Der Post Tower in Bonn bei Nacht. Foto: Deutsche Post DHL Group

»Es muss auch Raum für Unordnung geben.«

Rotraut Walden ist Architekturpsychologin und untersucht den Einfluss von Gebäuden auf unser Wohlbefinden.

INTERVIEW ANNIKA WIND

k.west: Frau Walden, was kann in einem Bürogebäude alles schief laufen?
WALDEN: So einiges. Angestellte können mit vielem unzufrieden sein, mit schlechter Orientierung, zu wenig Parkplätzen, unzureichenden Verkehrsanbindungen, zeitlichen Verzögerungen durch Hindernisse auf ihren Wegen, Lärm, Enge oder langsamen Aufzügen.

Was untersuchen Sie an Gebäuden genau?
WALDEN: Die Architekturpsychologie beschäftigt sich mit der Wirkung von Häusern auf unsere Lern- und Arbeitsleistung, unser Bewusstsein, auf unser Wohlbefinden, aber auch auf das Sozialverhalten und die Umweltkontrolle. Dafür untersuche ich mit Fragebögen funktionale, ästhetisch-gestalterische, sozial-physische, ökologische, organisatorische und wirtschaftliche Aspekte einer Architektur.

k.west: Mit welchen Häusern beschäftigen Sie sich?
WALDEN: Im Prinzip mit allen, die wir im Laufe eines Lebens kennenlernen. Angefangen bei der Frauenklinik und dem Kreißsaal über den Kindergarten bis hin zu Schulen, Universitäten, Bürogebäuden, Museen und schließlich Krankenhäusern mit Palliativstationen.

k.west: Einen Großteil unserer Lebenszeit sind wir mit Arbeiten beschäftigt. Wie wichtig ist es, dass man dafür auch einen guten Ort findet?
WALDEN: Enorm wichtig! 

k.west: Aber die meisten von uns können sich ihr Arbeitsumfeld nicht aussuchen und müssen hinnehmen, was ihr Arbeitgeber für sie vorgesehen hat.
WALDEN: Das stimmt natürlich. Aber jeder Mitarbeiter sollte die Möglichkeit nutzen, sich seinen Arbeitsort selbst anzueignen. Dazu gehört, dass man sich mit schönen Dingen umgibt, Bilder aufstellt, Poster aufhängt oder Pflanzen aufstellt.

k.west: Nur gehen immer mehr Arbeitgeber dazu über, Büroräume flexibel zu gestalten. Bei Facebook arbeiten angeblich 1000 Menschen in einem Raum. Theoretisch kann jeder jederzeit seinen Schreibtisch wechseln.
WALDEN: Großraumbüros sind völlig in Ordnung, solange sie Mitarbeitern Rückzugsmöglichkeiten bieten. Leider gibt es in ihnen oft Probleme mit Lärm. Wichtig sind daher Abgrenzungen etwa durch Raumteiler oder Pflanzen, sodass eher eine Bürolandschaft entsteht.

k.west: Welchen Einfluss hat das Büro auf unsere Motivation?
WALDEN: Großen! Unsere Arbeitsleistung hängt davon ab, ob wir uns wohlfühlen und ausreichend miteinander kommunizieren. 

k.west: Deshalb entstehen nach wie vor Großraumbüros – Arbeitgeber erhoffen sich, dass sie die Kommunikation fördern.
WALDEN: Das ist aber falsch. Gute Kommunikation entsteht eher dadurch, dass ein Mitarbeiter gezielt Kontakt sucht und für Gespräche aus seinem Büro hinausgeht. Ein permanentes Dauerrauschen sorgt eher dafür, dass wir auf Durchzug stellen und uns innerlich zurückziehen.

k.west: Welche Büroform empfehlen Sie also?
WALDEN: Kombibüros, in denen ein bis zwei Mitarbeiter beschäftigt sind. Wichtig sind von dort aus Zugänge zu Gemeinschaftsräumen. Aber vor allem sollten die Büros zwei permanente Wände haben, denn auch zu viel Transparenz ist nicht gut. Ein Mitarbeiter muss sich auch mal zurückziehen können und unbeobachtet sein. Es muss Raum für Unordnung geben, damit aus unserer Sicht Innovationen entstehen können. Vor allem große Tische, auf denen man sich ausbreiten kann, fördern die Kreativität. 

k.west: Warum ist der Post Tower in Bonn aus Ihrer Sicht ein gelungenes Bürogebäude?
WALDEN: Weil es in Bezug auf Funktionalität, Zeitersparnis, Originalität und Ästhetik in unseren Untersuchungen einfach sehr gut abgeschnitten hat. Im Gebäude können Temperatur, Klima und Lichteinfall individuell über Touchscreens geregelt werden. Die High-Tech-Ausstattung ist sehr gut auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt und beeindruckend – genauso wie der wunderbare Ausblick …

k.west: Wie sieht Ihr eigenes Büro aus?
WALDEN: Ich habe zwei, eines in meiner Wohnung, eines in der Universität. In der Uni nutze ich ein Zimmer gemeinsam mit meinen studentischen Hilfskräften. Das bietet sich an, wenn man nicht hauptsächlich dort arbeitet. Zuhause habe ich eine wunderbare Aussicht auf den Rhein.

In Deutschland gibt es nur etwa 20 Architekturpsychologen, eine davon ist die habilitierte Expertin Rotraut Walden, die Psychologie an der Universität in Koblenz, aber auch Studenten der Architektur und Stadtplanung an der Fachhochschule Koblenz unterrichtet.

Special
07 / 2017

»Es muss auch Raum für Unordnung geben.«

Von: Annika Wind


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