Szene aus "Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen". Das Stück war 1978 in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum uraufgeführt worden. Foto: Ulli Weiss

Gespräch über Pina Bausch

Nach 29 Jahren kommt am 17. Mai Pina Bauschs Version von »Macbeth« wieder auf die Bühne. Wie geht es weiter am Tanztheater Wuppertal?

Es soll endlich wieder um die Kunst gehen! Das ist die Devise am Tanztheater Wuppertal, nachdem die letzte Spielzeit im Chaos endete: Der bisherigen Leiterin Adolphe Binder wurde fristlos gekündigt. Sie klagte, das Arbeitsgericht gab ihr in erster Instanz recht, ein zweiter Prozess wird folgen. Derweil gibt es mit Geschäftsführer Roger Christmann und Bettina Wagner-Bergelt – vormals stellvertretende Direktorin am Bayerischen Staatsballett und künstlerische Leiterin des Bauhaus-Festivals – eine neue Intendanz. Sie müssen das Pina Bausch Zentrum auf den Weg bringen, neue Choreografen für Uraufführungen finden, das Ensemble stabilisieren und natürlich: Das Publikum mit neu-alten Pina-Bausch-Klassikern überraschen. Ab 17. Mai wird »Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen« wieder aufgeführt. Bauschs langjährige Tänzerin Jo Ann Endicott leitet die Proben der Neueinstudierung. Nicole Strecker hat mit ihr und Bettina Wagner-Bergelt über Skandale, die Pathologie der Macht und den Umgang mit Trauer gesprochen.

 

kultur.west: Pina Bauschs Regieanweisung in »Macbeth« kommt wieder auf die Bühne – wie viel Shakespeare-Tragödie steckt in dem Stück?

ENDICOTT: Pina hat gemacht, was sie immer gemacht hat: So wie sie das Ballett und den Tanz revolutioniert hat, hat sie das eben auch mit einem Dramentext gemacht: Jeder Darsteller durfte sein persönliches Ich, seine Lebenserfahrung im Stück einbringen.

WAGNER-BERGELT: Deshalb ist dieses Stück auch so wichtig! Pina Bausch hat damals ihre Arbeitsweise entwickelt: Fragen zu stellen, Aufgaben zu geben, bestimmte Textpartikel in den Raum zu stellen und die Tänzer dazu arbeiten zu lassen. Insofern ist das Stück ein Schlüsselwerk in ihrem Oeuvre. Peter Zadek hat sie damals beauftragt, ihre Version von Shakespeare zu inszenieren als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum. Damals tagte gerade die Shakespeare-Gesellschaft in Bochum und Zadek war immer gut für Provokationen. Er hat vermutlich gewusst, dass Bauschs Sicht einem eher konservativ eingestellten Freundeskreis nicht gefallen wird, allein schon wegen der Kombination von Tänzern und Schauspielern.

kultur.west: War die Uraufführung 1978 ein Skandal?

ENDICOTT: Im Saal war der Teufel los! In der ersten halben Stunde war es unmöglich zu spielen. Es war schrecklich laut, die Zuschauer buhten. Ich lag in der ersten Szene ganz vorne an der Bühnenrampe und nach ungefähr 30 Minuten dachte ich: Ich halte das nicht mehr aus. Ich bin aufgestanden und habe mit dem Publikum geschimpft.

kultur.west: Was haben Sie gesagt?

ENDICOTT: «Wenn Sie nicht wollen, dann gehen Sie nach Hause, aber wir können hier nicht auf der Bühne weiterspielen.« Dann bin ich abgegangen von der Bühne und habe gedacht: »Oh nein, was habe ich getan?« Schnell bin ich wieder zurück und ab dann waren die Zuschauer tatsächlich leiser. Vielleicht habe ich die Premiere gerettet.

kultur.west: Was hat die Leute so aufgeregt?

ENDICOTT: In den ersten sieben Minuten des Stückes passiert nicht viel. Alle auf der Bühne bewegen sich nur von einer Schlafposition zur anderen. Dann steigert sich das zum Albtraum und für einen Moment sehen die Darsteller aus wie Fische, die aus dem Wasser springen, bis es sich wieder verlangsamt in die Stille. Im Stück wird vieles mehrfach wiederholt. Es gibt nur Sprachfetzen, die zum Teil kaum verständlich sind. Es passiert nicht viel, aber genau das war zu viel für das Publikum.

