Textsicher, gerade auch wenn es um den eigenen Text im Kopf geht: Caroline Peters.

»Ich bin gern die Handelnde«

Am Düsseldorfer Schauspielhaus ist sie in »Heisenberg« zu Gast: Caroline Peter, »Schauspielerin des Jahres«, im Porträt.

TEXT ANDREAS WILINK

Vorspiel 

Ortlos. Das verabredete Treffen mit Caroline Peters verläuft
bilateral so, wie sich im Großen und Ganzen die Situation des Düsseldorfer Schauspielhauses darstellt. »Wir haben die Umstände nachgespielt, als running gag«, sagt sie. Zum Gespräch hatten wir uns im Central verabredet – im sogenannten Brücke-Foyer. Das ist besetzt. Der Betriebsrat tagt. Einen Flur weiter hoffen wir Ruhe zu haben. Aber aus dem angrenzenden Theatersaal wütet fortwährend ein dröhnender Paukenschlag-Ton. (»Was muss man daran so lange üben?«, fragt sich Caroline Peters.) So hat es keinen Sinn. Wir wechseln in ein benachbartes Café. Fast leer. Aber laute Musik. Schädlich für die Konzentration und das mitlaufende Aufnahmegerät. Hinten im Lokal würde es ruhig sein – der Teil ist abgesperrt. Dort, wo die Musik nicht so ballert, setzen wir uns; einen Tisch weiter nehmen zwei nicht eben leise sprechende Holländer Platz. »Fortwährend Geräusche der irresten Natur – was machen wir nur?« Die Bedienung hat ein Erbarmen und lässt uns doch in den Sperrbezirk. Mit Caroline Peters macht so etwas Spaß. Sie nimmt es von der komischen Seite. Außerdem ist der wenngleich harmlose Aufruhr womöglich ihrem Naturell nicht so fern. Wir verlieren während der ambulanten Phasen die Fäden und nehmen neue lose auf. Auch das passt zu ihr. Ihre »Aufgeregtheit«, ihr quickes Wesen und sprunghaftes Denken nimmt sie als Qualität: »eine Eigenschaft, die man für Proben und auf der Bühne gut nutzen kann«. Das hat auch mit dem Stück zu tun, in dessen deutschsprachiger Erstaufführung sie am Düsseldorfer Schauspielhaus neben Burghart Klaußner unter der Regie der Kollegin Lore Stefanek spielt. Premiere von Simons Stephens’ »Heisenberg« war Ende Oktober.

Personenzettel 

Auch ein Kunststück! Früher mit Andrea Breth und später mit René Pollesch klar zu kommen, beides zu können: einer Dramenfigur auf den Grund zu gehen, der auch im Philologischen steckt, und den in energetische Ego-Endlosschleifen getriebenen Diskurs und Kommunikationsstrategien rasant zu vollstrecken und »den Text zu denken«. Caroline Peters, 1971 geboren in Mainz und aufgewachsen in Köln, wo sie von den Eltern früh ins Theater mitgenommen wurde (die 13-Jährige sah während der Flimm-Intendanz Bob Wilsons »The Civil Wars«), hat in Saarbrücken die Hochschule für Musik und Theater absolviert. War in Berlin, Hamburg, Köln und Zürich engagiert und gehört seit zehn Jahren zum Ensemble des Wiener Burgtheaters. 

Im Fernsehen erhielt sie als Kommissarin Sophie Haas und ›Komische Junge‹ in der Eifel-Krimserie »Mord mit Aussicht« Traumquoten. Auf einem von ihr beantworteten Fragebogen erfährt man, dass sie Gena Rowlands und Charlotte Rampling hoch schätzt: »Die sind kein Werkzeug – und was die an Rollen auf ihre Körper gelassen haben«! Für die Rolle der Ella Rentheim neben Birgit Minichmayr und Martin Wuttke im Wiener Ibsen-»John Gabriel Borkman« von Simon Stone wurde sie frisch zur »Schauspielerin des Jahres« der Zeitschrift theater heute gewählt. Laut, überkandidelt, überlebensgroß, wie eine Robert-Aldrich-Kür im Hollywood-Breitwandformat, lässt sie sich da divenmäßig nicht lumpen. Caroline Peters glaubt an das Befreiende, »Hysterie und Chaos ausgespielt zu sehen«. 

