Lane Hartwell (http://fetching.net/)

Wissen, teilen, zweifeln

Wikipedia ist eine der wichtigsten Informationsquellen im Internet. Doch wie kommen die Einträge in der digitalen Enzyklopädie zustande?  

TEXT ANNE-KATHRIN JESCHKE

Umfangreicher, aktueller und platzsparender als der teure Brockhaus: Die Enzyklopädie-Plattform Wikipedia ist eine der wichtigsten Informationsquellen im Internet. An den Einträgen schreiben engagierte Wikipedianer wie Geolina aus Köln – allerdings auch gelangweilte Schüler, gewiefte PR-Strategen oder anstrengende Selbstdarsteller.

Eigentlich hat Effi Briest Probleme satt: jung verheiratet, schlecht behandelt, verstoßen, todkrank. Steht sie auf dem Lehrplan, wird sie auch noch zum Vandalismus-Opfer. Eselsohren im Schulrucksack, von Langeweile gezeichnete Comicfiguren am Seitenrand. Aber nicht nur analog geht es Effi im 21. Jahrhundert an den Kragen, auch digital: Bestenfalls steht dann etwas wie »Mandy ist doof« inmitten des Wikipedia-Eintrags über Fontanes Gesellschaftsroman. Geolina sichtet neue Einträge, löscht Sätze wie diesen heraus, statt ihn für alle Nutzer sofort sichtbar freizugeben. Versucht, den »Schüler-Vandalismus« in Grenzen zu halten. Die Kölnerin, Anfang 50, ist leidenschaftliche Wikipedianerin, so nennen sich Autoren, die das Lexikon ehrenamtlich ausbauen, hegen und pflegen. Ihren richtigen Namen will sie hier nicht lesen, ihr Arbeitgeber muss nicht erfahren, wenn sie spät nachts noch Beiträge editiert.

Nahezu jeder nutzt Wikipedia, die freie, kollektiv erstellte Online-Enzyklopädie. Im Dezember 2016 lag sie auf dem fünften Platz der am häufigsten besuchten Webseiten weltweit, in Deutschland auf Platz acht. Das gemeinnützige Projekt, das von der US-amerikanischen Wikimedia Foundation getragen wird und sich über Spenden finanziert, entstand 2001. Es geht um kollektive Intelligenz, darum, Wissen zu teilen. Deshalb können die Inhalte nicht nur gelesen, sondern über den »Bearbeiten«-Button im Browser verändert werden: jederzeit, von jedem Besucher, auch ohne Anmeldung, von Wissenschaftlern und anderen Experten, Belesenen und Herumgekommenen. Aber eben auch von gelangweilten Schülern, von bezahlten PR-Leuten, von politisch fragwürdigen Gestalten. 

Wer neu ist oder sich nur über seine IP-Adresse zu erkennen gibt, wird zunächst vom Kollektiv kontrolliert. Die Wikipedianer diskutieren offen über Qualität oder Relevanz von Beiträgen. Denn auf der Plattform tummeln sich auch »unheimlich viele Selbstdarsteller«. Geolina seufzt. Sie meint solche, »die einmal einen Song in der Garage aufgenommen haben und dann gleich einen Text über sich schreiben«.

Mehr als 39 Millionen Einträge enthielt die Plattform im vergangenen Jahr weltweit, davon über zwei Millionen in deutscher Sprache. Rund 200 stammen von Geolina. Sie ist seit zwölf Jahren Wikipedianerin, verbringt fast jeden Abend vier bis fünf Stunden am Rechner. Weil es sie fasziniert, an so viele Informationen zu kommen, »ohne den teuren Brockhaus im Regal stehen zu haben – noch dazu immer aktuell«. Sie schreibt neue Einträge, bearbeitet vorhandene, diskutiert mit anderen Nutzern. Der Badeanzug sei ein Synonym für Bikini, habe mal einer in die Online-Enzyklopädie geschrieben. Einträge, die von so wenig Ahnung zeugen, regen Geolina auf. Also trug sie eine kleine Kulturgeschichte des Badeanzugs zusammen. Eigentlich schreibt die Kölnerin aber vor allem über Kunst, Architektur und Design. 

Wenn sie bei Ausstellungen Spannendes erfährt, von dem sie findet, dass es auch andere unbedingt kennen sollten, recherchiert sie, bestellt Bücher, geht ins Archiv. Oft sind es Nischenthemen, die sie begeistern. Von Geolina lernt der Wikipedia-Nutzer etwa, dass es im Köln der späten 20er und frühen 30er Jahre »Gaststätten ohne Alkohol« (Goa) gab: stationäre und mobile Gaststätten und Erfrischungswagen. Betrieben wurden sie von einem Frauenverein, der eine alkoholfreie Geselligkeit etablieren wollte.

Rund 5500 Wikipedianer arbeiten mindestens fünfmal pro Monat aktiv an Beiträgen der deutschsprachigen Ausgabe des Internet-Lexikons, knapp 1000 Leute sind sogar mindestens hundertmal in vier Wochen im Einsatz. Hinzu kommen all diejenigen, die nur vereinzelt an der Enzyklopädie schreiben. Die Zahlen nennt Jan Apel, Sprecher des Vereins Wikimedia, der Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens in Berlin. Die Autorenanzahl gehe zurück, aber die Zahl der Artikel steige. Wer die freie Enzyklopädie bestückt, darüber wird viel diskutiert. Denn der Anteil an männlichen Autoren liegt Erhebungen zufolge bei über 80 Prozent, viele von ihnen mit naturwissenschaftlichem Hintergrund; das spiegelt sich in den Inhalten wider. 

Um es mit der taz zu schreiben: »Während oftmals feministische Autoren von internationalem Rang mit ein paar Paragrafen abgespeist werden, lassen sich mit den Biografien fiktiver Game-Charaktere ganze Buchkapitel füllen.« Ein Aspekt, der auch Geolina beschäftigt. Sie schreibt deshalb gern über Frauen, deren Geschichten sie berühren: über Alice Haubrich-Gottschalk etwa, jüdische Kinderärztin, Gynäkologin und Förderin moderner Kunst, die sich 1944 in Köln tötete, um der Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Oder über Adele Rautenstrauch, die der Stadt die ethnologische Sammlung ihres Bruders Wilhelm Joest schenkte, die bis heute Grundstock des Rautenstrauch-Joest-Museums ist.

Kritik an Wikipedia gibt es, seit das Projekt läuft. Auch den Streit darüber, wie zitierfähig ein Lexikon ist, an dem jeder mitarbeiten kann. Eigentlich existiert eine Belegpflicht: Wer einen Eintrag schreibt, ist dazu angehalten, seine Quellen zu dokumentieren. Wenn Behauptungen in einem Artikel nicht ausreichend belegt sind, wird das vermerkt. Auch bei Effi Briest besteht Nachholbedarf: »Dieser Artikel bedarf einer Überarbeitung: gut geschrieben, aber unenzyklopädisch«, steht in einem Kästchen. Dazu die Aufforderung an den Leser, ihn zu verbessern. 

 

Nutzer kennen meist nur die klassischen Artikelseiten. Doch es gibt ebenso Diskussionsseiten, auf denen Einträge besprochen, oft auch beanstandet werden. Es gibt Lösch-Anträge und Debatten darüber.Spannend ist und bleibt das Verhältnis von Wikipedia und Wissenschaft. Es reicht von harscher Kritik über zarte Annäherungsversuche bis zu Kollaborationsprojekten. Zwei Dozenten an der Universität Heidelberg etwa lassen Studierenden inzwischen die Wahl, ob sie als Leistungsnachweis eine klassische Hausarbeit schreiben – oder einen Wikipedia-Eintrag.

Special
12 / 2017

Wissen, teilen, zweifeln

Von: Anne-Kathrin Jeschke


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