WAGNER-BERGELT: Pina Bausch hat einmal in einem Tagebuch beschrieben, dass es ihr immer um die kleinen Dinge ging, die zwischen Menschen passieren. Zarte Kontaktaufnahmen, Blicke, minimale Veränderungen im Verhalten – all das, was sie in ihren späteren Stücken immer mehr verfeinert hat, war damals schon da und für die Menschen eine Provokation. Ob Shakespeare wiedererkennbar ist oder nicht, hat sie vermutlich nicht interessiert. Die Tragödie war ein Aufhänger, um über den Menschen zu reflektieren.

kultur.west: Ging es darum, was Macht mit Menschen macht?

WAGNER-BERGELT: Ja, und wie viel Pathologisches im Umgang mit Macht liegt.

ENDICOTT: Es geht um Konkurrenz, Schuld, Gewissen, Mord, Selbstkontrolle, Wunschvorstellungen, Komplexe – alles eigentlich. Aber das findet man auch im Shakespeare Stück.

kultur.west: Johanna Wokalek wird die Rolle von Mechthild Großmann übernehmen. Wie kam das?

WAGNER-BERGELT: Johanna Wokalek ist eine sehr physische Schauspielerin und eine sehr ernsthafte Person. Sie hat eine ausdrucksstarke Stimme und sie kann – wie Mechthild – hinter die Rolle zurücktreten und die Sprache ausstellen. Wir wollten sie und sie wollte in diesem Stück sein. Für viele Schauspieler ist es ein besonderes Erlebnis, mit Tänzern auf der Bühne zusammen zu arbeiten. Maik Solbach, der ebenfalls mitspielen wird, hat auch schon bei William Forsythe gearbeitet.

kultur.west: Das Stück ist 29 Jahre lang nicht gezeigt worden. Es ist sicher kein Zufall, dass dieses Stück im 10. Todesjahr von Pina Bausch neu einstudiert wird?

WAGNER-BERGELT: Es ist eine besondere Art von Hommage. Pina Bausch war eine großartige Künstlerin und für mich ist sie als Person ein tiefes Geheimnis. So glaube ich nicht, dass man sich ihr selbst wirklich nähern kann. Deshalb möchte ich in diesem Jahr gerne die wichtigen Momente in ihrem Schaffen zeigen. Es gibt viele Stücke, die die Menschen längst lieben. Deshalb wagen wir uns nun an Werke, die nicht so leicht rekonstruierbar sind.

ENDICOTT: Es ist ein riesiger Kraftakt. Das Stück ist mit dreieinhalb Stunden inklusive Pause sehr lang, am liebsten würde ich es ein bisschen kürzen.

kultur.west: Wie sehen Sie dem Todestag entgegen?

ENDICOTT: Ich habe viele Jahre gebraucht, Pinas Tod zu verkraften, zu verstehen, mich zu finden: Wer bin ich eigentlich ohne sie? Aber jetzt bin ich im Guten mit ihr und mit mir, jetzt möchte ich ihr Grab besuchen.

kultur.west: Sie waren noch nicht dort?

ENDICOTT: Ich war noch nicht so weit. Auch als es hieß, die Tänzer dürfen sich etwas von Pinas Sachen nehmen, wollte ich keine Kleider von ihr haben. Aber dann, an einem Tag als es sehr kalt war und regnete, hat mir Eddie Martinez, ein Kollege, eine Mütze von Pina geliehen. Seitdem habe ich sie immer in meiner Tasche oder auf meinem Kopf. Eine ganz einfache braune, die Pina oft getragen hat.

kultur.west: Es wirkt wie eine Flucht, dass die Kompanie am Todestag im Ausland, in Paris ist…

WAGNER-BERGELT: Das hat meine Vorgängerin entschieden und ich konnte daran auch nichts mehr ändern. Aber in Paris wird es einen Gedenktag geben.

kultur.west: Belastet Sie der anstehende zweite Gerichtsprozess um Ihre Vorgängerin Adolphe Binder?

WAGNER-BERGELT: Natürlich. Das ist für alle schrecklich, vermutlich auch für Frau Binder selbst und für das Ensemble ohnehin.

ENDICOTT: Es war eine so schwere Zeit. Wir haben die Nase voll davon, ständig darüber in der Zeitung zu lesen und wollen unsere Arbeit machen!

kultur.west: Ist sich die Kompanie einig in der Bewertung der Vorgänge?

WAGNER-BERGELT: Was heißt einig, es gibt sicherlich immer noch zwei Positionen. Trotzdem ist die grundlegende Haltung in der Kompanie, dass es jetzt einen Neuanfang gibt und alle möchten mitgerissen werden von diesem kreativen Enthusiasmus.

 

ab 17. Mai, Opernhaus Wuppertal, www.pina-bausch.de

Bühne
05 / 2019

Gespräch über Pina Bausch

Von: Nicole Strecker


kultur.west Gezwitscher