Mein Gott, mach’s Licht aus!

Der Kölner Comic-Autor Ralf König hat eine religiöse (Er-)Schöpfungsgeschichte gezeichnet: »Prototyp«. Ein Hausbesuch.

//   Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Kreuz, das ein bisschen aussieht wie ein christliches Tattoo, hat sich Ralf König im Alter von 12 Jahren auf den Oberarm experimentiert. Er könne den Ärmel seines T-Shirts ja mal ein bisschen weiter nach unten ziehen, sagt König, damit beschäftigt, den richtigen Gesichtsausdruck für die Fotografin zu finden. Jetzt ist es verschwunden, das Symbol. Ganz einfach.

Ist es wirklich so einfach mit derartigen Prägungen? Wohl nur, wenn sie oberflächlich aufgebracht worden sind. Kinder, die wie König »in einem sehr katholischen Kuhdorf« mitten in Westfalen aufgewachsen sind, tragen ihr Kreuz häufig ein Leben lang mit sich herum, unsichtbar und deshalb nicht so leicht zu bedecken. Nicht so Ralf König. 36 Jahre ist es her, dass er sich selbst verziert hat. Um die Form, so scheint es ihm heute, ging es dabei nicht. Mit religiösem Gedankengut hätten ihn seine Eltern ohnehin in Ruhe gelassen. Er wollte damals Farben ausprobieren. Ralf König hat eben immer schon gerne gemalt. Während andere Kinder draußen herumbolzten, saß er zuhause und zeichnete Micky-Mäuse.

Heute muss König nicht mehr die bunte Disney-Welt kopieren, er hat sich ein eigenes, von »Knollennasen« bevölkertes Universum aufgebaut. Der in Soest geborene Zeichner zählt zu den wenigen wirklich bekannten und international erfolgreichen Comicautoren aus Deutschland. Wenn die deutsche Comic-Kultur nicht noch immer ein Schattendasein fristen würde und so wahnsinnig unglamourös wäre, wenn es also nicht so merkwürdig klingen würde, dann könnte man sagen: König ist ein Star. Dass er genau das nicht sein will, ist eine ganz andere Sache.

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Foto: Lin Lambert

In diesem Monat erscheint sein neues Buch: »Prototyp«, eine ziemlich grandiose Version der Schöpfungsgeschichte, in der Gott buchstäblich Fraktur spricht und an der eigenen Abschaffung durch seine Kreaturen arbeitet. Im September letzten Jahres waren Auszüge daraus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen. Danach bekam König nach langer Zeit mal wieder beleidigte Leserbriefe, von Blasphemie war da die Rede. Nicht, dass er empörte Reaktionen nicht gewohnt wäre. Doch die Zeiten, in denen man ihn, der sich den Titel »Chronist der Schwulenbewegung« erzeichnet hat, wegen seiner Comics anging, liegen schon länger zurück.

Damals, Mitte der 1980er Jahre, machte sich König schon während seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie mit seinen »Schwul Comix« in der homosexuellen Community einen Namen. Mit »Der bewegte Mann«, dem ersten in einem großen Publikumsverlag veröffentlichten Band, kam er dann 1987 auch in der heterosexuellen Humorzone an. Die weitgehend tabulose Freizügigkeit, mit der König bis heute schwules Leben und Erleben zu Papier bringt, provozierte am Anfang seiner Karriere. Doch mit dem Erfolg und den Auszeichnungen, darunter gleich zweimal der »Max-und-Moritz-Preis«, nahm die öffentliche Erregung ab. Allein Sönke Wortmanns Verfilmung von »Der bewegte Mann«, an der König jedoch nicht beteiligt war, brachte 1994 mehr als sechs Millionen Besucher in die Kinos und dem Film den Bundesfilmpreis ein. In just jenem Jahr, als es das Bayerische Landesjugendamt quasi als moralapostolische Nachhut noch mal wissen wollte und die Indizierung von Königs Comic »Bullenklöten« beantragte. Die Geschichte des homosexuellen Paars Paul und Konrad, die sich jeweils anderweitig verlieben, sei dazu geeignet, »Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren«, heißt es im Antrag. Doch seit dem 6. Juli 1995, dem Tag, an dem die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gegen die Indizierung entschied, ist es endgültig amtlich: Was Ralf König zeichnet, ist »unzweifelhaft« Kunst, nicht Pornografie.

