Christoph Meyer, Foto: Joerg Michel

»An der Oper gibt es kein Theatertreffen«

Die Intendanten Christoph Meyer und Uwe Eric Laufenberg über Finanzströme, Kölnisch Wasser, neue Energiequellen und rheinische Regie-Rezepte

Interview: Michael Struck-Schloen

//   Großes Schulterklopfen. So begrüßen sich gute Bekannte, außerdem befördert der Ort gemeinsame Erinnerungen. Uwe Eric Laufenberg trifft Christoph Meyer in seinem Büro im Kölner Opernhaus, wo er jetzt Hausherr ist, während der Besucher dort von 1990 bis 1995 in leitenden Funktionen der Intendanz Michael Hampe tätig war, aus der Regisseure wie Willy Decker und Andreas Homoki  hervorgingen. Meyer, 1960 in Lüneburg geboren, hat neben zahlreichen Regieaufträgen und Aufgaben an den Opern in Barcelona und Granada an der Deutschen Oper Berlin, in Basel und Leipzig

als Operndirektor gewirkt. Laufenberg (ebenfalls Jahrgang 1960) wiederum arbeitete – nach Assistenzjahren bei Noelte, Hilsdorf, Ponnelle, Ruth Berghaus und Peter Stein – in den früheren 90er Jahren nebenan am Offenbachplatz unter Günther Krämer als Schauspieler und Regisseur. Nach Stationen u. a. in Frankfurt, Zürich, Berlin übernahm er 2004 die Intendanz des Potsdamer Hans-Otto-Theaters. Man kennt und mag sich. Das hat Folgen. Es gibt Absprachen: zum Auftakt ein Premieren-Wochenende, das miteinander, nicht gegeneinander geplant wurde. Düsseldorf hat den Vortritt: am 18. September mit Benjamin Brittens »Peter Grimes«, gefolgt tags darauf in Duisburg mit der Strauss-»Salome«. Köln beginnt am 20. September mit den »Meistersingern«, inszeniert vom Intendanten. Die Wagner-Proben legten den Treffpunkt für das Duett nahe: Köln. Christoph Meyer scheute keineswegs die Rheinquerung.

K.WEST: Soeben hat der Kölner Kämmerer eine Kürzung des Kulturetats um 30 Prozent angedroht und damit dem Sommertheater reichlich Stoff geboten. Herr Meyer, solche Sorgen müssen Sie sich in Düsseldorf nicht machen …

MEYER: Nein, wir haben für die Spielzeiten 2009/ 2010 sogar drei Millionen Euro Zulage bekommen, wobei das angesichts problematischer Aussichten bei den Steuereinnahmen etc. für das nächste Jahr weniger sein wird.

K.WEST: Wie haben Sie sich diese wundersame Erhöhung erstritten?

MEYER: Zur Information: Unser Gesamtetat liegt bei 40,16 Millionen Euro. In den Gesprächen mit dem inzwischen verstorbenen Düsseldorfer Oberbürgermeister Erwin und Kulturdezernent Lohe war immer klar: Wenn man für Oper und Ballett mehr Ausstrahlung will, mehr internationale Gäste und Regieteams, dann brauche ich mehr Geld. Das war von Anfang an beschlossene Sache und die Bereitschaft seitens der Stadt und des Aufsichtsrates sehr groß. Da kann man nur drei Mal am Tag ‚Danke’ rufen.

K.WEST: Herr Laufenberg, Sie haben weniger Ursache zu jubeln …

LAUFENBERG: Unser Gesamtetat liegt bei 30,1 Millionen Euro. Immerhin, einen Kulturentwicklungsplan gibt es bei uns auch. Nach Renovie- rung und Wiedereröffnung des Opernhauses im Jahr 2013 sieht er eine Erhöhung vor. Aber in der Liste der dreizehn größten Opernhäuser in Deutschland befinden wir uns jetzt, was die Subventionen angeht, hinter Düsseldorf auf Platz 12. Das ist keineswegs einzusehen. Eigentlich müssten wir uns darüber unterhalten, wieso wir nicht mit Hamburg, München und Berlin konkurrieren. Das bevölkerungsstärkste Bundesland müss- te sich das leisten können.

