Foto: Stöß

„Königskinder“ in Gelsenkirchen

Engelbert Humperdincks selten gespielte Märchenoper "Königskinder" am Musiktheater im Revier.

Die Hexe ist eine Altachtundsechzigerin, die die Revolution aufgegeben hat, aber sich dem bürgerlichen Leben gerade eben noch verweigert. Die Gänsemagd ein weltfremdes Hippie-Mädchen und der Königssohn ein Manager, der direkt aus dem Büro kommt. Er lockert den Schlips und zieht das Hemd aus der Anzughose als könne er sich dadurch gemein mit den Menschen auf der Straße machen. Seines gutsituierten Lebens in den oberen Etagen überdrüssig, sucht er dort nach einer romantisch verklärten Wahrhaftigkeit. 

Sie alle treffen sich auf der Bühne des Musiktheaters im Revier zwischen unwirtlichen, aufgeblasenen Hochhausfassaden, an denen die Logos von Banken und Versicherungen leuchten könnten. Ein zugiger Platz im Finanzviertel, auf dem ein paar Edelstahlbänke urbanen Raum simulieren (Bühne und Kostüme: Kathrin-Susann Brose).

Der junge Regisseur Tobias Ribitzki treibt in Gelsenkirchen der Märchenoper „Königskinder“ von Engelbert Humperdinck das Märchenhafte gründlich aus. Muss das sein? Es ist zumindest ein guter Weg mit der nicht einfachen Form von Humperdincks Meisterwerk umzugehen. Denn anders als das weitaus bekanntere „Hänsel und Gretel“, sind die Königskinder ein Kunstmärchen von Elsa Bernstein, die unter dem Pseudonym Ernst Rosmer schrieb, das wenig kindgerecht daher kommt. Geht die Geschichte um die Gänsemagd, die von der Hexe großgezogen wurde und gefangen gehalten wird, und den Königssohn, der sich in sie verliebt, noch recht märchenhaft los, so endet sie mit der Verbrennung der Hexe und dem Freitod der zu Bettlern abgestiegenen Protagonisten. Dazwischen erzählt „Königskinder“ von einer grausamen Gesellschaft voller Standesdünkel und ohne Ideale. 

Von den Spielplänen verschwunden
Im frühen 20. Jahrhundert erlebte das Kunstmärchen seine Hochphase. „Königskinder“ wurde 1910 mit großem Erfolg in New York uraufgeführt und hatte auch danach einen festen Platz auf den Spielplänen. Nach dem zweiten Weltkrieg verschwand Humperdincks Oper weitgehend. Das mag auch an dem märchenhaften Setting gelegen haben, das schlicht nicht mehr zeitgemäß war und die Sozialparabel dahinter allzugut verbarg. 

So ist es sicherlich ein guter Griff, eben dieses Moment, das bei Bernstein / Humperdinck durchaus angelegt ist, deutlicher nach vorne zu holen. Das gelingt Ribitzki und seinem Team fast durchgehend schlüssig. Die Märchenelemente werden in seiner Inszenierung nicht verleugnet. Der Spielmann, der die Geschichte initiiert und vorantreibt und in Gelsenkirchen ein Straßenpantomime ist, der das Musizieren nur imitiert, überlässt der Gänsemagd ganz zu Beginn seine Tasche und einen Folianten. Im Buch sind die Geschichten enthalten, wann immer eine der Personen in die Fantasie abdriftet, nimmt sie oder er es zur Hand und liest darin. So wird es immer weiter herumgereicht, bis es am Ende des zweiten Aktes vom wütenden Mob in Hellabrunn zerrissen wird. Zutiefst anrührend ist es, wenn während des Vorspiels des dritten Aktes die Hexe die herausgerissenen Seiten aufsammelt und zwischen die Buchdeckel schiebt. Im fahlen Nachtlicht sitzt sie dann neben dem Spielmann stumm auf der Bank, aber die Macht des Buches ist dahin. 

Humperdinck, der Richard Wagner in Bayreuth assistierte, ist in „Königskinder“ ganz nah an dessen Tonsprache, verwendet in einem dichten polyphonen Geflecht zahlreiche Leitmotive. Manche Lyrismen haben auch fast schon Richard Strauss’schen Schmelz. Und muss man nicht die Textzeile, in der der Königssohn anmerkt, sein Schwert habe noch keinen Namen, als sanft ironische Anspielung auf Notung aus dem Ring lesen?

Erinnerung an "Tristan und Isolde"
Rasmus Baumann führt die Neue Philharmonie Westfalen souverän durch die anspruchsvolle Partitur. Sowohl die bukolischen Elemente in den ersten Akten als auch die zunehmende Verdunklung der Musik, die schließlich im dritten Akt in ein düsteres Raunen mündet, das an „Tristan und Isolde“ erinnert, sind perfekt ausgearbeitet. Dazu gesellt sich ein hauseigenes Sängerensemble, das den Musikdrama-Ansprüchen in jeder Hinsicht gerecht wird. Martin Hombrich mit durchsetzungsfähigem und oftmals strahlendem Tenor als Königssohn, Bele Kumberger als anrührende Gänsemagd.

Petro Ostaprenko singt einen samtigen Spielmann. Almuth Herbst als Hexe ist sowohl stimmlich wie darstellerisch fast schon sensationell. Urban Malmberg, Tobias Glagau und John Lim komplettieren das Solistenensemble. Opernchor und der Kinderopernchor der Dortmunder Chorakademie zeigen sich ebenfalls bestens aufgestellt. Das Musiktheater im Revier zeigt mit „Königskinder“ in der klugen und schlüssigen Deutung von Tobias Ribitzki und der hervorragenden musikalischen Gestaltung, dass Humperdincks Märchenoper durchaus einen festen Platz in modernen Spielplänen verdient hat. 

Und nicht zuletzt soll hier erwähnt werden, dass die Maskenabteilung unter der Leitung von Petr Pavlas Außerordentliches leistet. Herausragend sind nicht nur wieder einmal die Perücken, sondern auch die Maske der Königskinder im dritten Akt, wenn das Leben auf der Straße und in der Kälte seine Spuren hinterlassen hat. 

Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen, www.musiktheater-im-revier.de

Bühne
12 / 2018

„Königskinder“ in Gelsenkirchen

Von: Honke Rambow


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