Maria_KoltschinKö-Bogen

#Köbogen

Was alle sehen sollen, wird geteilt. Das ist das Prinzip sozialer Netzwerke. Und das Ziel der Entwickler des Düsseldorfer Kö-Bogens II.

TEXT UTA WINTERHAGER

Als der heiße Sommer 2018 noch frisch war, gab es ein Pressegespräch im Düsseldorfer Dreischeibenhaus. Dem zu Füßen liegt die gewaltige Baustelle des Kö-Bogens II. Als »bautechnisch einmalig – architektonisch spektakulär« stellten der Immobilienentwickler CENTRUM (Düsseldorf) und die B&L Gruppe (Hamburg) das Projekt vor. Der von Ingenhoven Architects geplante Bau solle der »Höhepunkt in Düsseldorfs neuer Mitte« werden. Neben den Visualisierungen mit betont synthetischer Attitude gab es interessante Einblicke in die Strategie der Entwickler: Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg der Immobilie sei neben der »Location«, wie es hieß, die hohe Attraktivität für die sozialen Medien. Die Menschen sollten vor dem neuen Komplex Selfies machen und ihren Standort tausendfach mit der Welt teilen. Denn der neue Ingenhoven-Komplex soll »instagrammable« sein. Ein englischer Begriff, der so viel bedeutet wie »geeignet/es wert sein, auf Instagram gepostet zu werden«. Am 20. Juni 2018 hat der Online-Dienst Instagram die Marke von einer Milliarde aktiver Nutzer geknackt. Über die App teilen die Nutzer dort ihre Stimmungen, Aussichten, Standorte und Erlebnisse mit der Welt. Darauf haben auch längst Lifestyle-Magazine wie Forbes und Vogue reagiert, die regelmäßig Listen der »most instagrammable places/spots« von Helsinki bis Barcelona veröffentlichen. Im Online-Auftritt des Magazins »Time Out« hat es der Kö-Bogen I bereits in die Top-Ten der fotogensten Orte geschafft – gleich nach dem K20, dem Medienhafen und Schloss Benrath.

In sieben Schritten zum perfekten Instagram-Bild
Welche Orte, welche Gebäude, Marken und Personen bei Instagram erfolgreich sind, entscheidet nicht der Zufall, sondern der Schwarm der Nutzer. Wie sie ticken, was sie mögen und verbreiten möchten, folgt einem Regelwerk. Es zu fassen, zu entschlüsseln, um ihm im besten Fall einen Schritt voraus zu sein, haben sich viele zur Aufgabe gemacht. Das australische Büro Valé Architects etwa bietet auf seiner Homepage sogar einen »Instagram Design Guide« zum Download an. In sieben Punkten erläutern sie, was die Community zum Fotografieren und Verbreiten animiert: Kurz gefasst braucht man eine reizvolle Landschaft, Schrift oder Beschriftung, idealerweise einen Pool, interessantes Licht, Wandbilder oder Fliesen, Speisen und Getränke sowie besondere Gerätschaften (das kann auch ungewöhnliches Geschirr sein). Wer ihre Ratschläge befolgt, hat angeblich gute Chancen auf eine schnelle und weite Verbreitung (seiner Architektur) im Netz. Wer sie direkt beauftragt, dessen Motiv könnte unter dem entsprechenden Hashtag in den neun magischen, sogenannten »tiles« erscheinen, den beliebtesten oder neuesten Beiträgen auf Instagram.

Bis der Kö-Bogen II eröffnet wird, werden noch zwei Jahre vergehen – im Internetzeitalter sind das Äonen. Wer heute bei Instagram den Suchbegriff »#düsseldorf« eingibt, findet dort 3.919.153 Beiträge – damit ist die Landeshauptstadt zwar nur die zweitbeliebteste Instagram-Stadt in Nordrhein-Westfalen, hinter »#köln« (mit 5.280.454 Beiträgen). Sie liegt aber deutlich vor »#dortmund« (2.494.970 Beiträge) und »#bonn« (1.027.186 Beiträge). Der Kö-Bogen I hat bisher 7816 Beiträge.

Liegewiese auf dem Dach
Damit die Architektur des zweiten Kö-Bogen-Abschnitts, der Schlussstein dieser für Düsseldorf so wichtigen Stadtreparaturmaßnahme, auch ganz sicher »instagrammable« wird, haben Ingenhoven Architects allerdings Außergewöhnliches geplant: Das Dach des niedrigen Foodcourts wollen sie wie beim Stedelijkmuseum in Amsterdam in eine Liegewiese verwandeln und auf dem sechsgeschossigen Büro- und Geschäftshaus mit fünf Kilometern Hainbuchenhecke die größte Grünfassade Europas schaffen. Mindestens fünf von den sieben Punkten des »Instagram Design Guides« sind damit bereits abgehakt – bei so viel Grün ist der Pool, der ebenfalls empfohlen wird, vielleicht verzichtbar.

Doch der Aufwand, ein Gebäude in dieser Art zu begrünen und die Pflanzen über Jahre am Leben zu halten, ist enorm, angefangen von der Auswahl der richtigen Sorten, ihrer Anzucht, dem eigens entwickelten Substrat, der Konstruktion einer Befahr
anlage bis zu ihrer dauerhaften Pflege. Aber der Zeitgeist will bedient sein, da erscheint der ökologische Fußabdruck umso kleiner, je grüner ein Gebäude ist, das Bauen fühlt sich gut an – und die angestrebte Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen in Platin macht die gute Absicht später wohl offiziell. Natürlich mangelt es in unseren Städten an Grün, hier jedoch ist der Hofgarten, 28 Hektar groß und immerhin Deutschlands ältester Volkspark, nur ein paar Schritte entfernt. Das grüne Mäntelchen, das dem Ingenhoven-Tal (so der Volksmund) übergezogen wird, erscheint dagegen allzu kulissenhaft. 

Dass mit jedem Posting vor der Kulisse der Grünfassade auch gleich die Logos der hier bald ansässigen Händler verbreitet werden, ist Teil der Idee dieser »Social-Media-Architektur«. Klar, dass es rund um den Kö-Bogen freies Internet geben wird. Da sein, um im Netz zu sein. Den Betreibern des hier geplanten Lebensmitteldiscounters, der Modeketten, des Marken-Outlets und Drogeriemarkts ist das nur gerade recht – ihre Flagship-Stores sind schließlich Werbeträger für den Online-handel. Und wenn es eines Tages am Kö-Bogen nicht mehr läuft, ziehen ihre Filialen eben woanders hin. Nur die Düsseldorfer werden die »Social-Media-Architektur« dann noch einige Jahrzehnte ertragen müssen …    
Der »Instagram Design Guide« des australischen Büros  Valé Architetcs kann kostenlos auf deren Internetseite heruntergeladen werden: www.valearc.com

Die Düsseldorfer Orte, die als »most instagrammable« gelten, hat das Magazin »Time Out« auf seinem Online-Auftritt zusammengestellt: www.timeout.com

Architektur
09 / 2018

#Köbogen

Von: Uta Winterhager


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