»Life’s is a Beach«, findet Martin Parr, deshalb betreibt er seine fotografischen Gesellschaftsstudien am liebsten am Strand (Martin Parr: Knokke, Belgium 2001. © Martin Parr / Magnum Photos).

Martin Parr in Düsseldorf

Für seine Menschenbilder fotografiert er auch mal mit der Unterwasserkamera im Regen: Das NRW Forum zeigt Martin Parrs erste deutsche Retrospektive.  

Gerademal vier Tage war er in Düsseldorf. Zur Erntezeit letzten September hat sich Martin Parr in einschlägigen Kleingartenanlagen umgetan, um zwischen Tomaten, Trauben, Kohl und Kompost seine Modelle zu treffen. Eltern, Kinder und Paare, vom peniblen Öko-Gärtner bis zum passionierten Biertrinker. Hatte der Fotograf das Gartentörchen erst einmal passiert, wusste er gleich, was zu tun war. »Martin ist tiefenentspannt, dabei aber blitzschnell«, weiß Ralph Goertz, der das Shooting gründlich vorbereitet und den britischen Gast durch die Schrebergärten geleitet hat. Klaus und Birgitt bitte auf die Gartenliege, Gert gehört unter die gigantische Sonnenblume. Reiner und Petra kommen ins Gewächshaus zu den Gurken. Christa bekommt den Rechen in die Hand und Dieter die biergefüllte Bügelflasche.

Um die 80 Aufnahmen hat Parr während seiner Spritztour ins kleingärtnerische Grün geschafft. Diese liebevollen Milieustudien sind das i-Tüpfelchen auf der großen und dazu noch ersten deutschen Martin-Parr-Retrospektive, die Goertz als freier Kurator für das NRW Forum in Düsseldorf organisiert hat. Mit rund 400 Bildern wird sie ab Mitte Juli durch das Werk des 1952 in der südenglischen Grafschaft Surrey geborenen Künstlers führen. Einer der wichtigsten und sicher humorvollsten Vertreter der zeitgenössischen Dokumentarfotografie. Er muss aber auch einer der fleißigsten sein, anders käme Parr kaum auf rund hundert veröffentlichte Fotobücher.

Die meisten zeigen uns die Welt als ziemlich schrägen Ort. Bewohnt von Wesen mit merkwürdigen Gewohnheiten. Kein Outfit ist ihnen zu schrill und kein Strand zu voll. Kein Ausschnitt ist zu tief und kein Bauch zu dick, um ihn nicht nackt über den Hosenbund hängen zu lassen. Sie naschen Törtchen, die in pinkfarbener Lebensmittelfarbe ertrinken, schieben sich Würstchen in den Mund und kleckern mit dem Ketchup. Als Touristen ziehen sie in Horden zu Tempeln und Pyramiden. Oder sie üben sich in peinlichen Posen, bloß um beim Sonnenbad möglichst viele Körperteile optimal zu belichten.

Es sind jene knackigen, knalligen Menschenbilder – von liebevoll schrullig bis schrecklich ordinär – an die man zuerst denkt beim Namen Martin Parr. Das war den illustren Magnum-Fotografen vielleicht zu provokativ, zu wenig seriös – zumindest wollten sie den Kollegen nicht haben in ihrer ehrwürdigen Fotoagentur. Sechs Jahre hatte Parr sich um Aufnahme bemüht, bis er 1994 eine knappe Mehrheit auf seiner Seite hatte.

Dabei ist Parr natürlich mehr als bunt und lustig, und seine Werke gehen weit über den realsatirischen Schnappschuss hinaus. In Düsseldorf legt Goertz denn auch viel Wert darauf, ein differenzierteres Bild seiner Kunst zu vermitteln. Und holt nicht zuletzt deshalb das bemerkenswerte Frühwerk ins NRW-Forum: Die Serie »Bad Weather« stammt aus einer Zeit, bevor es bunt wurde um Martin Parr. Regen, Schnee, Nebel – alles ist ungemütlich und schwarz-weiß in diesen Bildern. Flocken fallen vom Himmel, und Menschen eilen über nasse Straßen, sie suchen Schutz unter Schirmen, Hüten, Kisten oder in der Telefonzelle. Selbst Parrs Leica war das zu viel Feuchtigkeit, deshalb hat der Künstler die meisten Bilder mit einer Unterwasserkamera aufgenommen. Dabei herausgekommen ist erstklassige Street Photography.

