Mühsam nährt sich

Blick auf die Baukultur in NRW zum 11. Tag der Architektur

Moderne Architektur ist nicht eben das Lieblingskind des Feuilletons, auch steht sie kaum sehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zwar sind wir tagein, tagaus mit den Ergebnissen architektonischer Gestaltungslust konfrontiert, zwar behauptet die öffentlichste der Künste einen unverrückbar ersten Platz in unserem Blickfeld – doch eine aufmerksame oder auch kritische Betrachtung der kontinuierlichen Verwandlungsprozesse unserer Städte bleibt die Ausnahme und in der Regel auf den jüngsten Gehry-Bau, spektakuläre Museen oder neue Fußballarenen beschränkt. Der bauliche Alltag – die gläsernen Hochhaustrakte in städtebaulich separierten Büroparks, die flächendeckende Tristesse gewerblicher Ausdehnungen an den Stadträndern, das Einerlei der Wohnhaussiedlungen in den Vororten – findet kaum Aufmerksamkeit. Man erträgt ihn, und auch öffentlichen Raumsituationen gelingt es selten (mit Ausnahmen wie der Düsseldorfer Rhein-_ uferpromenade), spontane Wertschätzung auszulösen. Die gebaute Umgebung wird im täglichen Umgang im Hinblick auf ihre praktische Funktionalität beurteilt, während die ästhetische Wahrnehmung gewissermaßen dem touristischen Blick überlassen bleibt. Seinetwegen reisen wir lieber in andere Länder, um dort eine Baukultur zu genießen, die dann mindestens 200 Jahre alt ist. Wenn aber einmal zeitgenössische Architektur hierzulande zum öffentlichen Thema wird, dann geschieht dies meist in Form des Protests: Etwa, wenn Hochhäuser in Köln-Deutz die Sicht auf den Dom verstellen, wenn die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses oder die Beseitigung des Palasts der Republik ansteht oder denkmalgeschützte Bauten wie das Kölner Opernhaus oder die Duisburger Mercatorhalle vor dem Abriss bedroht sind.

Verständlicherweise kann diese Situation am wenigsten der Zunft gefallen, um deren Ruf und berufliche Zukunft es geht, den Architekten. Von denen gibt es 26.000 in NRW, nicht gerechnet die 2000 Innenarchitekten, die 1100 Landschaftsarchitekten und 900 Stadtplaner. Also wurde ein »Tag der Architektur« eingeführt, der in diesem Jahr NRW am 24. und 25. Juni – Motto: »Stadt als Bühne – Die Renaissance des öffentlichen Raums« – zum 11. Mal durchgeführt wird und insgesamt 537 in den vergangenen fünf Jahren errichtete Neubauten, Umbauten/Sanierungen, Platzgestaltungen, Büro-, Gewerbe und Wohngebäude präsentiert. Der Tag gilt als die wichtigste und publikumswirksamste Veranstaltung, um die gebaute Umwelt und die gestalterische Kompetenz der Architekten der Öffentlichkeit nahezubringen. Seine Besucherzahlen – 30.000 waren es im vergangenen Jahr landes-, über 100.000 bundesweit – sind respektabel; sie verblassen jedoch im Vergleich zu denen seines Vorbildes, des Tags des offenen Denkmals, den regelmäßig mehrere Millionen Besucher zu einem Besuch nutzen. Schlösser, Burgen, alte Gärten – das Historische findet weit unproblematischer Zuspruch, verkörpert es doch einerseits das Repräsentative und, auf den Wohnbau bezogen, das Vertraute. Es ist erstaunlich, dass Architekten, aller Betonung der Notwendigkeit einer Vermittlung von Baukultur zum Trotz, neue Projekte selten ins Verhältnis zum vorhandenen baulichen Umfeld setzen und eine historische Einordnung ihrer Arbeit zu leisten bereit sind.

Ironischerweise haben die nach wie vor schwierige Situation der Bauwirtschaft und ein insgesamt gesättigter Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren eine neue und verstärkte Hinwendung zum baulichen Bestand erzwungen. Schrumpfende Städte, Neunutzungen von innerstädtischen Brachen und Industriegebäuden, Wohnungserneuerungen in Innenstädten, Baulückenschließung – so lauten die Stichworte der Gegenwart. Der Tag der Architektur bietet hierfür eine anschauliche Übersicht: Etwa eine 1911 errichtete Dampfwalzenfabrik im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, die 2003 zu einem Loft-Bürohaus mit Privat-Café mutierte: Um einen begrünten Innenhof entstanden auf 2500 Quadratmetern fünf separate Gebäude, bei denen die Industrie-Estriche, die alten Ziegel und freigelegten Stahlträger die industrielle Vergangenheit zeitgemäß erinnern. Während die Vorzüge solchen Loft-Livings mit ausgiebig Raum, hohen Decken und großen Fenstern eher für ein kaufkräftiges privates Klientel in Frage kommen, dient das Gebäudeensemble der ehemaligen Zeche Nordstern in Gelsenkirchen, Ende der 30er Jahre von Schupp und Kremmer (Zeche Zollverein) errichtet, als Veranstaltungshalle und Verwaltungsbau (wobei im Innenbereich der Sieberei erhebliche Eingriffe vorgenommen wurden). In Köln hingegen wurde der unter Denkmalschutz stehende viergeschossige Wohn- und Bürohof »Gewerbehof« 2004 bis 2005 saniert und die denkmalrelevanten Bauteile wie die zweifarbige Klinker-Fassade oder die Fenster in Abstimmung mit dem Denkmalpfleger erneuert und mit neu hinzugefügten Elementen kombiniert.