K.WEST: Tut es ja in gewisser Weise, zumindest theoretisch, wenn man die Vorschläge der Kulturkommission, beauftragt von Land und Kunststiftung, ernst nehmen wollte. Nur zielen deren Überlegungen auf einen Konkurrenten. Bevorzugt als NRW-Staatsoper würde das äußerst erfolgreiche Essener Aalto-Theater.

MEYER: Umso weniger dürfte man dann aber Stefan Soltesz  die Gelder wegnehmen, wie es gerade passiert.

LAUFENBERG: Für uns in Köln ist es halt blamabel, dass das Musiktheater in Essen letztlich erfolgreicher ist – mit weniger Geld. Deshalb habe ich den Auftrag, zu zeigen, dass diese Institution hier lebt, gute Arbeit leistet und deshalb ausgebaut wird. Wir müssen der Politik nun unsere Potenzen beweisen. Ich bin niemand, der nur auf die Politik draufhaut. Es ist immer auch ein Wechselspiel.

K.WEST: Sie wollten sich ein Mindestbudget in den Vertrag schreiben lassen.

LAUFENBERG: Das steht auch so drin. Wenn man mir ans Budget geht, kann ich sofort tschüss sagen – das gilt gleichfalls für die Schauspielchefin Karin Beier. Deshalb beunruhigen mich die aktuellen Sparvorschläge auch nicht.

K.WEST: Karin Beier und das Schauspiel stehen für ein Glück des Beginnens. Man kann nach zwei Jahren schon von einer Liebesbeziehung zwischen Publikum und Theater sprechen. Das hat vielleicht auch mit Stallgeruch zu tun, mit dem Kölnisch Taufwasser? Sie haben ebenfalls die richtige Geburtsurkunde.

LAUFENBERG: Bis zum 35. Lebensjahr hatte ich hier eine Wohnung und bin dann für 14 Jahre in Berlin gewesen – aber im Moment ist hier im Westen mehr Anfang. Klar freut man, wenn man eine Stadt kennt und an ihre Mentalität angeschlossen ist. Aber ich will nicht zwanzig Jahre bleiben. Eine gute Spanne für eine Intendanz sind zehn Jahre. Wissen Sie, jedes Haus hat seine Geheimnisse und Tücken. Es braucht viel Gespür, um die Motivation an sehr großen Häusern mit ihren starken Kollektiven herzustellen und etwas zu drehen, damit am Abend volle Kraft gegeben wird. Wenn man zurückschaut hier, Verunsicherungen und interner Krach um »Samson und Dalila«, abgesagte Uraufführungen, ein Jahr ohne Opernintendant, ich will das nicht vertiefen, dann ist bei allen die Hoffnung groß, dass man’s jetzt endlich packt. Im Moment fühle ich, dass alle willens sind.

MEYER: Das kann ich gleichfalls bestätigen. Die Rheinoper hat das von meinem Vorgänger Tobias Richter initiierte »Finale furioso« hinter sich, mit 32 Opern in 35 Tagen. Ein ziemliches Unterfangen. Die Stimmung für unser Eröffnungs-Wochenende ist großartig, und das immerhin, obwohl wie den Chor bitten mussten, eine Woche eher aus den Ferien zurück zu kommen.

K.WEST: Laufenberg und Köln, okay. Aber warum Meyer und Düsseldorf / Duisburg. Weshalb haben Sie sich für die Rheinoper  beworben?

MEYER: Ich hab’ mich nicht beworben. Ich wurde gefragt. Entgegen anders lautenden Behauptungen habe ich auch zu meiner Kölner Zeit öfter den Weg in die Rheinoper gefunden. Es ist ein tolles Haus mit hervorragenden Sängen, eines der größten Ensembles der Welt. Gewiss ist die Ehe zwischen beiden Städten schwierig, weil es unterschiedliche Häuser und Bevölkerungsschichten sind. Ich habe mich reinfallen lassen ins Düsseldorfer und Duisburger Leben und viele offene Türen gefunden.

K.WEST: Tobias Richter war dreizehn Jahre Chef. Was ist sein Erbe, was wollen Sie ändern?