Peters hat es in ihrem Beruf gut getroffen. Findet sie selbst auch, wissend, dass es schon viel wäre, wenn alle fünf Jahre eine Produktion »der Knaller« ist. »Ich habe ein paar Mal die befriedigende Erfahrung gemacht, dass das, was ich gut finde, auch alle anderen gut finden. Es gibt auch die Erfahrung, dass man selbst etwas furchtbar findet und denkt, das gehört wirklich nicht auf die Bühne – und das wird total gefeiert. Da ist man frustriert und sehr angestrengt. Oder andersrum: Man macht etwas und findet’s toll, aber jeder sonst findet es komplett falsch.« 

Erster Akt 

Eine Frau (Georgie, 42) küsst auf einem Londoner Bahnhof einen wildfremden Mann (Alex, 75) in den Nacken. Und erschrickt. Versehen, Zufall, Absicht? Was weiß man schon! So beginnt das Zwei-Personen-Stück »Heisenberg«. Weshalb der Titel? Er bezieht sich auf Werner Heisenbergs »Unschärfeprinzip«, das besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar seien. Je exakter ein Teil der Information, desto unschärfer der andere. Beides aber bedingt einander. Peters: »Man sagt etwas, weil der andere einem auf bestimmte Art zuhört.« Die Frau redet viel, der Mann bleibt zunächst schmallippig. Georgie ist anstrengend. Sie macht einen nervös. Peters: »Mich nicht – sie handelt einfach.«

Georgie und Alex lassen Dinge von sich raus, die man nicht erwartet. Am Ende sind sie in New Jersey und haben Manhattan vor Augen. Wie lange ihre Gemeinsamkeit reicht? Für eine Weile. Das genügt Georgie. Zwei haben sich wechselseitig aus ihrem vertrauten Leben herauskatapultiert. Gemäß der Aufforderung: Du musst Dein Leben ändern! In »Heisenberg« wird es dir offeriert. »Love comes from the most unexpected places«, singt die Streisand.
»Jeder Eingebung in dem Stück wird gnadenlos gefolgt«, sagt Caroline Peters. Das gefällt ihr. Klarem Handlungsvollzug misstraue sie eher. 

In besagtem Fragebogen hat sie auf die Frage, was sie antreibe, geantwortet: »Der Sinn für die Gelegenheit, plötzlich etwas ganz Neues machen zu können.« Insofern ist sie schon mal eine ideale Georgie. Sie kenne, erzählt sie, dieses befreiende Gefühl aus einem Traum. »Man ist in der eigenen Wohnung, auf einmal ist da eine Tür, wenn man sie öffnet, liegen dahinter plötzlich fünf neue  Zimmer. Aber ich bin immer noch in meiner Wohnung. Das geht mir auch so in meinem Leben: Eigentlich ist alles toll – aber man kann vielleicht doch noch irgendwo eine Tür aufmachen. Da lässt sich noch etwas erweitern.« 

Zwischenspiel 

Als wir über das Anstrengende der Georgie sprechen, ist das Anlass für Caroline Peters, grundsätzlich zu werden. »Die Frau als Handelnde ist selten auf der Bühne. So eine Rolle wird nicht gern geschrieben von männlichen Autoren, nicht im klassischen Repertoire und auch sonst nicht. Es macht offenbar auch schnell nervös, Gott weiß, warum! Ich bin gern der Handelnde auf der Bühne und nicht der begleitende, erfüllende, zutragende Teil für das männliche Subjekt. Denn, wissen Sie, auf dem Theater kann man sich generell sehr schwer ruhig verhalten. Für mich ist das klassische Repertoire in seinen Wiederholungen immer schwierig gewesen – und der Gedanke, die Theater-Karriere nur aufbauen zu können, indem man sich darin profiliert. Es haben schon Hunderte vor einem gemacht; man kann höchstens noch eins dazu setzen. Immer nur interpretieren, ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Mir fehlt der Sinn dafür, dass das der Maßstab aller Dinge sein soll. Gretchen, Käthchen, Luise sind nicht so attraktiv – seufzen, erschrocken sein, beten, lieben, meistens sterben. Später folgen Hedda, Nora, Medea, Maria Stuart, Elisabeth, Lady Macbeth, vielleicht zwei, drei komische Rollen bei Shakespeare und noch die Martha in ›Virginia Woolf‹ …«  

Die Ambition, eine solche Figur auf ihre Weise noch mal zeigen zu wollen und sie sich anzuverwandeln, hat Peters nicht. Es wäre anders, glaubt sie, wenn sie ein Mann wäre und die Chance hätte zu sagen: Ich kann Faust und dann Othello oder Jago und König Lear sein. Da ist sie dann sehr dankbar, mal in Stücken zu sitzen, »bei denen ich nicht weiß, wie es ausgeht. Das kickt mich.«

