Wohnprojekt »Bunker Arminstraße« in Gelsenkirchen, Foto: Ch. Rose

Zurück in die Stadt

Neues Wohnen im alten Ruhrgebiet

Wie mächtige Trutzburgen erheben sich die beiden »Malakowtürme« über das Gelände der ehemaligen Zeche Holland in Gelsenkirchen-Ueckendorf. Der 1860 fertig gestellte Bau ist die einzige Doppelturmanlage der Welt, erzählt stolz Wolfgang Werner, Spiegelfabrikant und Bauingenieur. Er hat die denkmalgeschützte (das ehemalige Lüfterhaus stammt von den Zollverein-Architekten Schupp & Kremmer), Ende der 1980er Jahre stillgelegte Anlage von der RAG gekauft und in den maroden Hauptbau, in die Maschinenund die Werkshalle rund 30 individuell zugeschnittene Luxuswohnungen hineingesetzt. Vier Jahre lang, sagt er, hat er mit großem Aufwand und persönlichem Einsatz gerackert, die schmuckvollen Backsteinfassaden sanieren, reinigen und neu verfugen lassen, im Inneren Mauern versetzt, Zwischendecken gezogen und die Fenster original nachgebaut (Architekt: Rahim Sediqie). Nun bieten die beiden 20 Meter hohen Fördertürme und das eingeschobene Zwischenhaus Platz für mondäne, mit Parkett und hochwertigen Steinzeugfliesen ausgestattete Lofts. Über zwei Etagen reichende, zum Teil acht Meter hohe Räume, roh belassene Wände und die alten Stahlträger sorgen für die spezifische altindustrielle Note, an der sich seit ein paar Wochen die gut situierten Mieter erfreuen. Die Klientel kommt überwiegend aus der Umgebung, aus Essen, Duisburg oder Wattenscheid, der Architekt und der Bauherr selbst bewohnen den Turm, der Kulturdezernent einer Ruhrmetropole und, natürlich, eine Werbeagentur sind gerade eingezogen. Jede Wohnung hat eine eigene Terrasse, auf allen Seiten erhebt sich alter Baumbestand, rückwärtig überblickt man den einen, noch erhaltenen Platz des »Grün-Weiß-Gold« Tennisclubs Gelsenkirchen, den 1953 Zechendirektoren gegründet hatten. Man fühlt sich wie in einer Hotelanlage, und man soll sich auch so fühlen. »Ich musste bei den Banken einige Überzeugungsarbeit leisten, dass das Projekt auch funktioniert«, meint der gebürtige Allgäuer Werner, der aus dem Gelände eine »wirkliche Adresse« machen will. Inzwischen stehen die Interessenten Schlange. Und Werner hat schon die nächsten Objekte im Visier, die Zeche Consolidation und die Zeche Ewald – das Ruhrgebiet mit seinem industriellen Erbe eine neue gute Wohnadresse für Leute mit Näschen?

»Gemeinsam für Vogelheim« – In der einstigen Bergarbeitersiedung im Essener Norden stehen noch rund zwei Dutzend der backsteinernen Zechenhäuschen vom Anfang der 20. Jahrhunderts. Das Gros der Bebauung aber bilden jene inzwischen reichlich aus der Zeit gefallenen zwei- und dreistöckigen Geschossbauten der 50er Jahre, deren Vorteil immerhin ihre offenen Bauweise ist. Sie lässt bekanntlich jene begrünten Zwischenräume zu, die häufig von Teppichstangen möbliert werden. Etwa 6.000 Menschen leben in diesem jüngsten eigenständigen Stadtteil Essens, 16 Prozent davon sind Ausländer, wie fast überall in Essen schrumpft auch hier kontinuierlich die Bevölkerung.

Vor einigen Jahren drohte das Viertel baulich zu kippen, die Fluktuation war hoch, der Bestand erneuerungsbedürftig. Man entschloss sich zu handeln und setzte eine groß angelegte Stadtteilerneuerung in Gang. Maßgeblich beteiligt waren und sind drei Essener Wohnungsbaugesellschaften, denen 1700 Wohnungen, ein Großteil des Gesamtbestandes, gehören. Sie haben mit einer Investitionssumme von 30 Mio. Euro modernisiert, instand gesetzt und zum Teil auch abgerissen, darüber hinaus aber das vorhandene Wohnangebot – meist knapp gehaltene 50- bis 60- Quadratmeter-Wohnungen – vor allem durch den Bau neuer und größerer Miet- und Eigentumswohnungen sowie von rund 40 Eigenheimen den heutigen Bedürfnissen angepasst. »Ein Eigenheim ist die Frucht von zwei Generationen Arbeit«, meint Gerhard Witzel, bis zum Ruhestand fast 40 Jahre lang katholischer Pfarrer von St. Thomas-Morus in Vogelheim. »Und wenn man eins sein eigen nennt, dann lässt man sich seine Umgebung auch nicht mehr so leicht kaputtmachen«. Witzel zufolge hat zu der jüngsten positiven Entwicklung des Stadtteils vor allem die starke eigene Stadtteilidentität beigetragen, die sich in mancher Schlacht gegen die Obrigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Vogelheim ist gut ausgestattet mit Infrastruktur und sozialen Einrichtungen wozu auch die Kirche einiges beitrug. Zwei Altenpflegeheime hat sie im Laufe der Jahre errichtet und schon Ende der 1960er Jahre etwa ein Kino erworben, um daraus ein offenes Jugendzentrum zu machen. Vier Kindertagesstätten, davon zwei kirchliche, gibt es heute im Viertel und drei Turnhallen. »Ohne Identität der Menschen mit ihrem Viertel verliert bald auch der bauliche Charakter sein Gesicht und verkommt«, sagt Witzel. Jetzt ist Vogelheim ein Stadtteil mit einer überdurchschnittlich hohen Eigentumsquote. Im Essener Norden ist man gewissermaßen auf dem Weg der Verbürgerlichung. Wie sagen es die Herren von den Wohnungsbaugesellschaften: »Kleinbürgerliche Zustände bedeuten stabile Zustände.«