Zwar geht diesen Aufnahmen das Grelle völlig ab, trotzdem nehmen sie aber einiges von dem vorweg, was den Fotografen in späteren Jahren so populär machte – das Blitzlicht zum Beispiel. Bis heute erhellt der »Kiss of Light« die meisten von Parrs Fotografien, gibt ihnen etwas Unnatürliches und entrückt sie der blanken Realität. Die Schatten verschwinden, das Hauptmotiv tritt klar hervor – das funktioniert auch bei den Düsseldorfer Kleingärtnern.

Ebenso belegt diese frühe Schwarz-Weiß-Serie bereits überdeutlich Parrs außerordentliche Beobachtungsgabe. Vielleicht hat der Sohn zweier Hobby-Ornithologen sich die bereits als Kind antrainiert. Denn jedes Wochenende musste der kleine Martin raus mit seinen Eltern, gemeinsam saß man irgendwo herum und wartete auf Vögel. Als Kind benutzte er das Fernglas, um sie zu beobachten. Als Erwachsener fixiert er die Objekte seiner Recherchen mit der Kamera.

Aufmerksamkeit erntete der fotografierende Beobachter erst, nachdem er Leica und Unterwasserapparat gegen eine »Plaubel Makina« getauscht und zur Farbfotografie gewechselt hatte. Inspirierend wurden für Parr neben der Werbefotografie auch Vorgänger wie Stephen Shore oder William Eggleston mit ihrer speziellen Farbästhetik. »Sie gaben mir das Vertrauen zu wissen, dass Farbe auch ernst sein kann«, erklärte der Fotograf einmal und sprach damit einen Zwiespalt an, der die Rezeption vieler seiner Arbeiten prägt.

Nehmen wir etwa »The Last Resort«. Der eine empfindet das Schlüsselwerk als grausam und voyeuristisch, den anderen beeindrucken die Fotografien als satirische Bestandsaufnahmen des britischen Alltags. Entstanden sind die bemerkenswerten Fotos Mitte der 80er Jahre in dem heruntergekommenen Badeort der Lower Class, New Brighton. Statt weißem Sand findet Parr hier reichlich Beton und schmerzlose Urlauber, die ihre Strandlaken zwischen Müllbergen ausbreiten. Er sieht Kleinkinder, die kaum ein Körnchen für ihren Eimer finden, schaut sich um in überfüllten Imbissbuden, wo dicke Gäste für labberige Wurstbrötchen anstehen. Er blitzt schreiende Babys an und einen kleinen Jungen, der seine Füße im Wasser zwischen angeschwemmtem Unrat badet.

Mit solch zweifelhaften Vergnügungen gelang Parr der internationale Durchbruch. Und er bleibt dabei. In den späteren 90er Jahren tourt er durch England nimmt Blumen, Autos und Eigenheime ins Visier. Dabei zeigt er keine Scheu vor Klischees, im Gegenteil. Parr sucht und betont sie – auf reich verzierten Damenhüten beim Pferderennen, in der Tupperbox bei den Baked Beans und zwischen aufgetürmten Henkelbechern mit dem Foto von Lady Di.

Seine Serie »Luxury« funktioniert ähnlich, nur dass der Künstler sich diesmal mit seiner Kamera unter den Schönen und Reichen dieser Welt umtut. Er trifft sie etwa bei der Dubai Art Fair, bei der Beijing Motor Show oder beim Lunch mit Champagner. Ein Kritiker hat Parrs Sichtweise einmal mit der einer Stubenfliege verglichen, die um die Köpfe der Menschen schwirre und auf den Rändern ihrer Teller sitze. Was sie dort erlebt, ist nicht immer nur lustig und bunt, heiter und unterhaltsam.

Für Parr ist Humor immer auch »eine wunderbare Art, ernste Themen zu transportieren«, wie er selbst einmal sagte und ein andermal unterstrich: »Wenn die Leute beim Betrachten meiner Bilder gleichzeitig weinen und lachen, dann ist das genau die Reaktion, die die Bilder auch bei mir hervorrufen.« Mit Blick auf seine schrillen Schnappschüsse mag das funktionieren. Vergleichsweise harmlos wirken dagegen die sorgsam und gekonnt inszenierten Kleingärtner in Düsseldorf. Zwischen Tomaten, Trauben, Kohl und Kompost bleibt kein Platz für allzu tiefe Abgründe.

 

19. JULI BIS 10. NOVEMBER 2019

NRW FORUM DÜSSELDORF

TEL.: 0211/8926690

WWW.NRW-FORUM.DE

Kunst
07 / 2019

Martin Parr in Düsseldorf

Von: Stefanie Stadel


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