Zweiter Akt

Eigentlich wollte ich mit ihr über die Liebe sprechen. Aber bietet sich »Heisenberg« dafür überhaupt an? Ohnehin gebe es »kein Einvernehmen« beim Thema Liebe, sagt Caroline Peters. Sie sei kompliziert, hochneurotisch und immer anders als dargestellt. »Ein Funke, Annäherung. Geschafft«, das bekäme man allenthalben erzählt und sei doch so weit entfernt von der echten Liebe wie nur irgendwas. An Hand von »Heisenberg« über die Liebe zu reden, erscheint ihr indes berechtigt. Aber nicht im »zuckrigen Sinn, nicht als romantische Komödie«. 

Zwei Menschen treffen aufeinander wie bei Heisenberg die Teilchen: »Sie wissen Sachen voneinander, bevor sie die wissen können, sie senden Befehle aus, die angekommen sind, bevor sie losgeschickt wurden.« Peters, die in der Schule in Physik schlecht war, leuchtet ein, dass Heisenberg in der Naturwissenschaft Raum für völlig Unerklärliches lasse. »Dem Theater wird – parallel dazu – heute nicht mehr unbedingt zugesprochen, dass es über Dinge redet oder sie verhandelt, die ebenso unerklärlich sind – und die man auch nicht erklären will, sondern erzählen oder an sie erinnern.«

In den Begegnungen mit Pollesch, in Wien mit Simon Stone und seiner Überschreibungstechnik für Ibsen (»da verstehe ich Modernisierung auf der Bühne«) und übrigens auch mit dem vor einem Jahr verstorbenen Luc Bondy (»Lear« und Genets »Zofen«) hat sie andere, »erholsame« Erfahrungen gemacht. »Mein Aha-Erlebnis mit Bondy war, dass er null psychologisch arbeitete. Anders als behauptet. Er hat bei Ionesco gelernt. Absurdes Theater, da kommt der her. Eine große Szene auf der Bühne erklärte er so: »Das ist wie eine Schallplatte, in der Mitte ist die Nadel, da müssen alle drum rum stehen, ohne dass die Platte umkippt.« 

So purzeln die Begriffe von modern, altmodisch, psychologisch, realistisch, Regietheater etc. »Wie bei Heisenberg – das ist alles nicht kohärent. Steht vielmehr merkwürdig nebeneinander. Wir nennen das eine nur so und ordnen es ein. Stephens’ ›Heisenberg‹ erzählt irgendwie kohärente Personen und auch wiederum gar nicht. Nehmen wir nur die Idee von der Faltung des Weltraums, sodass wir plötzlich Zeiten gegenüberstehen, die fern im Vergangenen liegen, aber die wir sehen, weil die Fältelung an einer bestimmten Stelle vor uns kurz auftaucht.«

Nachspiel

Caroline Peters’ Vater hat als Psychiater in Köln eine Nervenklinik geleitet. Hat sie die Beschäftigung mit dem weiten Land der Seele geprägt, hat es ihre Wahrnehmung geschärft? Sie erinnert sich an die gemeinsamen Mittagessen der Familie, wo manches zur Sprache kam, wenn es die Kinder auch nicht verstanden und sich wohl auch langweilten. Aber: »Vieles ist hängen geblieben.« Seine »unendliche Langmut« für Patienten ist ihr präsent und seine Einsicht in »das kompakte, schlüssige System von Kranken, das wir nur nicht verstehen, aber wenn man lange genug zuhört und es entschlüsselt, findet man Kontakt und kann jemanden auch wieder herausführen«. Ihr Vater habe gesagt: »Die reden Text und wir auch.« Das war wie eine Vorarbeit für Pollesch. Überhaupt für das postdramatische Theater mit seinen Konstruktionen bzw. Dekonstruktionen. 

Dann der letzte Satz von ihr: »Ich spiele schon gern. Ich will mich nicht immer nur performen.« Eigentlich eine Anti-Pollesch-Aussage, aber im Pollesch-Format. Da haben wir die ganze Caroline Peters. Zum Teil.

Termine: 2., 8., 16. und 30. November 2016; Düsseldorfer Schauspielhaus, Central.

Bühne
11 / 2016

»Ich bin gern die Handelnde«

Von: Andreas Wilink


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