Rosa Ana Chanza Hernandez (Carmen) und Corps de ballet Foto: Bettina Stöß, Stage Picture

Gegen die Zeit

Tanzende Dichter und gläserne Studios: ein kleines Ballettwunder in Dortmund

Text: Bettina Trouwborst

//   Der Dichter geht ins Gefängnis. Prosper Mérimée sucht Don José, seine Hauptfigur, hinter Gittern auf. Dort erzählt dieser ihm in einer tänzerischen Pantomime von seiner fatalen Liebesgeschichte mit Carmen. Am Ende wird Mérimée dann versuchen, den tödlichen Ausgang des Eifersuchtsdramas abzuwenden. Vergebens, denn er hat die beiden Protagonisten und ihr Schicksal ja selbst erfunden.

Der Choreograf Cajetano Soto bringt in Dortmund nicht nur »Carmen«, sondern auch ihren Schöpfer auf die Bühne. Der Kopf des jungen Katalanen steckt voller Verrücktheiten. Szenische und choreografische Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus. Die Lust am Tänzerkörper, ihn zu drehen und zu biegen, bis eine originelle Bewegung gelingt, ist nicht zu übersehen. Soldaten hängen auf halber Bühnenhöhe mit nackten Oberkörpern und kopfüber aus Löchern einer Zwischendecke. Andersherum geht es auch: Dann kreuzen sie wirbelnd die Beine in der Luft, tanzen Entrechats in zwei Metern Höhe. Gelegentlich verschwindet Carmen auch schon mal mit einem Kerl durch die Decke, um an anderer Stelle wieder auf die Bühne zu gleiten.

Sotos »Carmen« ist ein erstaunlich freches und kokettes Ding. Der Spanier betrachtet den Mythos voller Distanz, um ihn ironisch, beinahe spöttisch zu vertanzen. Torero Escamillo entlarvt er, ähnlich wie Mats Ek es 1992 tat, als Aufschneider. Auch tanztechnisch wendet Soto sich gegen akademische Konventionen, bricht voller Pioniergeist die Klassik in gedrehten Spreizsprüngen und spielt dabei auf den Flamenco an.

Diese durchaus erzählerisch angelegten »Carmen«-Fragmente beleuchten nicht die sinnliche Liebesgeschichte wie einst bei Roland Petit oder verweisen auf die gesellschaftskritische Dimension wie seinerzeit bei John Cranko. Es geht Soto auch nicht um Psychoanalyse wie damals Mats Ek. Ihn treibt der Wille zur originellen Kreation, zur kunstvollen Unterhaltung.

Lustvoll ist das anzusehen, zumal die Münchner Modedesigner Talbot Runhof für ihren ersten Auftritt auf der Bühne Haute Couture-Kostüme vom Feinsten entworfen haben. Nur berührt einen diese »Carmen« nicht nachhaltig. Denn Dramatik und Gefühl beschwören lediglich Motonori Kobayashi und die Dortmunder Philharmoniker, die Rodion Shchedrins »Carmen Suiten« mit feinen Nuancen interpretieren.

Dennoch kann Ballettdirektor Xin Peng Wang Sotos »Carmen« als neuerlichen Erfolg verbuchen. Längst gilt der Chinese als Schöpfer eines Dortmunder Ballettwunders. Als Wang 2003 ins Ruhrgebiet kam, löste er nach kurzer Zeit eine regelrechte Balletteuphorie aus. Seine kluge Spielplanpolitik, eine Mischung aus Klassischem und Modernem, Populärem und Elitärem, verführte die Dortmunder zum Tanz. Die Stadt belohnte ihn 2008 dafür mit der Unabhängigkeit vom Opernbetrieb.

Für Xin Peng Wang war es ein langer Weg: »Mein Ziel war von Anfang an eine eigenständige Sparte. Nur mit solchen Strukturen ist langfristiger Tanz möglich.« Man habe Erfolge vorweisen und das Publikum gewinnen müssen. Was ihm zweifellos gelungen ist.

