Florian Fiedler. Foto: Katrin Ribbe

»Hier ist es wie in Berlin, als es noch aufregend war.«

Es ist kein einfaches Erbe, das Florian Fiedler antritt. Sascha Westphal hat den neuen Intendanten des Oberhausener Theaters interviewt.

INTERVIEW SASCHA WESTPHAL

k.west: Sind Sie schon etwas heimisch geworden in Oberhausen?FIEDLER: Es gibt immer wieder Momente, in denen ich denke: »Wahnsinn, wie vertraut mir schon so vieles in Oberhausen ist.« Aber ich komme auch schon seit einem Jahr mindestens einmal die Woche hierher. Dass ich mittlerweile eine Wohnung habe, spielt auch eine Rolle. Außerdem wollte ich schon seit langem mal intensiver im Ruhrgebiet arbeiten. Ich empfinde die Region als ungeheuer spannende Gegend. Hier herrscht so viel Wandel. Man muss nur mal mit dem Fahrrad herumfahren. Dabei kann man so viel entdecken, gerade auch landschaftlich. Manchmal hatte ich das Gefühl, hier ist es so wie in Berlin, als Berlin noch aufregend war.

k.west: Hatte der Umstand, dass Sie in Hannover die Leitung des Jugendtheaters innehatten, einen Einfluss auf Ihre Berufung nach Oberhausen?
FIEDLER: Ja, man hat mich trotzdem genommen (lacht). Ich glaube, dass die Wahl am Ende auf mein Team und mich gefallen ist, liegt vor allem daran, dass wir wirklich Lust darauf haben, hier zu sein und uns mit dieser Stadt auseinanderzusetzen. Ich bin mit meiner Frau und meiner Katze hergezogen, auch das ganze Team zieht um. Niemand von uns hat auch nur eine Sekunde daran gedacht, einen zweiten Wohnsitz zu behalten.

k.west: Hannover und Oberhausen unterscheiden sich von ihrer Struktur her deutlich. Hat das Einfluss auf Ihre Arbeit?
FIEDLER: Hier zu arbeiten, wird sicher anders sein. Was genau anders sein wird, werden wir erst im Lauf der Zeit herausfinden. Wir werden in der Anfangsphase sehr viele Vor- und Nachgespräche anbieten. So können wir herausfinden, wie die Menschen auf unsere Arbeit reagieren. Ich hoffe, zumindest auch ein paar Leute anzusprechen, die bisher nicht ins Theater gegangen sind. Außerdem interessieren mich natürlich die Reaktionen des bisherigen Publikums, das Peter Carps Theater sehr geschätzt hat.

k.west: Erkennen Sie denn schon Unterschiede zwischen dem Oberhausener und Hannoveraner Publikum?
FIEDLER: Auf jeden Fall. Im Moment beeindruckt mich vor allem die Offenheit, mit der man uns begegnet. Unser erster Spielplan ist sicherlich kein Anbiederungsversuch. Aber das wird akzeptiert. In Hannover wäre das schwieriger. Da gibt es hier und da einen bildungsbürgerlichen Dünkel, Unbekanntes wird oft erst mal abgelehnt. Hier ist es eher umgekehrt. Das Unbekannte weckt Neugier. So wurde ich beim Italiener darauf angesprochen, warum schon wieder »Antigone«, das kennen wir doch alle. Solche Reaktionen gefallen mir.

k.west: Wie wirken sich solche Begegnungen und Erfahrungen auf die Planung einer Spielzeit aus?
FIEDLER: Ich habe mir zahlreiche Inszenierungen am Theater Oberhausen angesehen und dabei auch die Publikumsreaktionen beobachtet. Seither bin ich mir sicher, dass ich Regisseurinnen und Regisseure finden muss, die sehr direkten Zugang zum Publikum haben. Es gibt Städte, in denen es sehr gut ankommt, wenn die vierte Wand komplett zugenagelt ist und auf der Bühne alles so vor sich hinsimmert. In Oberhausen hatte ich aber das Gefühl, dass die Zuschauer Bock darauf haben, ganz direkt angesprochen zu werden.

