Werner Ruhnau. Foto: Carsten Mark

Am liebsten ohne Wände

Blaubaumeister, Spielraumkünstler: Der Architekt Werner Ruhnau wird 85

TEXT: KATRIN PINETZKI

Die Besucher in der ersten Reihe halten entsetzt den Atem an. Da klettert dieser alte Mann vor ihnen tatsächlich auf die schmale Sitzbank, schwankt kurz, bleibt dann ruhig stehen und zeigt mit großer Geste aus dem Fenster. Keine Sekunde hat er dabei aufgehört zu erzählen. Das Musiktheater in Gelsenkirchen ist sein Gebäude, die Sitzbänke sind seine Entwürfe, den Panorama-Blick über die Florastraße bis hin zum Hans-Sachs-Haus haben sie ihm zu verdanken. Und es war nicht einfach, all das durchzusetzen, davon erzählt er den Besuchern der Architekturführung durch Gelsenkirchens wohl berühmtesten Bau gerade. Werner Ruhnau, in diesem April 85 Jahre alt, liebt es, mit seinen Zuhörern zu spielen, liebt die Selbstdarstellung. Vielleicht hat er sich deshalb schon als junger Mann auf Theaterbau spezialisiert.

Deutschland, frühe 1950er Jahre. Es ist eine gute Zeit für junge Architekten. Ruhnau, am 11. April 1922 in Königsberg geboren, hat nach seinem Studium in Danzig, Braunschweig und Karlsruhe gerade sein Diplom in der Tasche und den ersten Job in Münster angetreten: Er ist an der Planung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landwirtschaftskammer beteiligt. Da beschließen die Stadtväter: Münster soll sein Theater wiederbekommen, als erste deutsche Stadt nach dem Krieg. Werner Ruhnau war dabei. »Ein Theater ist eine ästhetische Kirche«, findet Ruhnau, »und damals waren neue Sinnstifter gefragt.« Als »Donnerschlag in der Theaterarchitektur« feierte die Fachpresse den Neubau, nachdem die Stadt sich gegen eine Rekonstruktion des zerstörten Jahrhundertwende-Theaters entschieden hatte: Ein flacher, kastenartiger Bau mit emporragendem runden Bühnenhaus, der Passanten von außen einen großzügigen Blick durch die raumhohen Fenster erlaubt.

Einigen der damaligen Sinnstifter allerdings ging das Modell des Architektenteams (neben Ruhnau Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave) nicht weit genug: »Als er unseren Entwurf sah, trat mir der Dramaturg Claus Bremer in den Hintern«, erinnert sich Ruhnau. Bremer habe den gefeierten Neubau »total konventionell« gefunden: »Wir wollen auch mal anders spielen als nur von vorne und von oben herab.« Auch das Theater wollte nach dem Krieg nicht weitermachen wie bis dato, neue Raumkonzepte waren gefragt – Ideen dafür hatten die BauhausKünstler um Walter Gropius und der Regisseur Erwin Piscator schließlich bereits in den 1920er Jahren entwickelt.

Die Begegnung mit dem Dramaturgen Bremer beeindruckte Ruhnau zutiefst. »Man kann nicht nur im, sondern auch mit dem Raum spielen – so wie John Cage mit statt nur auf dem Klavier gespielt hat. Das wurde mir klar«, schildert Ruhnau. Und: Ein Theater ist ein Spiel-Raum nicht nur für Schauspieler, sondern für alle, die sich darin bewegen – »so lange, bis sich der Zuschauer nach Brecht auf seinen Arsch setzt und vor sich hindöst«, so Ruhnau. Erkenntnisse, die in sein nächstes Projekt einfließen sollten – jenes Projekt, das Werner Ruhnau schlagartig zum Architekten von Weltrang machte. »Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier ist der Tritt in die Moderne«, urteilt der Architekt über sein inzwischen denkmalgeschütztes Werk von 1959. Ein Gebäude von zeitloser Schlichtheit, unaufdringlich und nicht vorrangig auf Wirkung bedacht – und vielleicht gerade deshalb wirkend.

Wie viele Architekten, die die Moderne in die Städte brachten, wohnt Werner Ruhnau selbst in einem Altbau. Das 1909 erbaute Haus mit Blick auf Essen-Werden war Festhaus, Hotel, Krankenhaus. Gäste empfängt Ruhnau gerne im Büro, am runden Tisch unter einer selbst entworfenen Lampe, im Blick stets das meterhohe Gemälde, das ihn und seine Lebensgefährtin zeigt. Auf dem Bild trägt er Hornbrille und Strickkappe, Hemd und Weste, darüber ein Sakko. Genauso sitzt er nun da und erzählt.