Solche Projekte sind nur einige von vielen Beispielen für den gegenwärtigen Schwerpunkt des »Bauens im Bestand«, der keineswegs nur auf Büro- und Verwaltungsbauten beschränkt ist. Ob in Köln, Neuss oder Essen, bei der Umnutzung innerstädtischer, ehemals gewerblicher Bauten steht heute das Wohnen im Vordergrund, das den Innenstädten die notwendige Revitalisierung spenden soll.Gründerzeithäuser müssen modernisiert oder mit Um- und Anbauten versehen werden, die Haustechnik erneuert, schmale Wohnungszuschnitte großzügiger verändert, Dachgeschosse zur Maisonettewohnung ausgebaut, Wintergärten angebaut, Bäder installiert und Fassaden durch neue Farbgestaltungen aufgewertet werden. »Wohnwer(f)t« heißt, in Anlehnung an die alten Speicherhäuser im Kölner Rheinauhafen, der neue langgestreckte Wohnkomplex auf dem Baufeld 18/20, dessen fünf Baukörper sich nach außen in einem regelmäßigen Rhythmus von Masse und Luftvolumen präsentieren und aus der Variation eines Grundmoduls individuelle Wohnlösungen mit Rheinblick entwickeln – glücklich die Stadt, die über alte Hafenanlagen verfügt.

Seit 2000 übersteigt das Volumen für Modernisierungsmaßnahmen das des Neubaus und gilt damit als Hoffnungsfeld für die nach wie vor wachsende Zahl der Architekten, die untereinander in hartem Wettbewerb stehen. Auch wenn sich, Ergebnissen einer ifo-Architektenumfrage zufolge, die Aussichten in den vergangenen zwei Jahren leicht aufgehellt haben, die Zahl der Neuabschlüsse im 4. Quartal 2005 gewachsen und auch die Auftragsbestände leicht angestiegen sind, nach wie vor bezeichnet die Hälfte der Testteilnehmer ihre aktuelle Geschäftslage insgesamt als »schlecht«, wie vor drei Monaten antworteten nur 15 Prozent mit »gut«. Mit 10 Prozent ist die Arbeitslosigkeit bundesweit unter Architekten die höchste der sogenannten freien Berufe.

Zum Schluss ein Blick auf die spektakulären Großbauten und imposanten Insignien des ingenieurtechnischen Fortschritts in NRW – die Hochhäuser. In Dortmund beweisen der 100 Meter hohe RWE-Tower in Bahnhofsnähe von Gerber Architekten, in Düsseldorf GAP15 von J.S.K Architekten in Stadtzentrum (in diesem Jahr nicht beim Tag der Architektur dabei), beide in eleganter Ellipsenform, vor allem den positiven städtebaulichen Effekt, den Hochhäuser an der richtigen Stelle und durch eine gelungene Außenanlage erzielen können. Insgesamt jedoch gehört neue Büroarchitektur zu den weniger überzeugenden Bautypen. Im Düsseldorfer Medienhafen, wo trotz hohen Leerstands unverdrossen neue Türme in den Himmel wachsen (demnächst kommt ein Turm von Helmut Jahn hinzu), belegt als jüngstes Beispiel das Objekt Media Tower & Gläserne Killepitsch-Fabrik den Trend zu einer weithin austauschbaren transparenten Glasarchitektur, die vor allem ihre Investorentauglichkeit unter Beweis zu stellen hat. Der 67 Meter hohe Turm, dessen 18 Geschosse sich in Großraum-, Zellen- und Kombibüros aufteilen lassen, wartet mit einem Eingangsbereich von einer Nüchternheit und Enge auf, die fast bedrückend wirkt. Da beruhigt es denn, wenn diesem wie manch anderem der Hafentürme eine »faszinierende Aussicht« attestiert wird.

Auch wenn die starke Präsenz ausländischer Architekten in NRW gern beklagt wird, man muss angesichts der dominierenden sachlich- transparenten Bürowelt und ihrer spiegelglatten Pseudoeleganz den Makis, Alsops und Gehrys für ihre Experimentierfreude dankbar sein. //

Objekte und Öffnungszeiten www.aknw.de/tda2006/

Architektur
06 / 2006

Mühsam nährt sich

Von: Frank Maier-Solgk


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