k.west: Aber nicht unbedingt im Sinne von Mitmachtheater …
FIEDLER: Nein. Es geht eher ums Unterhaltsame. In der öffentlichen Diskussion heißt es immer, Theater müsste auch unterhaltsam sein. Das versteht sich von selbst. Und wir Theatermacher wissen auch, dass Theater unterhaltsam sein kann, ohne platt oder doof zu sein. Es gibt dieses Vorurteil in Deutschland, dass etwas, das lustig ist, nicht auch ernst sein kann. Ich glaube, in Wahrheit ist es genau umkehrt. Je ernster eine Sache ist, desto lustiger muss sie manchmal erzählt werden, damit man sie überhaupt aufnehmen und aushalten kann. Ich persönlich mag Wechselbäder von Gefühlen. Wenn ich in einer Aufführung war und lachen wie auch weinen konnte, finde ich das großartig.

k.west: Sie eröffnen Ihre Intendanz mit der Uraufführung von Mario Salazars »Schimmelmanns. Verfall einer Gesellschaft«. Entspricht das Stück Ihrem Ideal von einem Theater, das mit Lachen auf die Schrecken der Zeit reagiert?
FIEDLER: Ja. Ursprünglich wollte ich gar nicht die Eröffnungsinszenierung machen. Aber dann kam das Stück hereingeflattert, und es war klar, dass ich es machen muss. Zum einen entspricht es tatsächlich sehr genau meinen Vorstellungen von Theater. Zum anderen ist es politisch extrem aktuell. Man muss sich nur die Diskussionen nach den Vorkommnissen beim G20-Gipfel in Hamburg ansehen. Es wird nur die Lehre aus den Ereignissen gezogen, dass bürgerliche Rechte noch weiter eingeschränkt werden müssen. Diese Entwicklungen thematisiert Mario Salazar zum Teil in einer Schärfe, dass selbst mir das Lachen vergeht. Aber das ist der Moment, in dem es wirklich interessant wird. Die »Schimmelmanns« balancieren die ganze Zeit auf diesem schmalen Grat.

k.west: Sie haben mit Ihrer Entscheidung, die Einstiegsgehälter von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern deutlich anzuheben, auch ein politisches Zeichen gesetzt. Sehen Sie das Theater Oberhausen als Modell bzw. als Vorbild?
FIEDLER: Eigentlich möchte ich kein Vorbild sein. Es wäre schöner, wenn das, was wir machen, normal wäre. Ich habe gerade ein Interview mit dem Geschäftsführer des Thalia Theaters in Hamburg gelesen. Die zahlen den Anfängern 2.100 Euro. Das ist so, als würde man hier 1.500 Euro brutto bekommen. Tatsächlich sind andere Tarifstrukturen schon seit langem ein Anliegen von mir. Vor Jahren habe ich in Hannover mit jungen, eben von der Schule kommenden Schauspielern in der Kantine gesessen, die haben ausgerechnet, dass sie einen Stundenlohn von etwa 5 Euro bekommen. Damals habe ich mir gesagt, wenn ich in der Position bin, das zu ändern, werde ich es auch ändern. Genau das kann ich jetzt.

k.west: Das ist im Zuge eines Intendantenwechsels vermutlich einfacher …
FIEDLER: Das stimmt. Wenn man ein Ensemble neu zusammenstellt, kann man entsprechende Veränderungen leichter vornehmen. Es wäre schließlich nicht schön, gezwungen zu sein, einem größeren Teil eines bestehenden Ensembles die Gehälter zu kürzen, um Gerechtigkeit herzustellen. Das mussten wir zum Glück nicht. Bei so einem Modell geht es nicht mehr um den Marktwert eines einzelnen Spielers. Wer hier hinkommt, entscheidet sich aus Überzeugung für dieses Theater. Es gibt bestimmt Mitglieder im Ensemble, die an einem anderen Haus mehr verdienen könnten.

Bühne
09 / 2017

»Hier ist es wie in Berlin, als es noch aufregend war.«

Von: Sascha Westphal


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