Prägestempel der Fa. Picard & Wielpütz. Foto: Lutz Hoffmeister  

Messer, Schere, Licht

»Starke Marken« in Solingen

Bertolt Brechts »Mack the Knife«, Tim Burtons »Edward mit den Scherenhänden«, Alfred Hitchcocks »Psycho« – die wichtigsten Utensilien dieser Werke liegen in jeder Küchenschublade. Das Messer und die Schere; archaische Werkzeuge, an deren Anfang der geschliffene Stein und die Speerspitze standen. Heutzutage qualitativ hochwertige Präzisionswerkzeuge, atmen sie immer noch die Erinnerung an die Kulturtechniken der Menschheitsbehauptung. Heute werden sie wie selbstverständlich genutzt und stehen in ihrer hochkomplexen Fertigungsform für einen Namen: Solingen. Jener bergischen Stadt, die seit mehr als einem Jahrhundert als »Klingenstadt« bekannt ist. Firmen wie »Zwilling«, »Wilkinson Sword« oder »Pfeilring« genießen seit Jahren internationalen Ruf.

Im Rahmen der »Regionale 2006« zeigt sich Solingen als ein von der Industrie geprägter Ort, der um seine Vergangenheit weiß und an seine Zukunft glaubt. Die Ausstellung »Starke Marken« bietet anhand von Markenprodukten einen Überblick über einhundert Jahre Wirtschafts- und Stadtgeschichte. Der zersiedelten Form Solingens entsprechend, findet die Ausstellung an zwei Orten statt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Großteil der Ausstellung befindet sich in den historischen Firmenmauern der »Gesenkschmiede Hendrichs «, dem »Rheinischen Industriemuseum Schauplatz Solingen«; der kleinere Teil wird im »Deutschen Klingenmuseum« im dörflichen Stadtteil Gräfrath gezeigt.

Das verbindende Element ist die Ausstellungsarchitektur, vom »Büro Prof. Jürg Steiner, Wuppertal« konzipiert, die nach dem Prinzip der Gewerbeausstellung die Objekte angenehm sachlich präsentiert. Einfache Metallregale, offene Regalböden, Vitrinenelemente und hölzerne Infotafeln bilden ein modulares System, das sich nicht aufspielt und sich nicht wichtiger nimmt als die Ausstellungsstücke. Trotzdem bewahrt das Regalsystem seine Eigenständigkeit zum jeweiligen Umfeld, sei es die rostende Umgebung der »Gesenkschmiede Hendrichs« oder die ehemaligen Klostermauern des Klingenmuseums. »Starke Marken« funktioniert als eine Selbstversicherung der Region: Trotz schrumpfender Industrie, trotz wachsender Billigkonkurrenz – wir machen weiter, wir haben alles, was man braucht, um erfolgreich zu sein. Zum Beispiel Ideen. Zeigt die Ausstellung doch, dass viele Produkte aus Solingen einzigartig sind und damals wie heute als wichtige Erfindungen von hier aus in die Welt gelangen. Der Faltschirm »Knirps«, jene Präventionsmaßnahme gegen meteorologische Unzulänglichkeiten, die ja gerade im bergischen Raum an der Tagesordnung sind, fand seinen Weg in die Taschen der Welt. Das deutsche Sicherheitsdenken als Exportschlager – egal wie das Wetter wird, man ist auf das Schlimmste vorbereitet.

Anders die Firma CR Hammerstein, die mit der Fertigung von Schirmfurnituren (der metallenen Innenkonstruktion) begann und mittlerweile als eines der größten Unternehmen Solingens elektrische Verstellsysteme für Lenksäulen und Sitze für die Automobilindustrie herstellt. Das Prinzip der ineinandergeschobenen Metallschienen im Innern eines Schirms wurde weiterentwickelt und bringt heute dank kleiner Motoren Autofahrer in die für sie wünschenswerte Position. Aber zurück zum Trennenden, das Solingen verbindet: Die Messerund Schneideindustrie. Die heutigen High-Tech-Werkzeuge werden seit der Industrialisierung in der Stadt gefertigt. Zuerst in den hitzigen Schmieden, den »Kotten«, jenen kleinen Fachwerkhäuschen, die noch heute im Stadtgebiet zu finden sind. Hier wurde der Grundstein für die Solinger »Messerkultur« gelegt. Von den Schmiedehämmern der (Ur)großväter zu den vollautomatisierten Fertigungsstraßen war es ein langer, aber erfolgreicher Weg. Das wird am Beispiel des Unternehmens Wüsthof Dreizackwerk besonders deutlich. In der Ausstellung sieht man ein Foto aus dem Jahre 1955, auf dem ein Breithammerschmied bei der Arbeit zu sehen ist. Es ist zwar nur ein Schwarzweißbild, aber man kann den Lärm und die Hitze jener Tage fast spüren. Der Schmied, ein bulliger, kahlschädeliger Mann, sitzt gebeugt vor dem riesigen Gesenkschmiedehammer, der gleich mit ohrenbetäubendem Lärm auf den glühenden Scherenrohling vor ihm hinabsausen wird. Er blickt konzentriert auf den heißen Stahl, seine einfache Kleidung ist verdreckt und verschwitzt.

