Mit aller Gewalt: der Chor der Dorfgemeinschaft gegen den Einzelnen. Foto: Bernd Uhlig

Benjamin Brittens „Peter Grimes“

Mit Gott alle gegen Einen: Ein britisches Team inszeniert in Köln die beinahe englische National-Oper "Peter Grimes".

Wenn es darum ginge, den Haupthelden zur Titelfigur zu erklären, so müsste Benjamin Brittens Oper nicht „Peter Grimes“ heißen, sondern „Das Meer“. Die See ist die Elementargewalt, das Naturereignis, das alles bestimmt – und ist zugleich Ausdruck und Symbol des inneren Aufruhrs der Menschen, ihrer Stimmungen und Stimmungsschwankungen, ihrer zerstörerischen Kraft und pulsierend negativen Energie. 

Der Fischer Peter Grimes, Einzelgänger innerhalb seines Dorfes und ohnehin beargwöhnt durch sein Eigen- und Anders-Sein, wird verdächtigt, für den Tod seines Lehrjungen auf See verantwortlich zu sein, den er aus dem Waisenhaus geholt hatte. Trotz gerichtlichem Freispruch halten die Leute ihn für schuldig. Das Misstrauen der puritanisch geistig engen, feindseligen Gemeinschaft gegen den Einen bleibt und kann auch von der rationalen Lehrerin Ellen Orford und Kapitän Balstrode, die Grimes gegenüber offen zugewandt sind, nicht zerstreut werden. Als ein zweiter Lehrling, ebenfalls Waise, zu Tode kommt, ist kein Halten mehr. Grimes aber kommt der Lynchjustiz zuvor. Das Meer nimmt ihn auf. Eine Todesmetapher. 

Benjamin Brittens erste große Oper wurde 1945 in dem noch vom Krieg gezeichneten London uraufgeführt. In Köln inszeniert und dirigiert ein britisches Team: mit Regisseur Frederic Wake-Walker, der Ausstatterin Anna Jones und mit Nicholas Collon, der als Gast am Pult das die Gezeiten der Partitur brillant musizierende Gürzenich-Orchester leitet.  

Die Inszenierung übersetzt die Bedrohung des Elementaren bildstark, der Chor der Menge Mensch, als Bürgerheer und Bürgerwehr kostümiert, setzt sich als Marschkörper in Bewegung, dominiert die Handlung und treibt sie an. Gegen ihr Fluten ist Grimes, den Marco Jentzsch beeindruckend in seiner Ambivalenz, seelischen Zerrissenheit und uneindeutigen Gespanntheit spiel-sängerisch darstellt, machtlos. Dass die Szene angedeutet einem Kirchenschiff gleicht, in dessen Gottesraum einerseits Triebe gebändigt, reguliert und umgedeutet werden, zum anderen das Fanatische gepredigt werden und der ‚Gläubige’ aufgeputscht werden kann, zu welchen Aktionen auch immer, ist eine starke Setzung. Hier sind alle Gefangene, die vielleicht von der Freiheit träumen – nicht allein Peter Grimes. 

Oper Köln, Staatenhaus am Rheinpark, 28. und 30. November, 2., 6. und 8. Dezember, www.oper.koeln

Bühne
11 / 2018

Benjamin Brittens „Peter Grimes“

Von: Andreas Wilink


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