Darstellung: Ingenhoven Architects / Alexander Schmitz

Köln baut sich um

Die Bauprojekte rund um den Dom sind ein Jahrhundertprojekt - auch wenn es die Stadt nicht so nennen will.  

TEXT HONKE RAMBOW

»Via Culturalis« soll sie einmal heißen, die Route, die vom Hauptbahnhof bis zur berühmten romanischen Kirche St. Maria im Kapitol führen wird. An ihr liegen der Dom, das Museum Ludwig, das Römisch-Germanische Museum, das Wallraf-Richartz-Museum, das historische Rathaus und der Gürzenich. So hat es sich das Stadtmarketing gedacht. Die ersten Abschnitte der lange stiefmütterlich behandelten Domplatte hat man bereits neu entwickelt. Über der »archäologischen Zone« vor dem Rathaus wird das neue »MiQua«-Museum entstehen. Ein neues Kurienhaus der Hohen Domkirche zu Köln und Stadtmuseum sind geplant. Das Dom-Hotel, das zwar nicht zum Projekt »Via Culturalis« gehört, aber sich im direkten Umfeld befindet, ist schon Baustelle. 

Viele Planungen, die, wie so oft in Köln, nicht eben rundlaufen. Die veranschlagte Bauzeit für die Sanierung des Römisch-Germanischen Museums wurde zuletzt von drei auf sechs Jahre heraufgesetzt, das Dom-Hotel kann nicht wie geplant saniert werden, sondern wird bis auf die Fassade abgerissen und neu gebaut. Der Bau des Jüdischen Museums ist schon seit 2008 geplant und seither geprägt von Kostensteigerungen, Finanzierungsschwierigkeiten und Konflikten um das grundsätzliche Konzept. 

Seitens der Stadt Köln scheint es fast schlitzohrig klug, all diese Vorhaben eben nicht als Jahrhundertprojekt aufzublähen, sondern einzeln anzugehen. So bleiben die Diskussionen um Kostensteigerung und Verzögerungen auf kommunaler Ebene. Die »Via Culturalis« taucht zumindest bisher nicht in einem Atemzug mit den Querelen um den Berliner Flughafen oder um das umstrittene Bauprojekt Stuttgart21 auf, obwohl sie mittlerweile das Zeug dazu hätte. Doch was genau steht überhaupt auf dem Programm?

Domplatte
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war der Dom von kleinteiliger,  dichter Bebauung umgeben. Friedrich Schinkel plante 1816 den Abriss der angrenzenden Bebauung und eine parkähnliche Terrassen-landschaft, die dem Gotteshaus Raum geben sollten. Grundsätzlich umgestaltet wurde das Umfeld in den 1950er Jahren, als die Straßenbahn in den Untergrund verlegt und eine Tiefgarage gebaut wurde. 1964 folgte eine Neugestaltung durch Fritz Schaller: die Geburtsstunde der Domplatte. Obwohl es ihm gelang, den Platz von Häusern und Verkehr zu befreien, war das Ergebnis von Anfang an umstritten. Insbesondere die brutalistische Treppenanlage vom Hauptbahnhof auf die Domplatte mitsamt ihren »Betonpilzen« erregte schon bei Fertigstellung 1970 die Gemüter. 2003 erneuerte Christian Schaller, der Sohn des Architekten, die 70 Meter breite Treppenanlage. Sie schafft einen klareren Zugang zur Domplatte und lässt auch den Bahnhofsvorplatz offener erscheinen. 2013 gestaltete dann das Büro Allmann Sattler Wappner die Domumgebung neu. Da ging es vorrangig um die schwierige Aufgabe, das tieferliegende, die Domplatte umgebende Straßenniveau zum städtischen Raum zu machen, an dem man sich gern aufhält. Größere Eingriffe oder gar stadtplanerische Veränderungen lehnte die Stadt aber ab. Die Architekten schufen daraufhin eine einheitliche Fassade aus Muschelkalk und schaufensterartige Präsentationsräume der darüber liegenden Museen, der Dombauhütte und des ältesten Baptisteriums nördlich der Alpen. Durch neue Wege wurde der Bereich zudem besser erschlossen – ein echter Fortschritt. Ein Problem ist jedoch immer noch die vielbefahrene Komödienstraße.

