Foto: Sven Pacher

In der Wuppertaler Utopiastadt

Gute Idee, NRW! Mit dem Projekt »Utopiastadt« ist aus einem einsamen Wuppertaler Bahnhof ein Ort mit Zukunft geworden.

Wuppertal-Elberfeld. Es hat geregnet. Soviel Klischee muss sein. Der Asphalt vor dem historischen Mirker Bahnhof glänzt silbrig, auf der Nordbahntrasse sind nur wenige, dafür aber wettergestählte Radfahrer unterwegs. Von hier oben hat man seit einigen Jahren ganz neue, spektakuläre Perspektiven auf die Nordstadt mit ihren bergisch-historistischen Gründerzeitfassaden; steil geht der Blick nach unten, stürzt in die Straßenschluchten und die aufsteigenden Giebelreihen gegenüber. Von hinten dauerrauscht die Autobahn. Eindrücke, irgendwo zwischen »Inception« und Tom Tykwer.

 

Man muss etwas weiter zurück in die Geschichte, um diesen Ort zu erklären. 1882 wurde der Mirker Bahnhof an der »Wuppertaler Nordbahn«, deren Ziegel-Viadukte bis heute das Stadtbild prägen, eröffnet. Damals noch auf der grünen Wiese, da die Stadt noch nicht so weit die Hügel heraufgewachsen war. Als zweiter Hauptbahnhof, als Konkurrenz zur Eisenbahnstrecke im Tal. Mitte des 20. Jahrhunderts verlor die Strecke immer mehr an Bedeutung, zuletzt pendelten Triebwagen, 1991 wurde sie endgültig stillgelegt. Das Bahnhofsgebäude stand leer, später zogen eine Arztpraxis und eine Tanzschule ein. Die Bahnsteigüberdachung und die Gleise wurden entfernt. Der Mirker Bahnhof blieb übrig, ein Randgebiet mitten in der Stadt.

 

Erst 2011 kam wieder Leben in die Bude. Beate Blaschczok und Christian Hampe unterschrieben einen Pachtvertrag, um dort ihre Idee der »Utopiastadt« zu realisieren. Fünf Jahre zuvor, 2006, hatten die beiden Kommunikationsdesign studiert und das Statement-Magazin »clownfisch« entworfen, von dem bisher fünf monothematische Ausgaben erschienen sind. Blaschczok und Hampe organisierten in Wuppertal Veranstaltungen wie den Designmarkt »Needful Things« und bespielten 2009 für zwölf Monate die 3000 Quadratmeter der leeren »ELBA«-Industriehallen an der Tal-Achse mit Kunstausstellungen, Theater, Symposien und Diskursen.

 

»Das war damals ein großer Schritt« sagt Christian Hampe, der mit der Fotografin und Autorin Ava Weis am großen Coworking-Besprechungstisch im Mirker Bahnhof sitzt. »Da kamen viele tolle Leute auf uns zu, voller Enthusiasmus und guter Ideen aus dem sozialen, kulturellen, künstlerischen und nachbarschaftlichen Bereich, so dass uns schnell klar war, dass wir diesen Aufbruch eigentlich fortführen und institutionalisieren müssten. Aber nicht als städtisches Kulturzentrum oder VHS, sondern als lebendigen Organismus, der sich stetig weiter entwickelt und verändert. Wo jeder, der dazukommt und Interesse hat, Teil dieser Struktur ist. Wie bei einem Barcamp, wo der Teilnehmer ein gleichberechtigter Teil ist, seinen Input dazugibt aber genauso etwas mitnimmt. Wo jeder Lehrende auch ein Lernender ist.«

 

So nahm die Idee ihren Anfang, nach Verhandlungen mit Geldgebern und Eigentümern startete 2011 die »Utopiastadt« mit einem Coworking-Space, Atelier- und Projekträumen und der Gründung eines Hackerspace »/dev/tal e.V.«, dem Verein dreier Wuppertaler Digital-Initiativen. So hatte man von Beginn an technologisches Know-How im Haus. Momentan saniert »/dev/tal« gemeinsam mit vielen Helfern die ehemalige Gepäckabfertigung, um daraus eine offene Werkstatt zu machen. »Wir bieten mit Utopiastadt Rahmenbedingungen, damit sich Menschen aktiv engagieren können«, sagt Christian Hampe. »Der Name ist Programm – einen Ort zu schaffen, in dem man sich einbringen, sich ausprobieren, Dinge auch mal anders machen kann. Wo man sich für eine utopische Stadtgesellschaft einsetzt. Wir sind eine Werkstatt, in der wir gemeinsam die nächsten Schritte in diese Richtung überlegen.«

 

