Wir sind das (biblische) Volk. Foto: Bettina Stöß / Stage Picture

AUF DER INTENSIVSTATION

Mendelssohn Bartholdy »Elias« in Dortmund 

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Die Wunderheilung eines Kindes wird auf die Intensivstation verlegt. Die Baalspriester machen ihre Wetterprognosen am Computer. Das Regenwunder ist ein Konsumregen, wobei Cheerleader in Konfettiwolken auftreten. Das Hebräervolk hat Handys, aber keinen Empfang. Auch so kann man die Bibel übersetzen. In Dortmund inszeniert Intendant Jens-Daniel Herzog den gewaltigen »Elias« des Felix Mendelssohn Bartholdy. Und erweitert den Trend, Oratorien auf die Bühne zu bringen, indem nun deren späte Blütezeit in der Romantik theaterreif wird, was bislang eher barocken Werken vorbehalten war.

Zum Entsetzen des Propheten hat sich das Volk Israel unter König Ahab von Jahwe abgewendet und betet Baal an. Elias verkündet dreijährige Dürre, die eine Hungersnot zur Folge hat. Es kommt zum Aufstand, woraufhin Elias den Heidengott zur Feuerprobe fordert. Baal sendet kein Feuer vom Himmel, aber Elias’ Opferaltar geht in Flammen auf. Das Volk bekennt sich wieder zu Elias, bleibt aber wankelmütig und verführbar. Der Visionär und Mahner (Christian Sist mit weichem, kultiviertem Bariton und hoher Verständlichkeit) wird unbequem, scheitert an den Launen der Menge und fährt gen Himmel auf, wobei er in Dortmund schlicht durch den Zuschauerraum abgeht.

Für Mendelssohn lag der Reiz an der Vertonung vor allem in der Komposition von »recht dicken, schweren und vollen Chören«, wie er in einem Brief schrieb. Entsprechend dicht bevölkert der von Mathis Neidhardt konzipierte Raum, der keine archaische Landschaft zeigt, sondern einen heutigen Versammlungsraum mit Sitzungsstühlen, Monitoren und Rednerpult. Elias tritt auf als charismatischer Politiker, der am Alltaggeschäft und an den Niederungen des Betriebs scheitert. Die Engel mutieren zur fundamentalistischen Splitterpartei, das demokratische Volk zeigt, wie unter Druck die Eliten reagieren und die Massen auf Wohltaten reagieren.

Zwar nicht durchweg schlüssig, besitzt die Aufführung starke Bilder und einige  erhellende Momente. Musikalisch bleiben keine Zweifel. Motonori Kobayashi hält die Fäden des monumentalen Geschehens in der Hand, Chor und Extrachor sind hervorragend präpariert und entwickeln imposante Wucht bei gleichzeitig wunderbarer Transparenz. Mit diesem »Elias« lässt sich sozusagen Staat machen.

www.theaterdo.de

 

 

 

Bühne
04 / 2012

AUF DER INTENSIVSTATION

Von: REGINE MÜLLER


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