Wo den Möhren Beine wachsen

Bei der Solidarischen Landwirtschaft lassen Verbraucher und Produzenten den Markt links liegen.

TEXT UND FOTOS SARAH WEIK 

Dort, wo Bonn an den Rändern ausfranst und viel mehr Dorf als Stadt ist, liegt zwischen Kreisstraße und Bahnlinie, zwischen Autohaus und Entsorgungsbetrieb der Hof von Werner Grüsgen. Es ist Donnerstagmorgen, die Vögel zwitschern, die Autos rauschen und der Gemüsebauer steht im Hof und wiegt Rhabarber ab. »18 Kilogramm für Dransdorf«, murmelt er vor sich hin, betrachtet die Anzeige der Waage, holt einzelne Stangen aus der Kiste, bis es passt. Was so eine Kiste Rhabarber denn kostet? Grüsgen zuckt mit den Schultern und wiegt die nächste Kiste ab, für die Altstadt. Er kann es nicht sagen – und es spielt für ihn auch keine Rolle. Der Rhabarber, den er abwiegt, bekommt kein Preisschild. Welchen Wert er hat, bestimmen allein die Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft Bonn/Rhein-Sieg (Solawi). Der Verein hat seinen Hof gepachtet, er ist angestellt. Ohne die Solawi, erzählt Grüsgen, hätte er den Hof früher oder später aufgeben müssen. 

Überall in Deutschland entstehen neue Formen der Landwirtschaft. Weil Verbraucher wissen wollen, was sie essen, woher es kommt und wie es behandelt wurde. Weil Landwirte merken, dass es eben nicht immer schneller, immer größer, immer billiger geht, sondern dass es irgendwann eine Grenze gibt – für Mensch und Tier. Weil beide Seiten merken, dass sie das System nicht ändern können. Aber gemeinsam, im kleinen Rahmen, abseits des Marktes, ein eigenes System mit neuen Regeln aufbauen können. Ihren Regeln. Darauf setzt die Solidarische Landwirtschaft. Dabei schließen sich Verbraucher und Landwirte zusammen. Gemeinsam finanzieren die Mitglieder des Vereins den Anbau von Obst und Gemüse. 

Bis 2003 gab es in Deutschland gerade mal drei Höfe, die nach diesem Prinzip wirtschafteten. Jahr für Jahr kamen ein paar hinzu. Doch seit 2011 steigt die Zahl der solidarischen Höfe rasant. Im Mai 2016 waren es 100, derzeit sind es 142 – zwölf davon in Nordrhein-Westfalen. Die Bonner Solawi gibt es seit 2011. Die Gemeinschaft merkte schnell, dass es nicht immer einfach ist, andere Wege zu gehen. Jedes Mitglied bringt seine ganz eigenen Überzeugungen und Gründe mit. Das erzeugt Synergien – und Reibungen.

In Bonn-Dransdorf ist am Donnerstag Erntetag. Rhabarber, Spinat, Salat, Frühlingszwiebeln und Mangold landen heute in bunten Kisten. Später werden sie in verschiedene Depots in und um Bonn verteilt, wo die Mitglieder ihren Teil abholen. Hinter der Scheune, in der Bauer Grüsgen Rhabarer abwiegt, kniet Lisa Schäfer auf dem Feld. Ihre Hose ist staubig, das T-Shirt weit. Die 42-Jährige trägt Brille, Strohhut und ein offenes Lächeln. Die Solawi hatte die Demeter-Gärtnerin ursprünglich als Beraterin angestellt. »Ich sollte sie bei der Auswahl der Pflanzen und beim Anbau unterstützen. Dann wurde aus ‚ihr könnt‘ ziemlich schnell ‚wir können‘.« Mit fünf weiteren Helfern sticht Schäfer gerade Spinat. Einige werden dafür von der Solawi bezahlt, andere Mitglieder helfen freiwillig mit. Wie Eva Gruber, die jeden Donnerstag dabei ist. »Bei Wind und Wetter, egal ob es regnet oder hagelt – sie ist immer hier«, erzählt Schäfer. »Wer nicht tut, der kann auch nicht erwarten, dass es was wird«, sagt Gruber nur dazu, schneidet eine Spinatpflanze ab und steckt sie behutsam in eine Kiste. Zwischendurch grault sie immer wieder Ginny, den Hund von Lisa Schäfer. 

Neben den Vereinsmitgliedern packt auch Grüsgens Mutter Christl mit an. Sie schiebt eine Karre mit Kisten in den Hof, vollgepackt mit Rhabarber. Sie arbeitet auf dem Feld seit sie acht Jahre alt ist. Jetzt ist sie 80 und müsste es längst nicht mehr. Aber sie merkt, dass ihre Arbeitskraft, ihre Erfahrung, immer noch einiges wert ist. »Schaun‘ se sich doch die Kisten an.« Ihre Rhabarberstangen sind fast alle gleich lang und sorgfältig gestapelt, keine einzige franst an den Enden aus. »Und für die gleiche Menge haben mehrere Helfer gestern doppelt so lange gebraucht«, kommentiert ihr Sohn trocken. »Hätten wir früher so gearbeitet, wir wär‘n verhungert«, sagt Christl Grüsgen. 

Doch die Solawi funktioniert außerhalb der Faktoren Geschwindigkeit, Profit und Masse. Auch in gemächlicherem Erntetempo versorgt die Solawi Bonn jede Woche zahlreiche Mitglieder mit Gemüse, zusätzlich gibt es Eier und Brot. Neben Grüsgen und Schäfer baut auch Biolandwirt Bernd Schmitz in Hennef-Hanf für die Gemeinschaft Gemüse an. »Immer Anfang des Jahres gibt es eine Mitgliederversammlung«, erklärt Schäfer. Dann stellt sie den Anbauplan vor: wie viel die Gemeinschaft wann von was ernten kann. »Oder hoffen ernten zu können«, fügt Schäfer noch hinzu. Dann bieten die Mitglieder anonym, was sie dafür zahlen wollen. Jeder bietet, so viel wie er kann. »Dabei muss natürlich ein Sockelbetrag zusammenkommen.« Dieser lag in diesem Jahr im Schnitt bei 120 Euro im Monat. Die Ernte wird also bezahlt, bevor sie produziert wird. Verbraucher und Erzeuger teilen sich nicht nur die Kosten und die Ernte – sie teilen auch das Risiko. Der Landwirt steht nicht mit leeren Händen da, wenn es wochenlang nicht regnet.  

Dass eine Ernte komplett ausfällt, ist bei der Solawi jedoch sehr unwahrscheinlich – dafür baut sie zu viele verschiedene Pflanzen an. Statt auf Monokulturen setzt die Gemeinschaft auf Vielfalt. Nicht nur, weil es besser für den Boden ist: Niemand will schließlich den ganzen Winter nur Weißkohl essen. »Dass wir mit zwei sehr unterschiedlichen Höfen zusammenarbeiten ist ein großer Vorteil«, erklärt Schäfer. Am Bonner Stadtrand, wo der Boden sandig und das Klima milder ist, wachsen die Frühlingskulturen wie Spinat und Rhabarber. Im Siebengebirge bei Bauer Schmitz, wo der Boden reicher und es immer etwas kühler ist, gedeihen vor allem Kartoffeln sowie jede Menge Kohlsorten und Wurzelgemüse. Alles wird biologisch angebaut, in Hanf schon jetzt nach Demeter-Standard. Wenn ein Feld im Winter nicht bestellt wird, sät die Gemeinschaft Pflanzen wie Inkarnat-Klee, der den Boden lockert und Stickstoff bindet. Unkraut wird nur gejätet, wenn es überhandnimmt. Gedüngt wird mit Kompost, auf Spritzmittel und synthetischen Dünger verzichtet die Solawi komplett. 

Ein Punkt, der Werner Grüsgen sehr wichtig war. Er wollte nicht mehr, dass auf seinen Feldern – die er zuvor schon verpachtet hatte – gespritzt wird. In den 80er Jahren machte er seine Ausbildung zum Gartenbauer. Er interessierte sich früh für biologischen Anbau – und geriet deshalb mit seinem Vater aneinander. »Er ist jeden Morgen mit dem Handgerät los und hat gespritzt und gespritzt.« Selbst als sein Sohn auf einer kleinen Fläche biologisches Gemüse anbaute und damit das Dreifache verdiente, überzeugte ihn das nicht. »Er fand, dass das Gemüse nach nichts aussieht.“ So krumm die Möhren, so fahl der Spinat. »Er ist dann heimlich los und hat mir ne Ladung Dünger draufgeschmissen. Er war komplett im Spritzwahn.“ Grüsgen schüttelt langsam den Kopf. »Am Ende hat er sich totgespritzt.« Sein Vater starb an Krebs. »Ich dachte immer: Das kann nicht sein, das muss auch anders gehen.« Nun wächst zwischen dem Spinat auf seinen Feldern Unkraut, die Möhren sind auch mal krumm und haben zwei Beine. Als Ideologe sieht Grüsgen sich dennoch nicht. Das überlässt er lieber anderen. »Ich bin eher für den Pragmatismus zuständig.« Denn der, fügt er noch hinzu, sei hier durchaus auch mal angebracht. 

Diethelm Schneider wählt grün, ist gebildet und ernährt sich vegetarisch. Wie viele Mitglieder der Solawi. Seit 2013 ist er in der Kerngruppe aktiv, die hauptsächlich für die Organisation verantwortlich ist. Er hat Biologie studiert, sein Schwerpunkt war Gentechnik in der Landwirtschaft. Seitdem ist er davon überzeugt, dass die Agrarindustrie keine Zukunft hat. »Das hat mit natürlichen Prozessen doch überhaupt nichts mehr zu tun.« Irgendwann, ist er sich sicher, bricht das ganze System zusammen. »Dann ist der Boden so ausgelaugt und so überdüngt, die Tiere so überzüchtet und mit Antibiotika vollgepumpt, dass es einfach nicht mehr geht.« Für ihn ist die Solawi – oder andere Modelle, die auf marktunabhängige Strukturen setzen, nachhaltig wirtschaften und die Artenvielfalt erhalten – die Zukunft der Landwirtschaft. »Wenn der Verbraucher näher am Produkt ist – dann ist er auch bereit, mehr zu zahlen«, ist Schneider überzeugt. 

Doch: »Es ist manchmal schwerer als man denkt, aus bekannten Denkmustern auszubrechen«, sagt Lisa Schäfer. Ein Selbstläufer, das merken die Bonner schnell, ist die Solidarische Landwirtschaft nicht. Sie erfordert viel Einsatz und Engagement, auch viel Geduld und Kompromissbereitschaft – wenn Meinungen und Arbeitsweisen aufeinanderprallen. 2013 stand die Bonner Solawi vor dem Ende, die Zusammenarbeit mit dem ursprünglichen Hof funktionierte nicht mehr und in Bonn fand sich lange kein Betrieb, der bereit war, einzusteigen. 

»Aus Angst«, vermutet Landwirt Bernd Schmitz. »Viele haben auch bereits auf Abokisten umgestellt, oder haben die notwendigen Maschinen oder Flächen nicht“, wirft seine Frau Natalie ein. »Aber ich glaube, viele sorgen sich, dass das nicht funktioniert«, beharrt Schmitz. »Auch dass sie nun direkt mit dem Verbraucher kommunizieren sollen, überfordert viele Bauern. Man braucht bei so einem Projekt schon eine hohe soziale Kompetenz.« Er grinst und schaut seine Frau an, die vielsagend nickt. 

Es ist Mittagszeit in Hennef-Hanf, wo die Vögel zwitschern und kaum ein Auto vorbeirauscht, und Familie Schmitz sitzt beim Essen. Es gibt, was gerade auf den Feldern wächst: Möhren, Pastinaken, Lauch. »Man kommt gar nicht mehr in Versuchung, etwas außerhalb der Saison zu kaufen«, sagt Bernd Schmitz. Der Biobauer wollte die Solawi ursprünglich nur mit Milch beliefern – der Haupterwerb der Familie seit vielen Generationen. Doch als er hörte, dass die Solawi keinen Partnerbetrieb fand, beschloss er, größer einzusteigen. Seitdem wachsen auf seinen Feldern, auf denen er früher hauptsächlich Klee und Kartoffeln anpflanzte, 25 verschiedene Kulturen.

Was andere Landwirte abschreckt – der direkte Kontakt zum Verbraucher – hat Schmitz und seine Frau an der Solawi gereizt. »Wenn die Mitglieder den Aufwand, die Arbeit sehen, ist die Wertschätzung eine ganz andere«, sagt Bernd Schmitz. Gegenüber dem Bauern – und den Pflanzen. »Man hat einfach ein anderes Verhältnis zur Kartoffel, wenn man vorher tagelang Kartoffelkäfer gesammelt hat«, ist Natalie Schmitz überzeugt. Und dass die Solawi-Mitglieder dank ihnen nun Nutzpflanzen von Unkraut unterscheiden können und wissen, wie schön blühender Kohl aussieht, macht die beiden auch ein wenig stolz. 

Für Schmitz ist die Solawi ein Zukunftskonzept – auch für ihn ganz persönlich. Denn während in der gesamten Umgebung die Höfe sterben, weil der Nachwuchs andere Pläne hat, kümmert sich die älteste Tochter Daniela auf seinem Hof unter anderem um den mobilen Hühnerstall, der die Solawi mit Eier versorgt. »Wir haben zwei neue Stellen geschaffen, seit wir mit der Solawi zusammenarbeiten – für meine Tochter und einen weiteren Helfer«, sagt Schmitz. Und die 14-jährige Tochter Hannah »managt« mit Begeisterung den Kresseanbau für die Solawi, den die Garten-AG der Waldorfschule in Sankt Augustin-Hangelar übernommen hat. 

»Es macht einfach mehr Spaß,  in einer Gemeinschaft zu arbeiten, Teil davon zu sein«, sagt Schmitz. Er glaub daran, dass sich die Solidarische Landwirtschaft weiter ausbreiten wird – wie eigentlich jedes Mitglied der Bonner Solawi. Weil es eben trotz aller Reibereien immer ein Miteinander und kein Gegeneinander ist. Eben tatsächlich solidarisch. 

Weitere Informationen gibt es im Netz unter www.solidarische-landwirtschaft.org 

Special
06 / 2017

Wo den Möhren Beine wachsen

Von: Sarah Weik


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