»Utopiastadt« entwickelte sich weiter, mit Urban Gardening, Food-Sharing, Fahrrad-Verleih und -Werkstatt, Konzerten, Ausstellungen, dem Aufbau eines Elektroreparatur-Cafés. »Wir sind aber kein Handwerksunternehmen«, betont Hampe. »Wir geben Raum, Werkzeug und Know-How, damit die Leute ihre defekten Dinge immer selbst, aber unter Anleitung reparieren können. Die Werkstatt funktioniert als eine Art Container, in dem vieles stattfindet, das Reparaturcafé für Elektro und Fahrrad, es gibt Workshops für Kinder, aber auch Innovationsworkshops für Unternehmen aus der Region, die mal aus ihrem Tunnelblick rauswollen. Und es kommen Studenten aus der Architektur und dem Produktdesign, die mit dem Lasercutter und 3D-Drucker arbeiten.«

 

2013 eröffnet das Café »Hutmacher« im der schönen, alten Schalterhalle. Für Ava Weis, die bereits während ihres Studiums dort gekellnert hat, ein niederschwelliger und kommunikativer Ort: »Der Tresen ist Empfang, Kummerkasten und Platz des Austauschs. Alle sind willkommen, ganz ungezwungen. So entstehen Gesprächsmöglichkeiten. Wir bieten Brettspiele und einen Foodsharing-Kühlschrank.« Kinder aus der Nachbarschaft kämen ebenso vorbei, wie die alternative, kulturaffine Studentenszene. 2014 kam ein weiteres Klientel dazu: Fahrradfahrer, Touristen und Spaziergänger, die über die neueröffnete Fahrradtrasse hinter dem Haus den Mirker Bahnhof als Ausflugsziel entdeckten. Heute ist Ava Weis im Förderverein tätig und plant mit anderen Kollegen die Kunstausstellungen: »Wichtig ist, das Kunst und Kultur Raum bekommen. Dass in Wuppertal Konzerte stattfinden, dass man höchst unterschiedliche Bands kennenlernt! Dass wir dazu unseren Teil beitragen können. Wir haben vor, vier bis sechs Ausstellungen im Jahr zu zeigen, und versuchen, ein breites Spektrum abzubilden. Malerei, Fotografie, Video, Audio, Lichtkunst, politische Ausstellungen. Wir schließen erstmal nichts aus.«

 

Christian Hampe dreht seine Kaffeetasse und ergänzt: »Es ist wichtig, einen Ort zu schaffen, um Leute zusammenzubringen, ob sie danach gemeinsame Sachen machen oder nicht. Aus den entstandenen Strukturen, aus dem Förderverein und den verschiedenen Gruppen, entstehen die Ideen hier vor Ort. Das kommt von vielen Menschen aus allen Richtungen. Wir sind kein Dienstleister für Utopien!« Das seien immer Wechselwirkungen, auch aus zufälligen Begegnungen heraus, betont Hampe. An der Wand hängen Pläne und Übersichtskarten des Mirker Bahnhofs, voller Notizen und farbiger Schraffuren. Sie zeigen die nahe Zukunft, wenn aus »Utopiastadt« der »Utopiastadt Campus« werden soll. Dafür haben sie der Bahn-Tochter Aurelis angrenzende Flächen von 11.100 Quadratmetern abgekauft, mit Kaufoption auf weitere Grundstücke. Hampe hat aber nicht vor, das Gelände komplett zu bebauen. Er vergleicht die Pläne mit dem geschützten Tempelhofer Feld in Berlin, wo es gelungen sei, Raum für die Gesellschaft zu bewahren und den Spekulationsmarkt außen vor zu lassen.

 

Geplant ist im weitesten Sinn ein Zentrum für Stadtentwicklung, so Hampe. »Um weiter an Utopien arbeiten zu können, stellen wir Flächen und Räume zur Verfügung. Die Utopiastadt Campus Raumstation (USCRS) wird etwa 1500 Quadratmeter der Fläche einnehmen. In den einzelnen Modulen gibt es zum Beispiel einen Fahrradverleih, eine Farmbox, Aquaponik-Anlage und eine lokale Kaffeerösterei. Eine Art Expo, wo verschiedene Projekte herausgelöst und erlebbar werden. Die Nutzung soll möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen. Als Inkubator, als zentraler Platz für diese Stadt.« 2021 startet ein internationaler Architekturwettbewerb, der sich mit der Sanierung und Nachverdichtung des Mirker Quartiers beschäftigt, in dem momentan zehn Prozent Leerstand herrschen, bei großem Sanierungsbedarf. Die innovativen Entwürfe sollen auf dem Utopiastadt Campus präsentiert werden.

 

Auf diesem schmalen Stück Wuppertal scheint vieles möglich zu werden. Schon die Tatsache, dass Menschen zusammen kommen, um gemeinsam an dieser Utopie zu arbeiten, ist für Hampe selbst eine Utopie. Ava Weis ergänzt: »Utopien wachsen immer weiter mit denen, die daran arbeiten. Das ist ja das Schöne.« Und weiter: »Für mich ist Utopie das, was schon passiert. Etwas, was niemals fertig sein kann.«

 

www.clownfisch.eu/utopia-stadt

Schwerpunkt
03 / 2019

In der Wuppertaler Utopiastadt

Von: Volker K. Belghaus


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