Historische Mitte
Immer wenn in den sozialen Medien von neuen Plänen zum Kurienhaus und Stadtmuseum an der Südseite des Roncalliplatzes die Rede ist, wird diskutiert. Die Entwürfe von Volker Staab gelten vielen als »Betonkisten«, deren moderne Architektursprache nicht in die Umgebung passe. Falsch wäre es, diese Argumente nur als fehlende Sachkenntnis abzutun. Sie können auch als Lehrstück in Architekturkommunikation gelesen werden. Auf einigen Entwurfsdarstellungen wirkten die Gebäude unverhältnismäßig hoch. Vor allem ist es der unglückliche Ausdruck »historische Mitte«, der Bilder evoziert, die eher an eine Kulissenarchitektur wie am Frankfurter Römer denken lassen. In der überarbeiteten Version der Pläne zeigt Volker Staab nun eine konkav geschwungene Glasfassade für das Stadtmuseum, die den Eindruck der verschlossenen Kiste auflöst. Die Betonung der Vertikale soll eine Referenz auf die gotische Formensprache des benachbarten Doms sein. Für das Kurienhaus direkt am Roncalliplatz ist eine klassische Lochfassade geplant. Besonders ist die Idee, das Stadtmuseum und das benachbarte Römisch-Germanische Museum über ein gemeinsames unterirdisches Foyer zu verbinden und so Besucher sinnbildhaft über die archäologische Ebene an die Stadtgeschichte heranzuführen.

Dom-Hotel
Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass bereits das erste Dom-Hotel 1885 wegen statischer Fehlberechnungen bei einem Umbau teilweise einstürzte. Der 1893 errichtete Bau gilt als eines der ältesten in Europa erhaltenen Grand Hotels, wurde allerdings nach starker Beschädigung im Zweiten Weltkrieg nur teilweise und vereinfacht wiederaufgebaut. Zu Beginn der Sanierungsarbeiten zeigten sich daraus resultierende statische Mängel, die den angedachten Erhalt des Gebäudes unmöglich machten. Das Düsseldorfer Büro Ingenhoven Architects sah in seinem ursprünglichen Entwurf lediglich die Aufstockung des Gebäudes durch eine zurückgesetzte, vollverglaste Etage vor. Nun muss das Hotel bis auf das denkmalgeschützte Foyer und Treppenhaus komplett abgerissen und hinter der historischen Fassade neu errichtet werden. Die daraus abgeleitete Neuplanung nutzten die Architekten, weitere Stadtreparaturen vorzuschlagen und zwei angrenzende Baulücken zu schließen. Dort wie auch im benachbarten Blau-Gold-Haus aus den 1950er Jahren, das bereits 2012 von Johannes Kister entkernt und saniert wurde, finden zusätzliche Hotelzimmer Platz.

»MiQua«-Museum
Die Fundstücke, die man in der »archäologischen Zone« von Köln machte, sind unbestritten bedeutend. Dazu zählen die Relikte des römischen Praetoriums, des einstigen Judenviertels mit Synagoge und einer Mikwe, die erstmals 1270 erwähnt wurde. Ansonsten wurde im Planungsprozess über nahezu jeden Aspekt des Umgangs mit dem Bereich vor dem historischen Rathaus erbittert gestritten. 2012 war das Konzept für einen Museumsbau über der Ausgrabungsstätte entstanden. Seitdem geht es um Finanzierungsfragen und die Trägerschaft, die derzeit der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zugesagt hat. Immer wieder kam aber auch die Forderung auf, den Rathausplatz frei zu lassen und die Ausgrabungen nur mit einem kleindimensionierten Glasüberbau zu versehen, obwohl er historisch gesehen erst seit kurzem nicht mehr bebaut ist. Am Konzept des Museums wurde die Fokussierung auf die jüdische Geschichte in Frage gestellt, die auch als selbstverständlicher Bestandteil der Stadthistorie kommuniziert werden könnte. Kaum in der Kritik stand allerdings der Entwurf von Wandel Hoefer Lorch Architekten aus Saarbrücken, der sich mit seiner Natursteinfassade und unregelmäßig gefaltetem Dach auch nach etlichen Überarbeitungen, in deren Zuge ein zweiter Eingang sowie das Café wegfielen, gut in den Altstadtkontext einpasst. Der Name »MiQua«, der auf Basis von über 700 Beiträgen eines Bürgerwettbewerb gefunden wurde, erinnert einerseits natürlich an die Mikwe, die zu den zentralen Ausgrabungsstücken gehört, ist andererseits aber ein – ziemlich entferntes – Akronym aus »Jüdisches Museum im archäologischen Quartier Köln«.

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