Lieb-bös blöd

Genazinos »Hausschrat« in Mülheim

Durch die Romanfiguren, die Wilhelm Genazino (64) durch die Straßen streunen lässt, weht der Wind. Sie sagen zwar Ich, aber stabil ist nur ihre Taumelbereitschaft, gerade die alltäglichen Dinge verwirren sie; Beruhigung finden sie nur in den absichtslosen Handlungen der Kinder und Tiere oder im herumliegenden Müll. Oder wenn sie am Ende einer Grübeleispirale über die eigene Verwirrungsbereitschaft erschöpft auf den Boden der Selbstironie fallen. Die verdrehte Alltagssensibilität und Selbstbeobachtungsmarotte der Genazino-Figuren weist sie als Angehörige der Mittelschicht aus; vor kurzem aber hat der Büchner-Preisträger angefangen, Theaterstücke zu schreiben, und in denen sind Situationen und Personal auffallend gewandelt: gröber, prolliger, klamottiger. Nach »Lieber Gott mach mich blind« von 2005 (derzeit auch im Bochumer Spielplan) hat nun Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr »Der Hausschrat« urinszeniert: eine schmutzige kleine Böselei unter Verwandten im Wohnküchenmilieu. Karl (groß als Ekelbär: Albert Bork) und Sophie (gut als Leidensmaus: Petra von der Beek) sind beide Mitte 50; ihre Lethargie gibt dem Paar Sicherheit, verbale Bosheit schlägt die Brücke zum Du. Beide sind viel zu lebensreduziert, um sich zu hassen; auch als Karls Schwägerin auftaucht und den Tod des Bruders meldet, regt das niemanden auf. Der Versuch des Hausschrats, die Witwe gegen die eigene Frau auszutauschen, kommt über Ansätze nicht hinaus; soll auch gar nicht. Ein bisschen Wirrnis bringen die behinderte Tochter und der Besuch von Karls alter Schwester Hilde und deren Freund; bald aber ist das Ehepaar erleichtert wieder mit sich selbst allein. Das alles wäre zu bekannt, zu schlicht, zu absehbar; und wird viel zu selten von jenen genialen Sätzen erhellt, für die man den Autor liebt. Wenn nicht die Inszenierung– Regie und Darsteller – den anderen Genazi-no, den der Romane, mitgedacht und mitgespielt hätten: die komische Melancholie, den Zauber des Unvermögens, die Weisheit der Blödseins. Dadurch schwebt die Geschichte. Gleichzeitig waltet eine gewisse Beckett-Absurde mit kühlem Licht und Koffergrabsteinreihen – was wiederum das Stück mit einer falschen Ehre beschwert. UDE

Bühne
03 / 2007

Lieb-bös blöd


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