Kreuzweise

Lorcas »Bernarda Alba« in Köln

Die Wände bilden ein Kreuz – ein metallisch kalt schimmerndes. Die fahrbaren Elemente dieses Drehkreuzes werden in den häufigen Szenenwechseln von jungen schlanken Mädchen verschoben wie Uhrzeiger, die das Vergehen der Zeit und ewige Sisyphos-Anstrengung symbolisieren. In den Nischen der Streben (Bühne Christof Hetzer) wohnen, als wären es Grabkammern, Bernarda Alba und die Ihren: die Mutter, schwarz, streng, aufrecht, Witwe und Braut des Todes, und ihre heiratsfähigen bunten Töchter, die eine Phalanx bilden gegen die Tyrannei der Matrone und selbst noch beim angestimmten »Großer Gott, wir loben dich« aus dem Gesang ausscheren für ein bisschen Himmelreich auf Erden, schon mal einen Charleston-Schritt wagen und sich kokett in hübschen Kleidern drehen.

Mit der Nachricht vom Tod des Mannes und Vaters lässt Hans Neuenfels – als Prolog – Lorcas dörfliche Frauentragödie im Kölner Schauspielhaus beginnen. Acht Jahre Trauerzeit ruft Bernarda Alba aus, während der niemand das Haus betreten darf, nicht einmal der Wind und schon gar kein Mann und möglicher Schwiegersohn. Bernarda selbst hat ohnedies eine höhere Buhlschaft gefunden: den Herrn und Heiland, an dessen Kreuz sie sich abschleppt, vor dessen Leib sie zur Boden geht, dessen von Nägeln durchbohrte Hände und Dornenkrone sie sich in imitatio aneignet. Triebverzicht und demütiger Lustgewinn sind da eines. Die Reliquie des Corpus Christi als Fetisch begleitet Bernarda Albas Passionsweg, auf dem katholische Kasteiung ihr Machtsystem etabliert und sie wie ein weiblicher Großinquisitor den Hass auf Leben und sexuelle Liebe in die Abrichtung der Folgegeneration lenkt. Erstarrt im elegischen Manierismus und genüsslich exzessiv, zelebriert Elisabeth Trissenaar den Hochmut einer fanatischen Madame La Mort.

Die Travestie des Religiösen korrespondiert bei Neuenfels mit dem aus den Töchtern hervorschwitzenden Triebverlangen. Ihr erzwungener Gefühlsstau macht sich – untermalt von schwül sirrendem Zikadenklang, dem schmatzenden Geräusch tropfenden Wassers und den obszönen Reden der kreken Großmutter (Therese Dürrenberger) – keuchend, brünstig, hysterisiert Luft. Als in die Typenkomik getriebenes Quintett sind es manische Nervenbündel und angespitzte vibrierende Mängelwesen.

So, choreografiert in überdeutlichen Zeichen des Handelns und Wandelns, verendet am Marterpfahl der Sublimationstheorie und eines gegenkirchlichen Aufklärungs-Willens Lorcas spanisches Stück: formvollendet bis in den Tod. AWI

Bühne
03 / 2007

Kreuzweise


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