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Applaus für die Seele!

"Unten" ist unser Schwerpunkt im November. Dazu passt das Menschensinfonieorchester, in dem auch Musiker von der Straße spielen – auf Augenhöhe.

Eine Geige, zwei Saxophone, ein Akkordeon, ein Klavier. Und dazu: eine Gitarre vom Müll, eine zerbeulte Barockposaune und ein Zupf-Bass, der aus einer Teekiste, einem Besenstiel und einer Wäscheleine zusammengebastelt worden ist. Nicht nur die Instrumente sind bei dieser Big-Band ungewöhnlich. Die Mitglieder sind es auch: Denn das Kölner Menschensinfonieorchester ist das erste und bisher einzige Ensemble in Deutschland, in dem ausgebildete Musiker mit solchen zusammenspielen, die ganz unten leben. Seit 2001 musizieren sie miteinander auf Augenhöhe. Nicht nur auf dem Papier klingt das großartig.

Sinfonieorchester gibt es einige in Deutschland. Aber das Kölner Menschensinfonieorchester ist vielleicht das ungewöhnlichste von allen. Es zählt zurzeit 19 Mitglieder und das auch nur dann, wenn alle zur Probe kommen und einigermaßen nüchtern sind. Sie spielen eine Geige, zwei Saxophone, ein Akkordeon, Klavier, E-Bass und diverse Perkussion-Instrumente. Dazu gesellt sich aber auch eine Gitarre vom Müll, eine zerbeulte Barockposaune und ein Zupf-Bass, der aus einer alten Teekiste, einem Besenstiel und einer Wäscheleine zusammen gebastelt worden ist. Am ungewöhnlichsten aber sind die Mitglieder. Denn das Menschensinfonieorchester ist das erste und bisher einzige Ensemble in Deutschland, in dem ausgebildete Musiker mit solchen zusammenspielen, die ganz unten leben. Sie haben erst die Arbeit und dann die Wohnung verloren. Oder sie sind drogen- oder alkoholabhängig. Manchmal kommt bei ihnen aber auch alles zusammen.

Der evangelische Pfarrer Hans Mörtter ist der Kopf hinter diesem Orchester. Zum Thema Wohnungslosigkeit sagt er: »Die Politik könnte hier aktiver einschreiten, aber sie tut bislang nichts.« Allein in Köln leben zurzeit 4500 obdachlose Menschen: »Man bräuchten ein Votum für ausgewogenes Wohnen, eine Mietpreis-Bremse und dass die Städte massiv nach Vorkaufsrechten in allen Ecken suchen. Also offensiv rangehen und schauen, wo man in den Städten für die Zukunft Häuser kaufen kann – um diese nicht den Miet-Haien zu überlassen.« Hans Mörtter packt viele brisante Themen an. Seine Gottesdienste drehen sich schon mal um Themen wie Straßenprostitution oder Folter in Terror-Regimen. Die Kirche der Luther-Gemeinde in der Kölner Südstadt nutzt er für unterschiedlichste Kultur-Events. Hier organisiert der Seelsorger auch Hochzeiten für schwule und lesbische Paare und sorgt so für ein wertschätzendes Miteinander in seinem Umfeld. Mörtter, der 1955 in Bonn geboren ist, übernimmt dabei viele Rollen. Er ist Familienvater, Seelsorger, Spendensammler, Karnevalist, Fahrradfahrer und Fortuna-Köln-Fan. Eigentlich hatte der untypische Kirchenmann Psychologe oder Schauspieler werden wollen. Doch sein tief verwurzelter Glaube brachte ihn schließlich zum Theologie-Studium. 

Im Menschensinfonieorchester ist einer der Musiker der Percussionist Ghmeh Farren. Er war Hals über Kopf 1985 aus dem Iran geflohen, wo er als politisch Verfolgter gefoltert wurde. In Köln gelang es ihm nicht, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Er fing an zu trinken und schlief in Parks. Nach vielen Umwegen hat er heute aber wieder einen festen Wohnsitz und sogar seine Sucht überwunden. Die Proben mit dem Orchester sind in seiner Woche feste Termine. Die anfänglichen Schmährufe, dass regelmäßige Proben und verbindliche Konzerte mit der Mischung der unterschiedlichen Musiker nicht durchführbar sind, erwiesen sich schnell als haltlos. »Das gesamte Orchester umfasst einen Querschnitt durch unsere Gesellschaft«, sagt Hans Mörtter und zählt dann auf: »Es gibt hier eine Sozialarbeiterin, Lehrer oder Künstler. Einer unserer beiden Saxophonisten ist blind, der ist ein ganz besonders toller Musiker. Wir haben jemanden dabei, der geistig behindert ist. Es gibt Menschen mit psychischen Problemen oder welche, die alkoholabhängig sind.«

