Foto: Klaus Lefebvre

KLAGE-KLANG-KÖRPER

Karin Beier inszeniert zum Abschluss in Köln Sartres »Troerinnen«  nach Euripides

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Über dem erdigen Karree hängt ein Lautsprecher, wie ihn Straflager als Stimme der Macht und Kontrollinstrument kennen. Der junge Mensch dazu sitzt vorn links am Schreibtisch, Talthybios (Nikolaus Benda), ein Grieche. Und Sieger. Zugleich Bote und Aufseher, Mitläufer, Handlanger und Vollstrecker, ist er in kluger Verdichtung (neben Menelaos und dem Gott Poseidon im mit Donner- und Wellenschlag einsetzenden Prolog) der einzige Mann im Spiel. Er treibt die Gefangenen an, heißt sie sinnlos Säcke schleppen, teilt ihnen knapp mit, auf welchem der Schiffe sie in als Sklavinnen verfrachtet werden – die Troerinnen, nachdem ihre Stadt durch Odysseus’ List fiel und selbst die »Tempel bluten«. Klangkörper, Tanzkörper, Klagekörper sind es – sieben an der Zahl, in grau-schwarze Daunenüberwürfe gekleidet sowie umhüllt von Vogelstimmen und Kettengeklirr, Nebelschwaden und schwerem Atmen. Sie verteilen sich auf der leeren Fläche (Thomas Dreißigacker), die hinten begrenzt wird durch das Musikerinnen-Trio und die immer auch Spielplatz eines düsteren  Abenteuerspiels ist, in dem Kinder brüchige Sandburgen bauen.

Anfangs tragen die Frauen kalkige Masken mit schiefen Mäulern, die Karin Beier schon in ihrer Inszenierung von Grillparzers »Das Goldene Vlies« verwendete. So rundet sich ihre Arbeit in Köln, denn auch ein Chor (wie in Jelineks »Werk / Bus / Sturz«) wird einen fulminanten Auftritt haben. Siebzig weibliche Stimmen treten über die Zuschauertribüne hinweg mit den bisweilen halb entblößten Protagonistinnen in Klage-Dialog und schaffen einen voluminösen Resonanzraum. Mehr Oratorium als Drama, ist diese Schmerz-Partitur zum Gotterbarmen, nachdem die Olympier vom Dichter Euripides expatriiert, von Sartre zum Sterben verurteilt und von Beier nahezu neutralisiert werden. Später wird an Stelle des Gerichts, wenn es um Helenas (Angelika Richter) Schicksal geht, grelles Polit-Entertainment und eine Casting-Kür treten mit vier Schönen, die ihre Klischees als Gameshow-Girlie, schnippisches Luder oder Dummchen ausstellen und von Menelaos (Yorck Dippe) in seiner demokratischen Schlappheit zur Abstimmung freigegeben werden.

Altgriechische Wehklag, englische Songs, deutsches Liedgut, theoriegesättigte Diskurs-Prosa von Cioran, Pasolini und Bataille mischen sich Hans Mayers Übersetzung der Sartre-Fassung bei. So internationalisiert sich die mythische Mär. So werden Ilions Ehefrauen, Mütter, Töchter, die sich von ihren Schutz-Masken und -Hüllen befreien, zu Kindern der Dritten Welt Afrikas und Asiens, die die Invasion der Barbaren und Kolonisatoren aus Hellas erdulden. Auf dem Kontinent des Leids, der Furcht und des Ungewissen bilden sich Ruhezonen fast heiterer Hoffnung, als wären die Frauen Touristinnen unterwegs in die griechische Sommerfrische. Sie eifersüchteln, kokettieren, knallen offensive Erotik heraus, haben Lust und Eitelkeit – und sind auch Rivalinnen in dieser Todeszone. Julia Wieninger als stolze Hekuba ist die Muse des Tragischen – Diva Dolorosa. Kassandra wird bei Rosalba Torres Guerrero in Wahn und Wahrheit zur wüsten Carmen von Troja. Andromache, Hectors Witwe, ist bei der überragenden Lina Beckmann rabiat, hilflos aggressiv ihre Nöte ventilierend, eine unheroische Heroin auf den Höhen der Verzweiflung, doch bodenständig und konkret in ihrer proletarisch herben Präsenz, löwenherzig und herzensmatt.    

Beier schafft offene Situationen, die das Hehre herunterdimmen auf Normalmaß des Saloppen und Lebbaren, als hätte sie Primo Levi gelesen und begriffen, dass der Ausnahmezustand nicht 24 Stunden gelten kann. Sie präpariert aus den Figuren psychologische Reaktionsmuster, löst emotionale Eruptivkräfte aus, schürt und löscht ab, brennt Bilder (wie das der dreifach niedersinkenden Andromache vor ihrem geschlachteten Söhnchen), verteilt strategisch die mythischen Lasten, organisiert Temperaturwechsel vom Lamento zum Lässigen und transformiert in unheimlicher Perfektion und kontrollierter Ekstase das Rituelle artifiziell bis in Bereiche medialer Öffentlichkeit. Imponierend konsequent ist Beier ihren Weg gegangen von der Politperformance der »Nibelungen« über die kondensierte Intimität des Medea-Materials, die »Lear«-Apokalypse und Wucht des Jelinek-Triptychons hierher: Finis.

 

Bühne
02 / 2013

KLAGE-KLANG-KÖRPER

Von: KLAGE-KLANG-KÖRPER