In Essen, aber nicht nur dort, gibt es angesichts der Bevölkerungsentwicklung allen Grund, sich um die Wohnqualität zu kümmern. Der Aderlass vor allem in den meisten Großstädten, in Gelsenkirchen zumal, aber eben auch in Essen, hält unvermindert an. 715.000 Einwohner waren es hier noch 1970, aktuell zählt man 588.000 Seelen. Die Zahl der Ruhrgebietler insgesamt ist auch im letzten Jahr wieder um gut 20.000 gesunken. Gegen solche Trends will man, so NRW-Bauminister Oliver Wittke (CDU), nun eben auch das innerstädtische Wohnen durch ein größeres bedarfsorientiertes, nicht zuletzt altersgerechtes Angebot attraktiver machen. Dazu gehört heute allerdings auch ein Anfang des Jahres 2006 auf den Weg gebrachtes Programm zum Abriss von altem Bestand.

Wohnqualität hängt nicht zuletzt von der Lage und dem Umfeld ab. Gute Perspektiven besitzen heute Städte, die mit Nähe zum Wasser auftrumpfen können. Paradebeispiel dafür ist der Duisburger Innenhafen, wo der Masterplan von Norman Foster and Partners das Industriegebiet zur beliebten Mixtur von Wohn-, Arbeits- und Ausgehwelt verwandelt hat. Das Mietwohnprojekt NF1 am Philosophenweg etwa, mit 68 Wohneinheiten (54- 134 Quadratmeter) und verglasten Loggien, Terrassen und Maisonette-Appartements bietet designbewussten Singles und Pärchen ein standesgemäßes Ambiente; der große begrünte Innenhof, der nur mit Schlüssel zugänglich ist, sichert Privatheit. Nicht jeder wird sich in der unterkühlten Architektur mit ihrer Vorliebe für kantigen Edelstahl, Metallpaneelen und eisengrauem Klinker heimisch fühlen; das nahe Hafenbecken und die neu angelegten, auch ökologisch funktionalen kleinen Grachten aber dürften sicher ihre Liebhaber finden.

Sage mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Einer ganz anderen, gegensätzlichen Wohnphilosophie folgt man im Dortmunder Westen. »So viel Gemeinschaft wie möglich, so viel Privatsphäre wie nötig«, lautet das Motto des Wohnprojekts »Tremonia «, das 2005 einen Innovationspreis NRW erhielt. Hier hat sich eine Interessengruppe einen Verein gegründet und in enger Abstimmung mit dem Architekten (Post & Welters, Dortmund) auf der Brache des ehemaligen Güterbahnhofs das Projekt gemeinschaftlichen und generationsübergreifenden Wohnens realisiert, eine Art Kommune des 21. Jahrhunderts. Entstanden ist eine um einen offenen Innenhof gruppierte hufeisenförmige Anlage, die ein fast dörfliches Miteinander erlaubt. 30 Erwachsene und elf Kinder bewohnen (als Eigentümer) eine Reihenhauszeile und ein mehrgeschossiges Mehrfamilienhaus. Dessen unterschiedliche Wohneinheiten, teils als Maisonette mit Gartenanteil, teils als Geschosswohnungen, öffnen sich zum Innenhof mit einem breiten Laubengang der Gemeinschaft, während die rückwärtige Seite zum Grünen hin den Rückzug ins Private erlaubt. Herzstück des Objekts ist ein Gemeinschaftshaus als »Ort der Begegnung«, das für Arbeitstreffen, Feiern und für Gäste zur Verfügung steht und an dem jeder Erwachsene finanziell mit einigen Tausend Euro beteiligt ist. Schon der Planungsvorgang war hierbei ungewöhnlich: Er dauerte, in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten, sieben Jahre. »Nur so ist«, betont Norbert Post, »tatsächlich einmal erreicht, dass das Angebot eines Bauherrn mit den Wünschen der Nutzer wirklich zur Deckung gebracht ist« – in diesem Fall als Synthese zwischen den Wünschen nach individuellem Wohnzuschnitt und einem auch baulich umzusetzenden Gemeinschaftsleben. Tremonia hat bereits zwei Nachfolgeprojekte in Dortmund gefunden – »es wäre wünschenswert «, so Post, »wenn private Nachfrager häufiger als Gruppe auftreten würden, um ihre Interessen zu stärken.«

Wohnen nach der eigenen Fasson braucht eben nicht nur Geld, auch einen langen Atem. //

www.zeche-holland.tk; www.post-welters.de (Tremonia); www.nf1.de

Architektur
09 / 2006

Zurück in die Stadt

Von: Frank Maier-Solgk


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