Fotos: Honke Rambow - Evangelische Kirchengemeinde Altstadt / Frank Banowski

Gute Häuser, schlechte Häuser

In seiner Kolumne "Gute Häuser, schlechte Häuser" betrachtet Honke Rambow diesmal: Kirchenfenster.

Kirchen im Dezember. Natürlich ein Thema. Selbst für manchen Menschen, der Sakralbauten ansonsten nur als touristische Highlight am Urlaubsort besucht. Bachs Weihnachtsoratorium braucht einfach den stimmungsvollen Rahmen, genauso wie große Teile der Orgelliteratur auch im Konzertsaal nur halb so authentisch klingen. Mit etwas Glück bietet die sonst wenig beachtete heimische Kirche dann auch noch zeitgenössische Kunst. Selbst jenseits von Gerhard Richters allzu prominenten Farbfeld-Fenstern im Kölner Dom hat NRW auch anderorts moderne Glaskunst von Rang zu bieten. Das Thema ist weit architektonischer, als es zunächst erscheinen mag. Wenn es sich nicht um einen Kirchenneubau handelt, gibt die Architektur für die Fenstergestaltung Maß und Unterteilung vor. Neben einem thematischen und religiösen Ansatz wird der Glaskünstler im besten Fall auch die Rückwirkung seiner Gestaltung auf den umgebenden Raum bedenken. Lichteinfall und Farbgebung wirken auf das gesamte Raumerlebnis zurück. 

In Essen befindet sich die weltweit einzigen Kirchenfenster des 2011 verstorbenen New Yorker Malers James Rizzi. Im Querschiff der Kreuzeskirche, die heute auch als Veranstaltungsraum vermietet wird, wurden postum 2016 zwei Arbeiten eingeweiht. Dass der Maler, der oft der Pop Art zugerechnet wird und selbst fast Popstarqualitäten hatte, sich auch auf dem Feld der Glaskunst umtat, überrascht kaum. Rizzi überzog mit seinen bunten Figuren, die sich oft zu Wimmelbildern verdichten, fast alles: Häuser und Flugzeuge, Straßenbahnen und VW-Beetle, Lokomotiven und eine Ausgabe des Brockhaus. Auch in der Kreuzeskirche geht es knallbunt und detailreich zu. Putzig dahingekrakelte Menschen, die alle bester Laune sind, wechseln sich mit wohlfeilen religiösen Symbolen ab. Lamm, Fischerboot, Engelchen, Weinkelch. Und wo noch Platz war, hat Rizzi ein paar Blümchen, Herzchen, Berge, Sternchen und Vögelchen hingekritzelt. Der eisenharte Rizzi-Verehrer wird die unvergleiche, kindliche Naivität und Reinheit der Fenster bewundern. Die anderen beschließen, dass sie das scheußliche Rizzi-Kochbuch, das sie irgendwann mal geschenkt bekommen haben, dringend entsorgen müssen. 

Mit sehr viel weniger Farbe und Belanglosigkeit arbeitet Johannes Schreiter. Der 1930 geborene Künstler, der in den 50ern mit Brandcollagen berühmt wurde, gestaltete seit 1960 über 2000 Kirchenfenster weltweit. Arbeiten in NRW befinden sich in Münster, Wüllen und in der St. Marien Kirche in der Dortmunder Innenstadt. Im Hauptchor der gotischen Kirche steht der bedeutende Marienaltar von Conrad von Soest aus dem Jahr 1420. Den Flächen unmittelbar dahinter gab Schreiter ein dunkles Braun, um die Wirkung des Altares nicht durch Gegenlicht zu beeinträchtigen. Darüber hellen sich die Glasflächen auf. Ein feines vertikales Linienraster nimmt die gotische Linienführung auf. Der Dreipaß ist in reinem Weiß gehalten. Von dort streben wiederum einzelne braune Flächen nach unten und suchen die Verbindung zur Erde. Brüche und Sprünge stören an mehreren Stellen das strenge Linienraster. Die äußerst zurückgenommene Arbeit Schreiters entwickelt eine kontemplative Wirkung als Meditation über den niemals ganz geraden und einfachen Weg. Ob nun zu Gott oder einem anderen Ziel – das überlassen die Fenster dem Betrachter.  

www.kreuzeskirche-essen.de
www.st-marien-dortmund.de

Architektur
12 / 2018

Gute Häuser, schlechte Häuser

Von: Honke Rambow


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: