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NACHRUF (AUF DEN MONAT AUGUST 2011)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den August zurück!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER

Gut Ding will Namen haben, verspricht sich der Volksmund. Prompt sagen Männer ab Bundweite 107 Mutti zur Frau. Augustus bedeutet erhaben, sehr passend für einen Kaiser auf Sockeln. Auch Augustinus, das sich als Name zu Augustus so verhält wie Jürgen zu Jochen, war ein Kirchengroß- und -übervater, der früheste in der Spätantike, Gewinner jedes Bekenntnislaufs. Auguste, soll das heißen, sind immer die ersten, auch August I.: dickster König in Dresden. August Zweitausendelf hingegen kann mit keinem Superlativ prunken. Nicht mal als nassester Monat an Land, die Auszeichnung ging schon an Juli mit 38 Regentagen. Dummer August.

Schall und Rauch nehmen allenthalben zu und ergo die Namen. Seit keiner mehr weiß, was sie bedeuten, steigt ihre Bedeutung. Überall schlingt, an alles klebt sich ihr Unkraut: König-Pilsener-Arena, Signal-Iduna-Park, Kevin und Desiree Mustermann, Siemens-Festspiel-Nacht Bayreuth, Opel Zafira. Nur Polizisten in Nordrhein-Westfalen wird kein Name an die Uniform genäht, weil jeder dann wüsste, wie sie heißen, und wenn einer weiß, wie einer heißt, kann es leicht sein, dass er ihn haut. Das wird Schule machen. Bald schlüpfen die Lehrer, die dito gefährdet sind, ins Anonyme, danach Journalisten und Politiker. Das erleichtert künftige Wahlen, wenn nur noch die Parteien und für die Personen vielleicht kleine Icons angekreuzt werden müssen, Herzchen statt Hannelore. Nur noch das Amt gilt, Regierungsmitglieder werden auf Fotos und im Fernsehen verpixelt, lediglich ein paar Eingeweihte wissen, wie der Ministerpräsident heißt. Anonym sein wird Volkssport, an Haustüren ohne Nummern kleben Klingelschilder, auf denen ResidentEvil steht, FashionLady oder Sanmiamia, geistreiche Nicknames, wie wir sie aus den Chatrooms kennen. Millionen Entnamte, die in Städten leben, deren Namen immer blumiger werden. Denn danach streben sie, unsere Städte, nach dem Recht auf den Zusatz wie »an der Ruhr« hinter Mülheim. Der Antrag liegt zur Prüfung im Parlament. Mülheim, weil es schon was hat, kann nicht mehr mitmachen bei der neuen Runde, längst aber tobt ein grimmiger Zweikampf zwischen Düsseldorf und Köln um Rheinstadt. Ein Vermittlungsversuch des Innenministers, die eine solle sich Ober-, die andere Nieder- resp. Unterrheinstadt nennen, wurde erbost von letzterer zurückgewiesen, die jetzt statt Stadt Metropole erwägt. Was gleich Protest aus Essen hervorrief, das den Begriff fürs Ruhrgebiet reklamiert, dem Essen seit der Kulturhauptstadt nun mal den Banner trage. Wäre das nicht was, Bannerstadt Essen? Denn das ganze Ansinnen ist beileibe keine Petitesse, Haltern, das vor ein paar Jahren den Zusatz »am See« erwarb, ist seitdem die europäische Boomstadt Nummer eins und darf 2084 die Olympischen Spiele ausrichten. Solchen Erfolg möchte auch Bonn, das erwägt, auf die gelben Ortseingangsschilder Beethoven-Macke-Schlegel-Ex-Haupt-Bundes-UN-Telekomstadt zu schreiben. Die Chancen für seinen Antrag beim Bundesverkehrsministerium, die Ortstafel generell auf Plakatwandformat zu vergrößern, stehen allerdings schlecht. Ebenso wie Bonns Alternativwunsch, sich in Bonbon umzutaufen. In Sachen Namenswechsel nämlich werden nur Köln Aussichten eingeräumt; die Stadt hat einfach einen zu schlechten Ruf und würde gern unter neuem Namen von vorn anfangen.

 

Glosse
09 / 2011

NACHRUF (AUF DEN MONAT AUGUST 2011)

Von: ULRICH DEUTER


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