Damit ist Xin Peng Wang noch lange nicht am Ziel seiner Wünsche. Vor kurzem konnte er im Westfalenpark ein atemberaubendes Balletthaus eröffnen. Für etwa drei Millionen Euro ließ die Stadt das Sonnenenergieforum des RWE zum Trainingszentrum umbauen, das damit in den Besitz der Stadt überging. Auf 1.000 Quadratmetern kann sich Wangs Compagnie jetzt austoben. »Es ist eine einmalige Chance für Dortmund und den Tanz«, freut sich Wang. Das Gebäude, eine Pyramide mit viel Glas inmitten von Natur, bietet Bedingungen, von denen andere Ballettdirektoren träumen: zwei große Säle, Garderoben für 40 Tänzer sowie Aufenthaltsräume.

»Wir haben jetzt die Möglichkeit, Choreografen und Tänzern aus der ganzen Welt einen kreativen Freiraum zur Entwicklung neuer Werke zu bieten«, so Wang. Die Kapazitäten des Theaters, wo es nur einen Ballettsaal gibt, sind beschränkt. Bislang bedeuteten zusätzliche Kreationen Nachtarbeit. Jetzt können mehrere Projekte parallel entstehen. Choreografen wie Benjamin Millepied, Steven McRay oder Cajetano Soto sind bereits interessiert, hier zu arbeiten. Das auffällige Gebäude bietet noch einen weiteren Vorzug: »Durch die gläserne Architektur kann jeder die Künstler bei ihrer Arbeit beobachten.« Wang hofft, dass Spaziergänger oder Jogger beim Zuschauen Lust bekommen, mal ins Ballett zu gehen. Der sympathische Asiate strahlt: »Ich bin glücklich, dass in Dortmund dieses Zeichen gegen den bundesweiten Trend gesetzt worden ist.«

Wang hat dem Ballett Dortmund zwischen den ebenfalls klassischen Ensembles von Essen und Düsseldorf-Duisburg ein eigenes Profil gegeben. Drei Säulen nennt er. Zunächst choreografiert der Chef zweimal im Jahr selbst, Klassiker und Eigenkreationen. »Romeo und Julia« und »Krieg und Frieden« waren im vergangen Jahr sehr erfolgreich. Wang interessiert das Menschheitsthema: »Fragen, die ich mir immer wieder stelle, sind: ›Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?‹. Es sind auch die Themen unseres Publikums. Themen, die die Städte unserer Region geprägt haben«, erklärt er. In dieser Spielzeit wird Wang selbst im Februar »The last future« herausbringen. Mit »Element X« steht dann im April ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Musik, Architektur, Malerei und Videoinstallationen im Harenberg City Center auf dem Programm. Eine multimediale Tanzerkundung unseres Lebensraums schwebt Wang vor, bei der er sich dem musikalischen Kosmos von Hans Werner Henze nähern will.

Gastchoreografien, eine pro Jahr, bilden die zweite Säule. Mit William Forsythe, Hans van Manen oder Mauro Bigonzetti holte Wang einige der renommiertesten Choreografen der Gegenwart – und zuletzt, mit Cajetano Soto, auch ebensolche Nachwuchstalente – an die Ruhr. Höhepunkt der Saison aber ist  für viele Ballettfans in Nordrhein-Westfalen die alljährliche Gala, Säule drei und Visitenkarte des Ballett Dortmund. An diesen mit internationalen Stars besetzten Abenden bleibt kein Platz frei. Das Royal Ballet London, die Wiener Staatsoper, das Bayerische Staatsballett und ihre Starsolisten waren im Herbst zu Gast. Und: William Forsythe präsentierte die Europapremiere seines jüngsten Werks »Two Part Invention«.

Wo sonst erlebt man ein derart hochkarätiges Tanzangebot?

Xin Peng Wang macht es möglich. Dank des neuen Ballettzentrums wird er noch ganz anderes ermöglichen. Die Dortmunder sind zu beneiden.   //

Am 6.12.2009 gastiert Peter Breuer und sein Ballett Salzburg im Ballettzentrum im Westfalenpark, Dortmund. www.theaterdo.de

Bühne
12 / 2009

Gegen die Zeit


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