Eingangsbereich des neuen Museum Folkwang. Foto-Animationen: Toni Yli-Suvanto

Mehr Licht!

Weg mit Beton: David Chipperfield baut das neue Folkwang-Museum

TEXT: ULRICH DEUTER

Es war zu erwarten. Aber nun ist es amtlich: Der Londoner Architekt David Chipperfield baut das neue Museum Folkwang. Die Wettbewerbsjury, die seinen Entwurf jetzt bestätigte, hat klug gehandelt, die Stadt Essen darf sich freuen und der Beobachter darüber sinnieren, welch seltsam ungleichzeitige Kräfte in der Causa Folkwang am Werke sind – ästhetisch und politisch. Denn Chipperfields Konzeption für den neuen Hauptbau des Essener Kunstmuseums greift architekturgeschichtlich weit zurück hinter das derzeitige Gebäude, das sie ersetzen wird. Während dieses, »Neubau« genannt, in seinem Betonbrutalismus die unbekümmerte Traditionsignoranz der späten 70er Jahre verkörpert, schließt Chipperfields Entwurf an die Zurückhaltung und Bescheidenheit des »Altbaus« an. Der wurde 1960 eingeweiht (Architekten Horst Loy und Werner Kreutzberger), orientiert sich jedoch an weit älteren Traditionen der Moderne: Die unverspielte Klarheit seiner Gliederung, die lichtvolle Öffnung der Räume nach außen verneigen sich vor Mies van der Rohe oder auch Le Corbusier.

Dem 1965 verstorbenen französischen Architekturvisionär fühlt sich auch der 1953 geborene Chipperfield verpflichtet; sein Umgang mit Raum, Licht und Material ist kein postmodernes Spiel mehr, sondern geradezu klassische Rückbesinnung auf die drei formbestimmenden, für ihn fundamentalen Elemente der bauenden Moderne. Sein Folkwang-Neubau bringt, soweit die Modelle es erkennen lassen, dieses respektvoll-selbstbewusste Fortsetzen der Tradition bestens zum Ausdruck: Sechs unterschiedlich große, kubisch klare, (bis auf einen) eingeschossige Gebäudeteile gruppieren sich um vier Innenhöfe (drei grüne, ein steinerner), zu denen hin sie sich durch Glasfronten großzügig öffnen; Licht fällt zudem (fast überall) von oben ein. Die neue bauliche Anordnung macht – kommunikationspsychologisch nicht unwichtig – erstmals einen Rundgang möglich, der Altbau wird daher an einer weiteren Stelle mit dem Neubau verbunden; jeder Ausstellungsraum liegt ebenerdig.

Wo der »Neubau« von 1983 (Kiemle, Kreidt & Grimbacher) Sparkassen-Funktionalismus vermittelt, will der Nachfolger gemessen-an-gemessen repräsentieren: Chipperfield stellt das gesamte Ensemble auf einen Sockel, auf den der Besucher zum Eingangsbereich einige Stufen (oder über eine Rampe) hinaufsteigt; zum Altbau hin senkt sich das erhöhte Terrain ab. Die Geschosshöhe variiert zwischen fünf und sechs Metern, die Fassade wird zweischalig gestaltet, grünlich getönte Glaskeramik hängt vor Naturstein. Der Sockel ist aus Muschelkalk und übernimmt damit die Materialität des Altbaus. Dieser Au-ßeneindruck wird bestimmend dafür sein, ob der neue Neubau sich dem Altbau, ohne ihn zu übertrumpfen, zugesellt – ob also Chipperfields Bau hält, was Chipperfields Wort verspricht: »Ich wollte, dass es klassisch-modern ist, ich wollte genau den Stil, den auch das Gebäude von 1960 zeigt.«

So ist das Neueste in diesem Fall das Ältere – eine Ungleichzeitigkeit, die auch schon beim Baubeschluss selbst ihre Hand im Spiel hatte: Kamen doch Entscheidung und Finanzierung nicht aus der demokratisch verfassten Kommune, sondern entsprangen dem Willen eines geradezu vormodern agierenden Souveräns, Berthold Beitz, des 93-jährigen Kuratoriumsvorsitzenden der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung. Diese gemeinnützige Organisation, die ein Viertel der ThyssenKrupp AG hält, übernimmt, wie bekannt, die Neubau-Gesamtkosten von 55 Millionen Euro; und knüpft daran, soweit bekannt, keine Bedingungen. Auch dies passt irgendwie nicht in unsere Zeit. Oder wieder.

Das neue Museum, das pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr 2010 fertig sein soll, verspricht nicht nur ein neues architektonisches Juwel unweit des, ebenfalls der klassischen Moderne verpflichteten, Opernhauses aus der Hand des Finnen Alvar Aalto und damit für eine städtebaulich so problematische Stadt wie Essen einen beträchtlichen Gewinn. Sondern bietet auch am Platz selbst einige erhebliche Verbesserungen. Einmal wird der Zugang zu diesem wichtigen Museum nicht länger, wie bisher, von einer kleinen Nebenstraße und damit von der Rückseite, sondern von der Haupt-, der Bismarckstraße erfolgen; dies bedeutet eine städtebauliche Öffnung von großem Wert. Zum andern wird es endlich ausreichend Parkplatz unter dem Museum geben (kannte man 1983 noch keine Tiefgaragen?) und damit ein Ende jahrelanger Querelen mit Anwohnern. Zum dritten und als wichtigstes wird das neue Museum Folkwang auf 4500 Quadratmetern einen Ausstellungsflächengewinn und vor allem solche Räume erhalten, die die in ihnen präsentierten Kunstwerke nicht, wie bisher im »Neubau«, durch Klobigkeit zu erniedrigen suchen, sondern durch elegante Leichtigkeit ihnen sich entfalten helfen. Dies gilt nach der Wiedereröffnung auch für den Bestand des Deutschen Plakat Museums, der So ist einmal in ganz nachmythischen Zeiten ein Dilemma durch einen Deus ex machina aufgelöst worden. Die Notlage war virulent, seit der TÜV den Publikumsbetrieb im »Neubau«, in den sich bislang das Folkwang- wie das Ruhrland-Museum teilten, aus Brandschutzgründen nur noch per Ausnahmegenehmigung gestattete. Die Sanierungsmaßnahmen, die nach dem Auszug des Ruhrland-Museums Ende dieses Jahres in die ehemalige Kohlenwäsche der Zeche Zollverein hätten beginnen müssen, wären mit etwa 20 Millionen Euro zu Buche geschlagen – die Idee, den ungeliebten Bau dann lieber abzureißen, war also einmal nicht größenwahnsinnig, sondern vernünftig im Sinne der Urbanität der Stadt.

Nach einem (aus Zeitgründen nur begrenzten) Wettbewerb unter zwölf Architekten, nach der einstimmigen Kür Chipperfields beginnt nun bereits im Sommer der Neubau mit dem Abriss des »Neubaus«. Dann wandert ein Gutteil der Sammlung des Folkwang-Museums nicht ins Depot, sondern in die Villa Hügel und wird weiterhin zu sehen sein – auch hier half wieder einmal der Souverän. Ihm, Beitz, ist zu wünschen, was er sich wünschte: Dass er die Eröffnung des neuen Folkwang-Museums wird erleben können. Und dass »sein« Bau länger hält als der Vorgänger.

Architektur
04 / 2007

Mehr Licht!

Von: ULRICH DEUTER


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