Oben, im Schlaf- und Arbeitszimmer seiner Kölner Maisonettewohnung, bewirbt ein Poster über dem kleinen Schreibtisch »Wilhelm Busch und die Folgen«, ein dem Urahn des deutschen Comics gewidmetes Buch, zu dem auch Ralf König etwas beigetragen hat. Darüber: die Peanuts. In Blickweite findet sich auch ein Bild des Pornostars Rocco Siffredi, nackt, mit der rechten Hand sein »Arbeitsinstrument« in die Kamera haltend. Auf geradezu komplexe Weise bunt mutet das an, so bunt, wie es auch in Königs überwiegend schwarz-weiß gezeichneten Geschichten zugeht. Gemütlich auf dem Sofa vor sich hin onanierende Männer, Lack- und Lederkerle, erigierte Penisse und reichlich fließende Körpersäfte – das sind Schlüsselreize von jener deftigen Art, die die Erregungskurve empörungsbereiter Leser schnell ansteigen lässt. Sie lassen allerdings häufig übersehen, dass König das bildungsbürgerliche Register von Aristophanes über Shakespeare bis hin zu Stanley Kubrik genauso zu bedienen versteht, wenn ihm der Sinn danach steht.

Provokation, erzählt König, war für ihn immer ein Arbeitsanreiz. Doch sind seine Comics weit davon entfernt, Heterosexualität zu diskriminieren. Das unterstellten ihm damals die übereifrigen bayerischen Jugendschützer. Dabei übersahen sie großzügig, dass König nicht zuletzt die schwule Szene auf manchmal derbe, dann wieder feinsinnige Weise provozierte. Er ironisierte ihre Gruppenzwänge oder reduzierte das schwule Dasein seiner Figuren auf permanente Triebbefriedigung. »Ich stand der Schwulenszene immer auch ein Stück weit distanziert gegenüber. Liebevoll, aber kritisch«, blickt König heute zurück. Dabei finden sich wohl nur wenige heterosexuelle Vorurteile gegen Schwule, die König nicht selbst irgendwo schon mal auf eine Pointe hin angespitzt hat – mit dem großen Unterschied, dass sich da einer der Dinge annimmt, der erlebt hat, woraus er humoristisches Kapital schlägt. Vor dem gelegentlichen Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit hat ihn das jedoch nicht bewahrt.

Doch in den letzten Büchern lässt sich beobachten, dass das Thema, für das der Name Ralf König heute steht, immer mehr zurücktritt. Ist das schwule Dasein auserzählt? »In der Community tut sich nichts mehr«, sagt Ralf König. »Ich langweile mich. Alles scheint nur noch auf eine gleichgeschaltete Lifestyle-Party hinaus zu laufen, mit Körperkult und schlechter Musik. Hier komme ich mit der Satire nicht hinterher.« Nach so vielen Jahren, in denen König das Treiben nun begleitet hat, sei das Thema nun ziemlich erschöpft. Natürlich ist der Zeichner auch nicht mehr in dem Alter, in dem Mann die Nächte in irgendwelchen Clubs durchwacht. »Das mit Sex and Drugs and Rock’n’Roll hab ich ein bisschen hinter mir. Ich sage das fast mit einer gewissen Erleichterung.« König scheint auf entspannte Weise bei sich selbst angekommen zu sein und wirkt dabei bemerkenswert jugendlich.

