»Kunst ist nicht demokratisch«

»Favoriten 08«: Die künstlerische Leiterin Bettina Milz über das neue alte Festival der Freien Theater in NRW

Interview: Melanie Suchy

//   »Favoriten 08« heißt es nun selbstbewusst. Seit 1985 findet das Festival der Freien Theater in NRW alle zwei Jahre in Dortmund statt. Sein alter Name, »Theaterzwang«, Reverenz an Karl Valentins Bildungsbegriff, bleibt Untertitel. Die künstlerische Leitung hat erstmals jemand von auswärts übernommen. Bettina Milz, erfahrene Dramaturgin und Kuratorin, Absolventin der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, lebt in Stuttgart. Sie hat in den vergangenen Monaten die Szene gesichtet, das Programm für die Woche vom 17. bis 25. Oktober zusammengestellt und wird das Festival auch im Kulturhauptstadtjahr 2010 kuratieren.   //

K.WEST: Blickten sie aus dem All auf die freie Theaterszene in NRW, was sähen Sie?

MILZ: Eine wilde und schöne Landschaft. Das Land hat neben Berlin die stärkste und aufregendste freie Szene und einige gute Strukturen, was die Spielstätten angeht. Deren Leiter übernehmen Verantwortung für künstlerische Positionen. Dahin soll das Festival auch gehen. Denn die Frage nach dem Sinn eines Festivals wird heute anders beantwortet als 1985, als freies Theater noch Horizonte sprengte. Eine neue Künstlergeneration nutzt das Kulturgesamtsystem vielleicht anders. Es gibt heute eine größere Durchlässigkeit in die Stadttheater hinein. Man sollte diskutieren über: Wo hört frei auf? Wo hört NRW auf?

K.WEST: Mitunter hört man Genörgel über die hiesige freie Szene.

MILZ: Wenn die Künstler selbst dauernd nörgeln, etwa über fehlendes Geld, ist das eher nicht sexy. Es stimmt, dass eigentlich kein Mensch auf Dauer von so wenig leben kann, wie sie es tun. Doch wer nicht will, muss auch nicht auf diesem Feld arbeiten.

K.WEST: Stimmt denn die Qualität?

MILZ: Wie hoch hängt man die Latte? Es gibt superspannende Stücke, es gibt Bauchlandungen. Eins ist klar: Innovation haben die »Freien« nicht mehr allein gepachtet. Es ist nicht einfach, mitzuhalten mit der Entwicklung, wenn man vergleichsweise wenig Geld hat. Teamarbeit mit anderen Sparten etwa ist im Stadttheater einfacher. Der Mangel war eine Weile lang für die freie Szene fruchtbar. Das ist er nicht mehr.

Es gibt auch ein Defizit an wirklich gut ausgestatteten Spielstätten. All die schönen Häuser und tollen Industriesäle können nicht genug Bühnenprogramm machen, weil sie keine oder kaum Produktionsbudgets haben. Das Tanzhaus in Düsseldorf und PACT Zollverein in Essen tun viel für den Tanz in der Region, auch mit ihrer internationalen Vernetzung; leider fehlt etwas Vergleichbares für die darstellenden Künste von Musiktheater bis Schauspiel. Außerdem ist im jetzigen System der Kulturförderung eine kontinuierliche Repertoirearbeit kaum möglich: mal mehrere Stücke anbieten zu können.

K.WEST: Inwiefern unterscheidet sich das Festival von seinen Vorgängern?

MILZ: Wie bisher zeigen wir etwa 15 spannende, innovative Arbeiten der vergangenen anderthalb Jahre – aus NRW. Doch es sind auch andere Künstler dabei wie die andcompany, die seit Jahren vom Forum Freies Theater in Düsseldorf unterstützt wird, oder Laurent Chétouane mit einer Arbeit, die er so wohl nur in der freien Szene, damals bei PACT Zollverein, machen konnte. Das zeigt das Überregionale der Produktionen und des Produzierens hier in der Region.

Die Stifter der Wettbewerbspreise sind neu: RUHR.2010 GmbH, NRW KULTURsekretariat, die Ruhrnachrichten und der Verband Freie Darstellende Künste NRW, der auch, mit dem Kulturbüro Stadt Dortmund, das Festival ausrichtet. Neu ist auch die Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr Universität Bochum. Fünf Absolventen haben als Scouts fürs Festival mit ihrem frischen Blick auch Neues entdeckt. Gemeinsam mit dem Institut sowie drei Theatern in Mülheim, Moers und Münster ermöglichten wir außerdem die Erarbeitung eines Stücks von Einar Schleef.

K.WEST: Wie geht es weiter in zwei Jahren?

MILZ: Ich möchte das Festival in eine andere Dimension hieven für seine Beteiligung an Ruhr2010; das Image der freien Szene stärken, indem man starke künstlerische Positionen zeigt, etwa NEUER TANZ und Raimund Hoghe, die bislang aus finanziellen Gründen fehlten. Neben dem »Best of« fertiger Stücke möchten wir die künstlerische Arbeit der Theaterensembles direkt unterstützen mit (Ko-)Produktionsaufträgen.

Die Szene bräuchte neue Strukturen, für 2012 und längerfristig. Ihre regionale Verwurzelung ist schön, die Nähe zum Publikum an den Orten wichtig, doch sie braucht mehr Internationales. Könnte ein Haus Gruppen aus dem Ausland einladen, würde es wiederum eingeladen, Künstler ins Ausland schicken.

K.WEST: Würde die Macht – das Budget, die Verantwortung – der Theaterhäuser vergrößert, hätten diejenigen Künstler Pech, die dort abgelehnt würden?

MILZ: Man kann nicht allen den gleichen Raum geben. Dann wird nicht klar, was man will als Festival oder als Spielstätte. Das ist aber wichtig. Kunst ist nicht demokratisch.

Programm unter: www.theaterzwang.de

Bühne
10 / 2008

»Kunst ist nicht demokratisch«


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