Baustoffe als 
Erzählstoff

In der M:AI-Ausstellung »Visionäre und Alltagshelden« lässt sich die Geschichte des Bauingenieurwesens nachvollziehen.  

TEXT HONKE RAMBOW

Das M:AI (Museum für Architektur und Ingenieurkunst) trägt zwar die Ingenieure im Namen, aber wenn es um Publikumswirksamkeit geht, sind Ausstellungen zur Architektur im Vorteil. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die Bauingenieure im Hintergrund, ihre Namen sind dem interessierten Laien weitgehend unbekannt. Nun widmet sich das M:AI mit der Gelsenkirchener Ausstellung »Visionäre und Alltagshelden«, die zuerst im Oskar von Miller Forum, München zu sehen war, den Technikern des Bauwesens. Es wäre einfach gewesen, nur auf die Höchstleistungen der Ingenieure zu setzen, den längsten Tunnel, die höchste Brücke, und auf bekannte Figuren wie Gustave Eiffel, Frei Otto und Ove Arup. Sie haben ihren Platz in der Schau, doch die große Erzählung ist eine andere. 

Der historische Teil startet im 18. Jahrhundert, dort, wo Bauingenieure erstmals nicht mehr nur für militärische Zwecke arbeiten, sondern in England das »Civil engeneeiring« beginnt. Anhand einzelner Personen, die in kurzen Lebensläufen vorgestellt werden, ihren Ideen und einem übergeordneten Zeitband, das wichtige gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse listet, wird die Geschichte des Bauingenieurswesens erlebbar. Bemerkenswert ist, dass in der Ausstellungsarchitektur die enge Verzahnung und Abhängigkeit zwischen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen und technischen Innovationen deutlich wird. Straßenbau, Eisenbahn, Tunnelbau, Brücken, die Einführung von Eisen und Stahl als Baustoff sowie des Spannbetons trieben Ingenieursleistungen voran oder sie entstanden, um Probleme zu lösen, die durch die zunehmende Industrialisierung oder das rasante Wachstum der Städte aufkamen.

Über die Vielzahl der Biografien erschließt sich zudem unmittelbar, wie das Ausbildungs- und Berufsbild des Bauingenieurs sich erst spät konstituierte und verfestigte. Zunächst waren es überwiegend Autodidakten, die mit ihren Büros nationale Keimzellen bildeten, aus denen dann die nächsten Generationen hervorgingen. Viele Namen sind wohl nur dem Technikhistoriker bekannt. Wer nicht vertraut mit der Geschichte ist, wird erst im späten 19. und 20. Jahrhundert Bekannte wie Dyckerhoff, Monier, Buckminster Fuller, Šuchov oder Peter Rice finden. 

In einem zweiten Teil widmet sich die Ausstellung aktuellen Herausforderungen und Lösungen des Bauingenieurswesens, etwa mit Thementafeln zu Nachhaltigkeit, Infrastruktur, Energie, Verkehr, Hochhausbau, Hochwasserschutz und Tunnelbau. Auch hier geht der Ansatz über die rein technische Leistung hinaus und ordnet sich in soziale, gesellschaftliche und globale Fragestellungen ein. Damit gelingt es mühelos, sowohl Spezialisten und mehr noch den Laien für das Sujet zu interessieren, indem der Fokus sich auf das Alltägliche richtet. Auf Straßen ist jeder unterwegs, dass der mehrschichtige Straßenbelag mit Asphaltdecke von einem findigen Ingenieur entwickelt wurde, der den Autoverkehr dadurch überhaupt erst ermöglichte, ist einem kaum bewusst. Dass stützenfreie Hallen und Stadionüberdachungen erst durch den Spannbeton machbar wurden, ist ebenfalls den Visionären und Alltagshelden zu verdanken, von denen die klug kuratierte Ausstellung berichtet.   

Visionäre und Alltagshelden: Stadt.Bau.Raum, Gelsenkirchen,
bis 1. Juli 2018,
www.mai-nrw.de 

Architektur
06 / 2018

Baustoffe als 
Erzählstoff

Von: Honke Rambow


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