Die musikalische Grundrichtung des Orchesters ist eine Art Weltmusik mit Elementen des Blues, Rock, Jazz und Ska. Sie covern Stücke wie das italienische Partisanenlied »Bella Ciao« oder den Titelsong vom Film »Der Pate«. Dazu gesellen sich viele Eigenkompositionen. Geprobt wird ein- bis zweimal in der Woche im Gemeindesaal – die Räume stellt der Pfarrer zur Verfügung. »Es gibt aber auch Einzelproben, wenn die Bläser mal ein besonderes Arrangement ausarbeiten wollen.« 

Die Anerkennung für das Orchester wächst. 2015 gab es sogar eine Einladung zum Sommerfest des Bundespräsidenten. Joachim Gauck hatte Leute ins Schloss Bellevue eingeladen, die das Ehrenamt in herausragender Weise mit Leben füllen. »Manchmal sind wir auch bei Vernissagen zu Gast«, sagt Mörtter, »das ist schon witzig, weil sich da ja eher die High-Society trifft. Wenn unser Orchester dazu kommt, prallen schon mal Welten aufeinander.« Genauso spielen sie auch auf Punk-Festivals. Ihr Ziel? »Geile Mucke« zu machen. »Viele aus dem Orchester haben sich durch diese kleinen Erfolge stabilisiert, das gibt ihnen Bestätigung. Es tut der Seele gut, wenn die Musiker auf der Bühne stehen und Applaus bekommen.«

Hans Mörtter ist eher der Strippenzieher im Hintergrund. Die musikalische Seite liegt in der Verantwortung von Alessandro Palmitessa, der es immer wieder schafft, den bunt zusammengewürfelten Haufen in ein Ensemble zu verwandeln. Palmitessa stammt aus Italien. Er ist Klarinettist, Saxophonist und Komponist. An der Musikhochschule hat er Jazz und klassisches Saxophon studiert und lebt seit 1998 in Köln. Für die Band setzt er sich mit viel Herzblut ein. Mittlerweile gibt es mehrere Tonträger – die allererste war unter anderem mit prominenten Gastmusikern wie dem Harald-Schmidt-Show-Bandleader Helmut Zerlett, dem Trompeter Markus Stockhausen oder dem prominenten Straßenmusiker »Klaus,  der Geiger« entstanden, der zuletzt öffentlichkeitswirksam am Hambacher Forst aufgetreten war. 

Wie kann man die Welt mit kleinen Mitteln etwas besser machen? »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde«, so heißt es im »Kategorischen Imperativ«, den Immanuel Kant 1785 in seiner »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« formulierte. Genau nach dieser Kant-Lehre scheint Hans Mörtter zu leben: »Wenn ich mal ein Thema angepackt habe«, so sagt er selbstbewusst, »dann bleibe ich auch dran.« Dabei ist der Seelsorger in vielen weiteren Feldern aktiv. In dem Kölner Neubauprojekt »Parkstadt-Süd« etwa plant er gerade ein Obdachlosen-Hotel, das in drei Jahren Wirklichkeit werden soll. »Wir rechnen mit 900 Quadratmetern Wohnfläche, die auf sechs Stockwerken Platz haben werden. Etwa 100 Appartements für Obdachlose sollen dann dort Platz finden.« Geplant sind dann auch Studenten-Appartements. Die Durchmischung ist dem Pfarrer wichtig: »Ich denke, einige wird dieses Thema nicht mehr loslassen und sie werden sich zukünftig weiter für Menschen engagieren, denen es nicht so gut geht.« Bevor es mit dem ambitionierten Projekt für Wohnungslose aber weitergeht, steht zunächst ein Event in seiner Gemeinde an: Am 28. November ist ein italienisches Kulturfestival geplant. Klar, dass dort dann auch das Menschensinfonieorchester auftritt.

Das Menschensinfonieorchester ist immer wieder auf Spenden angewiesen und jede Unterstützung auf das Konto SÜDSTADT-LEBEN e.V. bei der Bank für Kirche und Diakonie hilft: IBAN: DE18 3506 0190 1013 4760 51 – Stichwort: MSO Patenschaft

Mehr Infos unter www.menschensinfonieorchester.de

Schwerpunkt
11 / 2018

Applaus für die Seele!

Von: Peter Hesse


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