MEYER: Für mich gilt: Inszenieren und Intendant-Sein, das kann ich nicht. Ich werde rund um die Uhr da sein, aber nicht selbst Regie führen. Für mich ist Präsenz wichtig als Signal an die Mitarbeiter. Wir werden zum Beispiel sehr aufs Theater für Jugendliche und Kinder bauen, das es bisher nur reduziert gab. Wir machen drei Kinder-Foyer-Produktionen, gegründet wird ein Kindertheaterchor in Duisburg, und wir  platzieren für diese Zielgruppe eine Produktion im Großen Haus: »Robin Hood«, in der die Hauptfigur durch einen falschen Tastendruck am Computer in Sherwood Forrest landet. Zudem habe ich das Opernstudio extrem ausgebaut. Junge Sänger bekommen echte Meisterklassen, bezahlt vom Freundeskreis, und eine eigene Produktion in der früheren Paketpost.

K.WEST: Etwas Robin Hood-Mentalität würde in Köln auch nicht verkehrt sein. – Kollege Laufenberg erklärt im Gegensatz zu Meyer, dass man gerade beim Inszenieren ein Haus erst richtig in den Griff kriegt.

LAUFENBERG: Etwas muss uns ja auch unterscheiden. Unabdingbar ist die Verbindung Intendant und Regisseur nicht. Auch ich meine, dass es wichtiger ist, das Haus zu führen, aber es stört nicht, wenn man es als Regisseur kennt, weil man es dann am besten kennen lernt. Man muss dann freilich aushalten, in der Kritik zu stehen. Es kann einen gemeinsam stark machen, aber auch belastend sein. Wenn das passiert, dass der Intendant für sein Haus als Regisseur zum Negativposten wird, sollte man sich besser vom Platz nehmen.

K.WEST: Herr Laufenberg, Sie sind ein freundlicher Mensch, waren aber zum Kölner Ensemble nicht so nett und haben etliche Mitarbeiter entlassen. Eine rein künstlerische Entscheidung?

LAUFENBERG: Ja, es waren künstlerische Entscheidungen. Die lassen sich am besten durchsetzen bei einem Intendantenwechsel – das sieht das deutsche Bühnenrecht so vor. Der Zustand der Kölner Oper, der ja auch vom Kulturdezernenten beklagt wurde, machte bestimmte Nicht-Verlängerungen geradezu notwendig. Jeder sollte wissen: Wer zum Theater geht, sitzt auf gepackten Koffern. Man entscheidet sich doch nicht für ein bestimmtes Theater, sondern für einen Beruf.

K.WEST: Werden Sie auf Dauer mehr Gäste als Ensemblemitglieder beschäftigen?

LAUFENBERG: In der Musik ist es doch so, dass Leute, die sich andauernd treffen, irgendwann zusammenpassen. Anstelle eines Festvertrags halte ich es für viel wichtiger, sich mit den Sängern über ihre Stimme, ihre Pläne, ihre Entwicklung auseinander zu setzen.

K.WEST: Wie drückt sich das in Zahlen aus?

LAUFENBERG: Ich traue mich das gar nicht zu sagen: Ich habe noch 16 Leute in festem Vertrag – und Meyer hat 60.

MEYER: 54!

K.WEST: 16 gegen 54. Das spricht für eine sehr andere Spielplan-Auffassung in Köln und Düsseldorf.

MEYER: Wir haben eine Menge neue Sänger, darunter etliche junge Talente. Denen müssen wir ja auch neue Wege eröffnen. Unsere 14 Wiederaufnahmen, die wir neben den neun Premieren angesetzt haben, bekommen bei der Einstudierung mehr Zeit als früher. Auf längere Sicht will ich dem Angebot der Rheinoper eine andere Farbe geben.

K.WEST: Bei Ihnen, Herr Laufenberg, steht die Schließung und Sanierung der Oper bevor. Kann das auch ein Vorteil sein, weil man andere Räume mit anderen Konzepten erschließen muss?

LAUFENBERG: Ein festes Ausweichquartier, das so tut, als sei es ein Opernhaus, hätte ich furchtbar gefunden, weil man da nur drauf wartet, dass

die richtige Oper wieder beginnt. Besser, die

drei Jahre kreativ zu nutzen, die Oper auf den Prüfstand zu bringen, neue Erzählweisen zu probieren.

