Samir Akika / Unusual Symptoms: »Me & Mum«. Foto Ralf Emmerich

ALLES IN BEWEGUNG

Das Festival »Tanz NRW11« zeigt vom 5. bis 15. Mai Künstler der Region auf internationalem Niveau.

TEXT: MELANIE SUCHY

Was Fülle und Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes angeht, ist Nordrhein-Westfalen Spitzenreiter in Deutschland. Nur in Berlin ist vielleicht mehr los, weil die Stadt mit billigeren Mieten und ihrem hippen Image mehr Künstler anzieht. Dafür hat die hiesige Region recht gute Strukturen für die Freie Szene, also Bühnen, Studios, Töpfe für Fördergelder – natürlich nie wirklich genug – und sogar zwei Ausbildungsstätten für Tanz. Dass man mit diesem Pfund höchst sichtbar wuchern kann, bewies 2007 erstmalig die Plattform »tanz nrw07«. Nun steht der dritte Durchgang des biennalen Festivals an. Man darf jetzt wohl von einer Tradition sprechen.

»Tanz NRW11«, an dessen Finanzierung sich das Land rund zur Hälfte beteiligt, ist kein schnell gestricktes Event; es kostete wieder viel Zeit und viele Gespräche. Denn es gibt keinen Kurator, der seine Best-of-Auswahl aus zwei Jahren trifft, sondern die zehnköpfige Tanzproduzenten-Konferenz NRW, darunter drei Kulturbüros, musste sich einigen. Aus etwa 50 Künstlern und Kollektiven, die in NRW kontinuierlich arbeiten oder von hiesigen Institutionen koproduziert werden, wählte man 21 Produktionen aus. Diese werden auf zehn Spielorte in acht Städten verteilt; jedes Stück geht auf ein bis drei Bühnen. Plus Rahmenprogramm. Am ersten Wochenende ballen sich elf Aufführungen in Essen und Düsseldorf. Das soll gezielt Gäste von außerhalb ansprechen, vor allem Profis, die Programm in Theaterhäusern oder für Festivals machen.

»Wir wollen die Szene in NRW nicht nur abbilden, sondern auch zur Diskussion stellen. Man soll sich auch reiben und nach Entwicklungen fragen«, sagt Stefan Hilterhaus, der künstlerische Leiter von PACT Zollverein. Die künstlerischen Ansätze sind sehr unterschiedlich, was für die Szene spricht. Das reicht von Samir Akika, Münster, der mit seinem alters- und spartendurchmischtem achtköpfigen Ensemble »Unusual Symptoms« in dem etwas trashigen und Nettigkeit verströmenden »Me & My Mum« der M-Frage nachgeht, zwei Mütter beteiligt und Kinder am Bühnenrand betreut, bis zum Düsseldorfer Raimund Hoghe, dem Gegenteil von Pop und Show, Kichern und Kleiderwechseln. Sein Stück »L’après midi« nimmt sich den Vater des modern widerspenstigen Balletts vor, Vaslav Nijinsky, und dessen »Nachmittag eines Fauns« zur Musik von Claude Debussy. Dazu reicht ihm der Tänzer Emmanuel Egger-mont, ein Rechnungsprüfer der Einzelbewegungen. Er komponiert ihn in den Raum der Geschichte wie in ein Bild hinein, dessen Rahmen Hoghe selbst mit zwei Gläsern Milch auf der Bühne mal erweitert, mal verengt. Dem Faun werden mit ausschweifender Geduld die typischen Arm- und Handbewegungen demontiert und wie fremde Signale wieder zusammengesetzt. Manchmal öffnen sich die nijinskyhaft flachgelegten langen Finger wie eine Blüte oder ragen übers Gesicht als blumige Maske.  

Während Hoghe auf seine Weise Setzungen macht, gehen viele der anderen neuen Produktionen eher dem Zweifel nach. Die Kölnerin Silke Z. stellt in ihrer »Generationen«-Serie diesmal den Tänzer Jess Curtis dem Schauspieler Angus Balbernie an die Seite, beide über 50 (»Jess trifft Angus«). Sie zeigen einander zwar erst ihre Narben wie Trophäen, erzählen von Unfällen und gefährlichen Projekten, verausgaben sich dann aber schwitzend beim Tanz, regredieren auf Kleinjungenniveau und enden im Schweigen.

Der Düsseldorfer Morgan Nardi präsentiert in seiner »One M(org)an Show« eine Tänzer- und Choreografenbiografie, die Flauten weglügt und zwischen Erfindungen schlingert. Der Bonner Karel Vanek erzählt im melancholisch humorvollen »Fantom Freedom« seinen Werdegang, der nicht fern des Prager Frühlings begann; und der Tanz seines Trios sucht in unterschiedlichen Stilen nach dem Fortkommen, das immer auch Miteinander oder Bindung heißt.  

Unbekannte Neuzugänge verzeichnet das Festival nicht. Auch der Wuppertaler Fabien Prioville zeigt sein inzwischen zweites Werk, »NOUS«: drei Männer in einem Zustand, der keine Freiheit mehr verspricht. Doch beglücken auch ganz altgediente Künstler wie die Kölner Angie Hiesl und Roland Kaiser. Ihre Freiluftperformance »Pick’n’Place« nimmt sich so viel Zeit wie niemand sonst. Fünf Stunden lang schleicht sie sich in das Bild von Stadt ein, mit riesigen Regalen, die das Raster der Häuser spiegeln, Aufbewahrungssysteme von Menschen. Leere Eimer und seltsam gefüllte Aktenordner sind hier die Bewohner; sie geraten in Bewegung.

www.tanz-nrw-11.de

Bühne
05 / 2011

ALLES IN BEWEGUNG

Von: MELANIE SUCHY


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