Etwa dass der Entwurf für das hochgelobte Musiktheater auf eine Grundidee seines berühmteren Kollegen Mies van der Rohe zurückgeht. In Ruhnaus Archiv können Besucher sich den Entwurf anschauen, mit dem van der Rohe den Wettbewerb für das Mannheimer Nationaltheater gewann. Ge-baut wurde er dort freilich nicht – teils aus den gleichen Vorbehalten, die zunächst auch Ruhnau in Gelsenkirchen zu hören bekam: Ein Glasbau? Die ganze Stadt soll dabei zuschauen können, wie sich die bessere Gesellschaft in Festgarderobe im Theater amüsiert? Ruhnau willigte ein, vorsichtshalber eine Vorhangschiene an die Fenster anzubringen. Tatsächlich verschandelte nie ein Vorhang die Glasfassade des Musiktheaters, er hätte die Grundauffassung des Architekten verletzt, der die hehre Kunst ja gerade öffnen, in die Stadt tragen wollte. Lieber noch als Glaswände wären Ruhnau gar keine Wände gewesen – die Stadt macht Theater statt Stadttheater.

Doch weniger die riesige Glasfront machte Ruhnaus Musiktheater berühmt; auch nicht der elegant geschwungene, ganz in Schwarz-Grau gehaltene Zuschauerraum, der eine wunderbare Einheit von Bühne und Auditorium suggeriert. Das Musiktheater wurde wohl vor allem berühmt durch die Idee, von Anfang an Künstler einzubeziehen und dadurch Baukunst statt bloßer Kunst am Bau zu schaffen: »Ich konnte mir Bauen ohne bildende Künstler nicht vorstellen«, sagt Ruhnau, selbst Sohn einer Malerin. Das Kleine Haus des Musiktheaters beherbergt eine bewegliche Installation von Jean Tinguely, die Außenseite der Kassenhalle eine Plastik von Robert Adams, außen am Kleinen Haus hat Norbert Kricke sich verewigt, die Außenwand des Auditoriums zeigt ein Relief von Paul Dierkes – und das Foyer schließlich die großflächigen Schwamm-Reliefs des Franzosen Yves Klein. Die Idee, Kunst und Bau zu vereinen, mündete sogar in einer »Bauhütte« nach mittelalterlichem Vorbild, in der Künstler, Handwerker und der Architekt als kreative Wohngemeinschaft zusammen lebten.

Architektur und Kunst untrennbar miteinander zu verbinden, das ist Ruhnau mit seinem Musiktheater gelungen – um den Preis, dass Yves Klein und seine Reliefs sogar berühmter wurden als er, dass Klein manchmal gar für den Architekten gehalten wird. Werner Ruhnau wird nicht müde, die Dinge gerade zu rücken – besonders jene, die nach seiner Ansicht von Yves Kleins Erben verdreht und verfälscht werden. »Als meine Frau Anita und ich Yves entdeckten…«, sagt Ruhnau, oder: »Als ich in Gelsenkirchen Yves Klein ins Spiel brachte …« Ruhnau hat Yves Klein den Weg erst geebnet, das ist ihm wichtig. Eine ultramarinblaue Leinwand, gezogen auf Holz, das entdeckten Anita und Werner Ruhnau im winzigen Hinterraum einer kleinen Galerie in Paris, die das Ehepaar im März 1957 anlässlich der Ausstellungseröffnung ihres Freundes, des Bildhauers Norbert Kricke besuchten. »Yves war mir sofort sympathisch«, erinnert sich Ruhnau. Der smarte Franzose erklärte dem Deutschen, dass er Tabula Rasa gemacht habe und nur noch monochrome Bilder male. Das Ergebnis überzeugte Werner Ruhnau sofort. Die Gelsenkirchener Stadtväter und -mütter brauchten ein wenig länger. Erst musste Yves Klein eine Ausschreibung gewinnen, bei der auch heimische Künstler beteiligt wurden, die für die Gestaltung des Foyers abstrakte, nierenförmige oder geometrische Formen vorschlugen. Gott sei Dank, sagt Ruhnau, sah die Stadt ein, dass man das so nicht machen kann.

Doch die Entscheidung für Klein bedeutete noch nicht die Entscheidung für das berühmt gewordene Blau. Blau erschien einer gewichtigen Fraktion im Gelsenkirchener Stadtrat nicht festlich genug. Parallel arbeitete Klein also an weißen Reliefs, versuchte die städtischen Kulturpolitiker jedoch weiter vom Blau zu überzeugen, zuletzt mit einer furiosen Rede vor der Theaterbaukommission. Vielleicht noch wichtiger als Kleins geschliffene Worte war die Unterstützung durch einen Gewerkschaftsführer der mächtigen IG Metall. »Nicht festlich?«, habe der ausgerufen, »meine Frau hat ein Abendkleid in genau der Farbe. Wenn das nicht festlich ist!«

»Gelsenkirchener Blau«, sagt Werner Ruhnau automatisch, wenn er von Yves Kleins Schwammreliefs spricht, mit Betonung auf »Gelsenkirchener«. »Wie das Gelsenkirchener Blau auf Yves Klein kam«, lautete der Titel einer Ausstellung am Museum Wiesbaden vor zwei Jahren – eine Ohrfeige für die Klein-Erben, die nach wie vor behaupten, es gebe ein Patent für das »International Klein Blue«, kurz IKB. Ruhnau hat seine Version der Geschichte oft erzählt: Yves sei mit einem »sagenhaften Bindemittel« ins Theater gekommen, das der Farbe ihre Leuchtkraft gebe, dessen Zusammensetzung er aber nicht haben verraten wollen. Dann kam heraus: Es waren Aceton und Alkohol –Nagellackentferner. Sofort verbot der Oberbauleiter die brandgefährliche Mischung, die noch dazu nicht einmal funktionierte: Auf dem Weg von der Düse aufs Bild verdunstete das Azeton. Letztlich spritzte ein Malermeister eine mit Ultramarinpigment vollgemischte Dispersionsfarbe, versetzt mit Gelsenkirchener Leitungswasser, auf die Reliefs – und erzielte damit optimale Deck- und Leuchtkraft, so Ruhnau. Die Farbe hält bis heute.

