aufgenommen wurden, mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen, hätte es viel mehr individuelle Unterstützung gebraucht. Stattdessen wurde das Wuppertaler Ensemble zum alleinigen Ziel. Es war verrückt, dass man irgendwann anfing zu glauben, dass der einzige Traum sei, einmal ‚Sacre’ von Bausch zu tanzen. Es blieb alles in diesem Kosmos, auch bei »Junge Choreographen« wusste man irgendwann, wer ausgewählt wird. Wenn man in der gewünschten Bewegungssprache blieb, war man dabei. Es fehlte komplett am Blick für Individualität. Tatsächlich gab es Leute, die daran zerbrochen sind, dass sie nicht ins Raster passten und dann einfach vergessen wurden.

k.west: Wie verlief dann der Einstieg ins künstlerische Arbeitsleben?
HM: Das mussten wir uns alles erst erarbeiten beziehungsweise uns auf Tipps anderer verlassen. Unser erster Projektantrag wurde natürlich auch abgelehnt. Von Seiten der Folkwang wurden wir da auf nichts vorbereitet. Die wussten einfach nichts über die Absolventen, wohin sie wollten, ob sie choreografieren oder frei arbeiten wollten. Das interessierte nicht.

k.west: Wie erging es anderen Absolventen Ihres Jahrgangs?
HM: Ein paar haben wirklich mal ‚Sacre’ getanzt, eine war im Folkwang Tanz Studio und weiß jetzt nicht, was sie machen soll, aber sonst macht kaum noch jemand etwas. Neben uns sind es drei, die noch tanzen – alle in der freien Szene. Die anderen gehen großteils kellnern. Einige haben es bei Compagnien versucht, aber nichts bekommen. Und für die freie Szene fehlte einfach das Wissen, wie dort die Arbeit aussieht, wie viel Hartnäckigkeit es braucht und wie viel organisatorischer Aufwand das bedeutet.

Special
07 / 2017

Einmal Sacre tanzen – und dann?

Von: Honke Rambow


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