K.WEST: Wird das große Repertoire überhaupt noch zu sehen sein?

LAUFENBERG: Wir werden kein Repertoire spielen, mit Ausnahme des »Don Giovanni«, der schon für das Palladium in Köln-Mülheim geplant wird. Im Großen Haus hatten wir nur Geld für sieben Neuproduktionen und die Werkstätten Kapazitäten für fünf. Demnächst werden wir zehn oder elf machen müssen – in Räumen, für die man keine großen Dekorationen herstellen muss. Man muss die gesamte Struktur neu denken. Erfahrungen, die vielleicht Erkenntnisse für die Zukunft im festen Haus bringen.

K.WEST: Kann man heutzutage vom Regie-Startheater absehen?

LAUFENBERG: Für die Oper gibt es kein Theatertreffen, deshalb müssen wir nicht unbedingt große Namen einkaufen, sondern nur das Produkt an sich stark machen. Gelungene Abende haben beide Komponenten: eine gute Regie und eine gute musikalische Seite. Ich möchte Kontinuitäten mit bestimmten Regisseuren herstellen, mich aber nicht auf eine Regiesprache festlegen, sondern jeweils einen Ausdruck finden, der einen aktuellen Nerv frei legt und etwas intellektuell erfahrbar macht. Wenn man bestimmte Stücke oft in Trainingsanzügen und Plastiktaschen gesehen hat, sollte man sie mal  anders sehen. Damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin der Meinung, dass man alles machen darf. Diese Freiheit haben wir uns – am Theater und in der Gesellschaft – erobert. Wir lassen uns nicht mehr erzählen, ob man Video benutzen darf oder ein Mensch nackt ist im Leben und auf der Bühne. Zur Freiheit gehört aber auch, bei einem Stück den historischen Kontext aufzudecken.

MEYER: Mir geht es auch nicht um die Namen an sich. Wenn ich für einen »Peter Grimes« einen Regisseur suche, kann das durchaus jemand

sein, der bei anderen Komponisten nicht so erfolgreich war, aber für Britten die richtige Hand hat. Andrea Breth kann auch nicht jedes Stück, den »Vogelhändler« würde ich ihr sicher nicht anbieten.

K.WEST: Britten, Strauss, Verdi, Wagner, Léhar – warum bringt die Rheinoper nicht mehr unbekannte und zeitgenössische Stücke?

MEYER: Tun wir doch, mit Rameaus »Les Paladins« als szenischer deutscher Erstaufführung und Jörg Widmanns »Das Gesicht im Spiegel« in neuer Fassung.

LAUFENBERG: Und wir spielen »Love and Other Demons« von Peter Eötvös. Aber es reicht nicht als Spielplan-Begründung, dass ein Stück lange nicht gespielt wurde. Bei unseren 170 Vorstellungen haben wir die Verantwortung, das Publikum mit Werken zu erreichen, an die wir selbst glauben.

K.WEST: Warum erhöhen Sie nicht die Zahl der Spieltage?

LAUFENBERG: Wir haben mehr Wiederaufnahmen als bisher und damit einen breiteren Spielplan. 2013 wird man sehen, ob es wieder ein Ballett geben wird, ob das Gürzenich-Orchester Staatsorchester wird und man bei Gastspielreisen hier ein zweites Orchester heranziehen muss.

K.WEST: Falls sich Ihre Spielplan-Vorlieben zu stark überschneiden sollten,  wird es eine Abstimmung geben?

LAUFENBERG: Als wir unsere Zettel nebeneinander legten, haben wir uns gefreut, dass es keine Doppelungen gab.

MEYER: Ebenso werden wir es im zweiten Jahr machen. Mit Essen werde ich es ebenfalls tun. Viel weiter muss es sich nicht ausdehnen.

K.WEST: Wie lange laufen denn Ihre Verträge?

LAUFENBERG: Sieben Jahre. Die Idee des Kulturdezernenten war, dass ich ein Jahr im alten Haus, drei Jahre unterwegs und danach weitere drei Jahre Zeit habe.

MEYER: Fairer Vorschlag. Bei mir sind es fünf Jahre.

Bühne
09 / 2009

»An der Oper gibt es kein Theatertreffen«


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