Berühmt geworden ist Ruhnau mit seinem Musiktheater; reich wurde er damit nicht. »Das Honorar von 750.000 DM, das mir damals unverstellbar viel vorkam, musste ja mehrere Jahre reichen – und ich ging hoch verschuldet in den Bau«, so Ruhnau. Geld verdient habe er erst durch die Planung einer Einfamilienhaus-Siedlung in Erftstadt-Lechenich. Später kam, zusammen mit Werkbund-Architekten, die Siedlung »Stadtmauer« in Oberhausen dazu, die die Obergeschosse der Häuser durch eine begeh- und (natürlich) bespielbare Mauer erschließt. Werner Ruhnaus Leidenschaft aber blieben Theater. Das Schauspielhaus Frankfurt, das Grillo-Theater Essen und zuletzt 1995 das Theater Stendal baute er um, ein ehemaliges Schwimmbad in Oberhausen wurde unter seiner Regie zur Spielstätte »Ebertbad«. So unterschiedlich sie auch sind, eins haben seine Theater-Projekte gemein: Die Idee vom »Raumtheater«, das auf jede Weise und in jede Richtung bespielt werden kann. Die neue Schaubühne in Berlin ist das Vorbild: Dort sei Walter Gropius’ Idee vom »Totaltheater« am konsequentesten verwirklicht. Ansonsten ist der Theaterbauer Ruhnau nicht einverstanden mit den meisten Schauspielhäusern der Moderne. Düsseldorf? »Ein 08/15-Theater mit einer modernen Haut wie eine Plastik von Hans Arp, aber innen stockkonventionell.«

»Wenn wir mündige Bürger sein wollen, dann geht es nicht an, dass unsere Theatermacher sich vors Publikum stellen wie die Lehrer mit dem Stock vor die Schüler«, findet Ruhnau. »Man kann aber auch nicht als Akteur von der Bühne klettern und dem Publikum sagen: So, jetzt mach mal mit. Das muss von Anfang an mit gedacht sein.« Umso enttäuschender findet es der Architekt, dass Intendant Hansgünther Heyme nach dem Umbau des Essener Grillo-Theaters die neue Multifunktionalität des Hauses nicht stärker genutzt hat. »Es ist wieder ein stinknormales Theater«, ärgert sich Ruhnau.

Der Mann hängt an seinen Arbeiten, an seinem Lebens-Werk. Im Ruhnau-Archiv hat jedes seiner Bauprojekte seine eigene Ecke: Da ist die »Spielstraße«, ein Mitmach-Projekt aus mehreren kleinen und großen Bühnen für die Olympischen Spiele 1972 in München. Zuschauer und Gäste wurden damals – ganz im Sinne des partizipatorischen Theaters – aufgefordert, ihr Stück selbst zu spielen. »Zehn Tage lief das super, dann wurde die Straße wegen des Attentats auf die israelischen Sportler gestoppt«, so Ruhnau. Auch nie verwirklichte Modelle sind zu sehen wie der »Tempel der Elemente«, eine Installation aus Luftdach, Wassersäulen und Fackeln, die Yves Klein und Werner Ruhnau gerne vor das Musiktheater gesetzt hätten. Oder Pläne eines »Luftdachs« für die Freilichtbühne Bad Hersfeld: Düsen sollten nach Ruhnaus und Kleins Vorstellung so starke Luft über die Besucher blasen, dass Regen sofort seitlich weggetra-gen würde. Auch fremde Entwürfe, die Ruhnau inspiriert haben, stehen in seinem Archiv – etwa ein Modell von Heinrich Tessenows Festspielhaus in Dresden-Hellerau von 1910: der erste Theaterbau ohne eine Trennung von Zuschauerraum und Bühne.

Ruhnau empfängt gerne Besucher, er hält Vorträge, er leitet Architektur-Führungen durch sein Gelsenkirchener Theater. Rechtzeitig zu seinem Geburtstag öffnet eine Ausstellung, die sein Gesamtwerk zeigt – sie speist sich aus dem wohlgeordneten Archiv des Architekten.

»Werner Ruhnau. Der Raum, das Spiel und die Künste«. Eine Ausstellung des M:AI (Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW) vom 15. April bis 24. Juni im Gelsenkirchener Musiktheater.
www.ruhnau.info / und www.mai.nrw.de

Architektur
04 / 2007

Am liebsten ohne Wände

Von: KATRIN PINETZKI


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: