Fotos: Lin Lambert

»Das Gefühl für Gerechtigkeit wird entscheidend sein«

Eine Begegnung mit Aslı Sevindim, Programmdirektorin der Kulturhauptstadt 2010

 

//Im Konferenzraum von »Ruhr.2010« im Essener Alfred Herrhausen-Haus hängt eine große Karte des Ruhrgebiets. Auf ihr ist der Ballungsraum, der in den umliegenden Büros darauf getrimmt wird, in zwei Jahren die lebendig bunte Kulturhauptstadt Europas zu sein, eine gesichtslose, grün-braun-blasse Steppe. Den einzigen sonstigen Wandschmuck bildet ein Plakat vom letztjährigen »Melez«-Festival – ob es extra für diesen Termin aufgehängt wurde? Denn Aslı Sevindim, eine der vier Programmdirektoren der Kulturhauptstadt, ist auch für »Melez« zuständig, das »Fest der Kulturen« (»türkische Mega-Stars, moldawischer Crossover, französischer Breakdance«), mit dem sich »Ruhr.2010« seit 2005 schon mal multikulturell warmläuft. Aslı Sevindim kommt gerade herein. Mit dem ersten Schritt ist sie mitten im Raum. Verdrängt aber niemanden. Läuft um den Konferenztisch herum auf die Fotografin zu, sie zu begrüßen. Wieder zurück zum Reporter. Lacht. Bewegt sich viel. Wirft ihren Mantel auf einen Stuhl, vermittelt Tempo, aber auch Sicherheit – vom einen Moment auf den andern herrscht Familienstimmung. Als würde man seine Cousine, viel zu lang ist es her, endlich mal wieder sehen.

Wie geht’s, würde man nicht fragen. Aslı Sevindim geht es bestimmt immer gut. Sie ist eine schöne Frau. Sie ist gebildet, selbstbewusst, eloquent, erfolgreich. Sehr gewinnend. Mal ein bisschen kumpelig, dann sofort mädchenhaft, im nächsten Moment von überlegener Ironie. Sie lacht meistens; wenn sie es nicht tut, wirkt ihr Gesicht sehr ernst. Sie ist Journalistin und Moderatorin (Radio und Fernsehen), Buchautorin, gefragter Interviewpartner und Podiumsgast in Sachen Migration. Vorzeigetürkin sozusagen (darauf kommen wir noch). Ein gelungenes Le-ben. Nach Aktenlage allerdings brachte sie keine guten Voraussetzungen für eine solche Karriere mit: Sie ist in Duisburg geboren, 1973, als älteste Tochter türkischer Einwanderer kleinbäuerlichen Milieus, die ein Jahr zuvor aus Nordwest-Anatolien hergekommen waren; Mutter Arbeiterin, Vater Kranführer. Aslı wuchs auf in Marxloh, einem Stadtteil in Migrantenhand. Gerade derzeit wird ja wieder heftig darüber debattiert, welche Faktoren zu einer gelungenen sozialen Integration führen. Reichen die Bildungsangebote, die die gesellschaftlichen Agenturen bereitstellen, aus? Sind Druck und Anreiz groß und spezifisch genug? Vielleicht. Aber sicher nicht für jeden. Aslı Sevindim wirft dieser Gesellschaft vor, wegzugucken, wenn kindliche Sozialisation schief läuft – in Migranten – wie in deutschen Familien. Sie fordert, »solche Defizite aufzufangen«. Sonst trage die Gesellschaft auch die Verantwortung für die Folgen.

Dabei ist sie selbst das beste Beispiel dafür, wie viel eigene Kraft vermag. Die Frage allerdings, woher diese Eigenkraft kommt, kann sie so wenig beantworten wie irgend jemand sonst. Sie kann nur Faktoren nennen: Ihre Mutter las viel, türkische Romane, die die Tochter auf dem Nachttisch liegen sah. Sie selbst las als Kind auch viel, deutsche Kinderbücher, »›Die drei ???‹ und so«, das hierzulande übliche eben; niemand hinderte sie daran. Auch lernte die Mutter freiwillig ganz passabel Deutsch sprechen. »Gut, sie würde kein Buch in deutscher Sprache lesen – außer meinem natürlich.« In ihrem halb autobiografischen Erzählband »Candlelight Döner« hat Aslı Sevindim ihrer Mutter ein ironisch-liebevolles Denkmal gesetzt. Vor allem aber: »Meinen Eltern war sehr wichtig, dass ihre drei Töchter anständig gebildet sind und einen Job haben. Und dieser Weg ging für sie nur übers Studium.«

Das Studium wird später angetreten (Politologie, Geschichte, Jura), aber zunächst zeigt sich Aslı weiterhin als wissbegieriges Mädchen, das »mit zwölf, dreizehn« eines Tages befindet: Ich will Radio hören. Das alte Kofferradio des Vaters wird für sie das erste Tor zur Welt. Das zweite ist die Stadtteilbibliothek, wo sie der auf ein Bändchen ausgewählter Reden von Martin Luther King stößt. »Das war für mich der Anfang politischen Denkens, das kann ich jetzt im Nachhinein sagen.« Weil zu jener Zeit ausländerfeindliche Gewalttaten sich häufen (der Brandanschlag in Hünxe 1991 ist ihr in Erinnerung), kann sie Parallelen zwischen dem Kampf um die Emanzipation der Schwarzen und der Lage ihrer eigenen sozialen Gruppe ziehen. Zusammen mit anderen Jugendlichen macht sie im Jugendzentrum Marxloh Bürgerfunk. Aus dem Hobby wird ein Beruf: Ab 1999 arbeitet sie als Autorin und Moderatorin für den WDR-Integrationssender »Funkhaus Europa«, seit 2004 als Moderatorin bei »Cosmo TV«, dem interkulturellen Magazin des WDR Fernsehens, und seit 2006 als Moderatorin für dessen abendliche »Aktuelle Stunde«.

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Das Wort Vorzeigetürkin aber hasst sie. Zum einen, weil sie zwar ersichtlich über ein kräftiges Selbstbewusstsein verfügt, nicht aber über ähnlich kräftige Eitelkeit. Zum andern, weil sie ihren Werdegang als so einzigartig nicht einschätzt: »Wenn die Leute wüssten, wie viele solcher Lebensläufe existieren. Wie normal das ist!« Für Aslı Sevindim sicherlich normal: für ein Mädchen, die alles begierig aufsaugt, das sich ihr bietet, und wenn es fremd ist, umso besser! Deren Eltern aufgeklärt genug gewesen waren, die kleine Aslı in den katholischen Kindergarten zu schicken. Für ein Mädchen, das aus Interesse an den dort üblichen sozialphilosophischen Gesprächen eine Zeitlang am evangelischen Religionsunterricht teilnimmt. Für ein Mädchen, das sich mit 17, 18 selber ein gutes Stück der europäischen Kunstgeschichte aneignet.

Stellt es für Migranten aus islamischer Tradition nicht ein Hindernis auf dem Weg zum kulturellen Heimischwerden in Deutschland dar, dass die gesamte Bildtradition christlich kodiert ist? »Glaube ich nicht«, antwortet Sevindim ohne Zögern. »Wer mit offenen Leitungen durch die Welt geht, den hält das nicht ab.« Das stimmt natürlich. Und zieht wieder die Frage nach sich, wie kriegt man sie offen, die Leitungen? Sind sie verstopft, aber hat das nach Sevindims Überzeugung meist soziale Gründe. »Wenn so ein Typ mit seinem BMW in der zweiten Reihe parkt, tut er das dann, weil er Türke, oder weil er einfach ein Flegel ist? Man darf die Probleme nicht künstlich ethnisieren.« Aus diesem Grund mag sie auch den Begriff Integration nicht: »Die meisten Menschen meinen damit Assimilation. Aber welchem Deutschsein soll ich mich anpassen, dem von Stoiber oder dem von Ströbele? Worauf es ankommt, sind universelle Werte: Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, wir schlagen unsre Kinder nicht – so etwas. Ansonsten gibt es Gesetze. Und ein gewisses Maß an Anderssein muss einfach akzeptiert werden. Was wir hier total versäumen, ist ein ganz normales menschliches Miteinander.« Da ist sie so, wie viele Ruhris sind: Offen, unprätentiös, allen Kompliziertheiten abhold. »Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich habe nie gesagt« – und jetzt fällt sie ins Ruhrpottdeutsch –: »Kenn’ ich nich’, will ich nich’. Ich bin beim Essen auch nich’ so. Ich sag’ dann: Kenn’ ich nich’, kann ich aber ma’ probieren.« Der Reporter kann sich leider nicht verkneifen, an dieser Stelle nachzufragen: »Schweinefleisch?« Ein kurzer ironischer Blick ist die Folge. Und die gelassen hingeworfene Antwort: »Schweinefleisch, Rhabarber, Stachelbeeren.«

Noch immer wohnt Aslı Sevindim in Duisburg, wenn auch nicht mehr in Marxloh; zusammen mit ihrem deutschstämmigen Mann. Sie ist bekennende Ruhrgebietlerin, wirkt so wenig wie das, was das Klischee als türkisch etikettiert. Die Opferrolle, in der viele Türken und ihre Verbände sich eingerichtet haben, ist ihr fremd. Und doch ist sie, wenn man so will, Türkin, spricht und liest türkisch, fährt zur Verwandtschaft in die Türkei. Und ist liebend gern in der türkischen Community Duisburgs unterwegs. »Man muss sich nicht unbedingt physisch wegbewegen. Aber im Kopf!« Sie begreift sich als Türkin und Deutsche zugleich, beides sei nicht auseinanderzudifferenzieren. Nun die Gretchenfrage: »Für einen Deutschen ist der Holocaust untrennbarer Teil seiner Geschichte. Für Sie auch?« – »Für mich auch!«, ist die verzögerungsfreie Antwort. – »Und der Genozid an den Armeniern?« – »Auch.« Und zur Erklärung: »Wenn ich für bestimmte Werte stehe, dann kann mich weder der Völkermord an den Armeniern unberührt lassen noch der an den Juden. In meinem Pass ist doch nicht festgelegt, wofür ich mich verantwortlich zu fühlen habe.« Der Pass ist türkisch. Zu faul für den Staatsbürgerschaftswechselpapierkram sei sie, sagt sie. Sie, die seit der Kindheit politisch denkt, verzichtet damit auf ihr Wahlrecht.

Fühlt sie sich eigentlich, wenn wie derzeit wieder Türken negativ im Fokus stehen – die Aleviten mit ihrer »Tatort«-Kritik, der junge türkische Schläger in der Münchner U-Bahn –, persönlich davon angesprochen? Die Antwort hierauf kommt nach einigem Zögern: »Das passiert inzwischen ganz selten. Einfach weil ich mir das Recht herausnehme, mich zur großen Mehrheit dazuzurechnen. Jemand wie Roland Koch hat mich nicht als Türkin angesaut, sondern als Mitglied der Gesellschaft. Wenn Menschen dauerhaft zusammenleben, die unterschiedliche kulturelle Herkunftstraditionen haben, dann kann das nur funktionieren, wenn man das herausfiltert, was sie miteinander verbindet. Nicht, was sie trennt.«

Neben dem Architekten Karl-Heinz Petzinka, dem Dirigenten Steven Sloane und dem Medienmanager Dieter Gorny ist Aslı Sevindim künstlerische Direktorin von »Ruhr.2010«. Was muss sie da tun? »Ich bin zuständig für drei Bereiche: Geschichtskultur, Literatur sowie das große Themenfeld, das andere Integration nennen. Ich nenne das kulturelle Vielfalt.« Derzeit wird aus den mehr als 1.800 eingereichten Projektvorschlägen ein Programm für 2010 entworfen, Ende März soll es bekannt werden. Wobei es allerdings keineswegs Sevindims Aufgabe ist, sagt sie, darauf zu achten, dass bei allem die Migrantenquote erfüllt wird. Im weiteren Gespräch über die Kulturhauptstadt, über Geleistetes und zu Leistendes, wird allerdings der Programmdirektorin Sevindim Herzenswunsch unverkennbar: Dass im Hauptstadtjahr die Kultur der Migranten endlich die Wertschätzung bekommen möge, die ihr ihrer Meinung nach zusteht. Der Coup, der sie vielleicht am meisten freut, ist, 2007 im Rahmen von »Melez« den türkischen Pop-, Chansonund Opernsänger Ferhad Göçer nicht nur erstmals nach Deutschland, sondern auch in die Essener Philharmonie gebracht zu haben: in einen Tempel deutscher Mehrheitsgesellschaftshochkultur. Die meisten Zuhörer waren Türken. Und die hatten damit eine symbolische Schwelle überschritten, die ihnen bis dato unüberwindlich vorkam. Dabei kommt es Sevindim nicht darauf an, die Grenzen zwischen Kunst und Populärkultur zu verwischen, sondern Hemmschwellen abzubauen, die in diesem Fall doppelt hoch sind: Einmal gehören die meisten Migranten zur sozialen Unteroder unteren Mittelschicht. Zum andern stehen sie den deutschen Kultureinrichtungen auch aus kulturellen Gründen fremd gegenüber. Und dann sagt Aslı Sevindim etwas sehr Wichtiges: »Das Ge-fühl für Gerechtigkeit wird entscheidend sein. Es geht um den Wunsch nach Anerkennung, der befriedigt werden muss. Dazu gehört auch die Musik der Heimat« – weil die einen hohen Symbolwert hat.

Wenn wir uns also einig sind, dass es handfeste Gründe gibt, wenn Migranten so selten in der Oper oder im Kunstmuseum zu finden sind – wie kann man das ändern? Zum einen, antwortet sie, indem die Kulturinstitute dezidiert auf Migranten zugehen: mit Plakaten im türkischen Viertel; über Anzeigen in türkischen Zeitungen. »Denkt daran: Die demografische Entwicklung verändert auch euer Publikum. Aber jeder muss das machen, was seinem Profil entspricht. Es geht nicht, dass das Konzerthaus in Dortmund oder das Grillo-Theater in Essen alle dieselbe Multikulti-Sülze anbieten.« Zum andern, indem gezielt die Kinder in die Institute geholt werden – alle Kinder gleichermaßen. Und dass dann das, was die Kinder erarbeitet haben – Bilder, Tanzstückchen, Musik –, ebendort auch gezeigt wird. »Dann kommen die Eltern schon!« Daran zu arbeiten, schwebt ihr für die Kulturhauptstadt vor. »Wenn wir wirklich Wandel durch Kultur bewirken wollen, wie das Kulturhauptstadt-Motto lautet, dann kann das nicht nur mittels Ballett mit Tütü passieren, sondern indem Kultur auf der Straße stattfindet, massenhaft. Das könnte dann auch ein messbarer Beitrag der Migranten zur Kultur in Deutschland werden: die Kultur aus den Tempeln herauszubringen. Die Alltagskultur in Deutschland zu verändern – so wie sie die Esskultur auch schon verändert haben. Warum singt hier beispielsweise keiner, wenn er durch die Fußgängerzone flaniert?« //

www.kulturhauptstadt-europas.de


02 / 2008

»Das Gefühl für Gerechtigkeit wird entscheidend sein«

Von: Ulrich Deuter


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