Dennoch ist Sex noch immer eine wichtige Stellschraube, mit der die Witze justiert werden, in letzter Zeit zunehmend feiner und: religionskritischer. Als König Ende 2005 gerade über dem Ende seiner zweibändigen Großerzählung »Dschinn Dschinn« saß, brach der »Karikaturenstreit« über Europa herein. Während Botschaften und Fahnen westlicher Staaten brannten und weltweit mehr als 140 Menschen bei Demonstrationen und Ausschreitungen ums Leben kamen, bemerkte König plötzlich die Schere im eigenen Kopf. Immerhin verwandelt sich in dem dramaturgisch virtuos gebändigten Comic-Roman ein Mufti in einen Frauen wie Männer gleichermaßen beglückenden Lustknaben. Bisweilen habe er nicht nur einen Maulkorb gespürt. Mulmig sei ihm gewesen. Doch: »Angst führt dazu, dass wir dem Islam nur mit dieser watteweichen Kritik begegnen«, sagt König und ergänzt: »Ich habe einfach keine Lust, komplett verschleierte Frauen mit Sehschlitz in Köln auf der Straße zu sehen, was immer öfter vorkommt. Das symbolisiert für mich eine gefährliche Ideologie.«

König hat dieser Haltung mit seinen Mitteln Nachdruck verliehen und acht Karikaturen zum Thema gezeichnet, die in zahlreichen deutschen Tageszeitungen und Magazinen abgedruckt wurden. Nicht zuletzt zielte der Comic-Zeichner als Karikaturist dabei auf die demütige Haltung, mit der westdeutsche Funktionsträger im Namen der Achtung religiöser Gefühle für die freiwillige Beschränkung der Meinungsfreiheit plädierten. »Es ist inakzeptabel, dass es im säkularen Europa lebensgefährlich wird, offen seine Meinung über Religionen zu sagen.«

Königs Misstrauen gegenüber religiösen Sinn- angeboten sitzt tief. Noch heute erinnert er sich an die Prozessionen in seinem Heimatdorf, »wo sie auf den Knien zur Marienstatue robbten. Ich stand als Kind auf dem Gehsteig und fand das nur befremdlich.« Genauso die Feier, bei der der junge Ralf König vor den Weihnachtsmann zitiert wird, um ein Gedicht aufzusagen. Allein das sei ja eigentlich schon der pure Horror gewesen. Doch dann hat das Kind auch noch das Gummiband am Wattebart entdeckt und plötzlich nicht mehr gewusst, wie es mit diesem Geheimnis umgehen sollte.

Seit einem Jahr ist König Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich der Förderung eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik und Politik verschrieben hat. Heute will er das schon als Kind entdeckte Betriebsgeheimnis des Glaubens nicht mehr beschweigen. »Es beängstigt mich, wenn sonst intelligente und kritische Erwachsene darauf bestehen, dass die biblischen Geschichten eine historische Wahrheit überliefern.« Jetzt ist es ihm also darum zu tun, das Gummiband hinter dem Wattebart sichtbar zu machen und darüber nachzudenken, wie das Zusammenleben in einer säkularisierten Gesellschaft gestaltet werden könnte – an der Seite von Wissenschaftlern wie etwa dem Hirnforscher Wolf Singer oder dem Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits. Nun ist Ralf König sicherlich kein Mann der Messinstrumente und Versuchsanordnungen, mit denen sich religiöse Weltbilder aus den Angeln heben ließen. Doch das hat ihn nicht daran gehindert, einen »Prototyp« zu verfertigen: einen knollennasigen, neugierigen Adam, der Gott und die Schlange Luzifer an den Rand des Wahnsinns treibt. Eine Erzählung über den Anfang, von seinem vorläufigen Ende her gedacht – eine religiöse Erschöpfungsgeschichte.    //

Ralf König, Prototyp, Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 112 Seiten, 14,90 Euro


10 / 2008

Mein Gott, mach’s Licht aus!

Von: Andrej Klahn


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