Blutbad

Viscontis »Der Fall der Götter« im Düsseldorfer Schauspielhaus

//   Luchino Viscontis filmisches Werk, entstanden zwischen 1942 und 1974, enthält eine deutsche Trilogie, bestehend aus drei Filmen: »Die Verdammten«, »Tod in Venedig« und »Ludwig« über Bayerns Märchenkönig. Den auf Wagners »Ring« anspielenden Originaltitel der »Verdammten« von 1968 benutzt die Regisseurin Karin Henkel auch für ihre Bühnen-Fassung. Mit »Der Fall der Götter« eröffnete das Düsseldorfer Schauspielhaus seine Saison.

Erzählt wird die Geschichte der Ruhr-Stahl-Dynastie derer von Essenbeck, beginnend am Vorabend des Reichstagsbrandes, Ende Februar 1933. Über drei Generationen hinweg vollzieht sich ihr Untergang parallel zum Aufstieg der Nazis, die sich der Familienmitglieder bedienen, sie aus- oder gleichschalten, zur Flucht oder in den Tod treiben. Durchdrungen wird das politische Zeitbild vom Sittenbild. Thomas Manns berühmtes Diktum, verwandt auf seinen biblischen »Joseph«-Roman, »den Mythos ins Humane umfunktionieren« zu wollen, lässt sich für Viscontis Absicht abwandeln. Der – triviale und negative – Mythos Drittes Reich wird von dem italienischen Aristokraten ins Inhumane umfunktioniert. Sein Interesse galt dabei nicht so sehr der politischen Analyse. Ihn beschäftigte vielmehr die

Psychopathografie seiner Urthemen Eros, Machttrieb, Gewalt und Leidenschaft, leitmotivisch wie in Wagners Musikdramen in die filmische Dramaturgie verwoben. Vor allem in Gestalt des Erbes und Enkels Martin von Essenbeck, seiner pädophilen Neigungen, seiner inszestuösen Beziehung zur Mutter und der Manipulation durch seinen Vetter Aschenbach, einem hohen SS-Offizier. Markiert wird eine Verfallslinie: durch Morbidität und Dekadenz, die Visconti mit Pathos und Pomp im großen Format darstellt. Nur wenn man akzeptiert, dass man es mit einem Nachhall des 19. Jahrhunderts zu tun hat, macht die Adaption Sinn.

Daraus ein Lehrstück zu basteln, ist vollkommen verkehrt. Genau dies aber passiert in Düsseldorf. Karin Henkel erhebt den moralischen Finger und weist damit noch über den Untergang 1945 hinaus auf die Kontinuität der deutschen Wirtschaftseliten. Sie führt einen nachträglich allwissenden Erzähler (Heiko Raulin) mit Prolog und Epilog ein: Es ist der alt gewordene Martin. Man spricht Szenenanweisungen ein und buchstabiert den Film bis zum bitteren Ende nach, reiht die Figuren wie Gehenkte an der Rampe auf, mischt Puppen unters Ensemble, die einige der Rollen übernehmen, schiebt also die Distanz des epischen Theaters in den sperrig hölzernen Ablauf ein. Die wenigen eindringlichen Momente verdanken sich am ehesten Bernd Grawert als Friedrich Bruckmann und Nadine Geyersbach in der Hosenrolle des Martin von Essenbeck, dem sie den androgynen Reiz gibt, den Helmut Berger bei Visconti besaß. Die Aufführung richtet buchstäblich ein Blutbad an. Die Bühne (Henrike Engel) ist von einem breiten Becken mit rot gefärbtem Wasser begrenzt, in dem kräftig geplanscht, gemordet und gestorben wird. Vielleicht müssen die Essenbecks alle im Blut waten, um ihre Blutleere als Figuren der Düsseldorfer Geschichtslektion zu kompensieren.  //   AWI

Bühne
10 / 2008

Blutbad


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