Dieses Foto zeigt das heute gern beschworene »Früher«, das »Weißt-du-noch« der Eltern und Großeltern, wie es wirklich war: Laut, heiß, anstrengend, menschenverzehrend. In der Ausstellung steht, neben diesem Bild und dem originalen Gesenkhammer, einer der heutigen Roboterarme, die bei Wüsthof Dreizackwerk mit zischenden Bewegungen die Produktion der Scheren übernehmen. Schweiß wird nicht mehr gefordert, sondern innovative Ideen. Diese Ideen waren in Solingen immer gefragt, wurde hier doch der Wellenschliff für Brotmesser (Firma Güde) zur Patentreife entwickelt. Aus den »Zöppkes« (einfache Küchenmesser) wurden ab 1898 »Boschermesser« (Macheten) für die Kolonie Holländisch Indien; heute bietet Robert Herder-Windmühlenmesser neben dem Messersortiment auch importierte Küchenmesser aus Japan an.

Im Zuge dieser Kulturvermittlung bringen die Schneidwerkzeuge asiatische Philosophie nach Solingen, z.B. das Messer der drei Tugenden: »Santoku« ist gleichermaßen für die Zubereitung von Fisch, Fleisch und Gemüse einsetzbar. Das sind die kleinen Nischen im globalen Markt: Wenn die Firma Niegeloh ihre Nagelpflegesets mit Svarovski-Kristallen aufhübscht. Aus Omas Küchenschublade direkt in die Handtäschchen der Paris-Hilton-Verehrerinnen. Man muss das nicht mögen, aber Erfolg hat es allemal.

Oder Picard & Wielpütz, deren Sortiment hauptsächlich an Großküchen und Gastronomie geliefert wird. Neben dem klassischen Kantinenbesteck prägt das Unternehmen die Signets großer Firmen wie Deutsche Bank oder Lufthansa in Besteckteile und sorgt so für eine personalisierte Kantinenausstattung. Für die Werbekampagne »Unvergesslich gut« fertigte das Unternehmen für den Tütensuppenhersteller Maggi jenen legendären Suppenlöffel an, in dessen Stiel ein Knoten gebunden ist. Die Herstellung dieses Unikats ist Betriebsgeheimnis, aber dieses Produkt zeigt auch: Solingen muss man sich merken! Unter den funkelnden Schaustücken der »Starken Marken« finden sich auch spezielle Gerätschaften: Pferdepflegesets, bedrohliche Jagdmesser und Olivenlöffel mit geschlitztem Löffelgrund für optimalen Ölabfluss. Chirurgische Instrumente, Skalpellklingen dünn wie Papier, schauerliche Zangen für die »Kastration am stehenden Pferd«, Dentalwerkzeuge, die man lieber nicht im Mund haben möchte. Pinzetten, die mit ihren speziell angeschrägten Spitzen jeden Briefmarkensammler zur Weißglut bringen würden. Dass aber auch in der Schönheit eine Chance liegen kann, zeigt das Besteckunternehmen Carl Mertens, das mit seinem Edelstahlsortiment schon einiges zur Tischkultur beigetragen hat. Die Betonung liegt auf »Kultur«, denn neben dem klassischen Bestecksortiment sind im Laufe der Zeit »Tisch- und Tafelaccessoires« wie Mixbecher, Meißel zum Öffnen von Schalentieren oder Flaschenöffner hinzugekommen. Außerdem jene charmante Überflüssigkeit, die sich »Fritz & Frieda« nennt: zwei Pommespieker aus Edelstahl, die stilecht in der klassischen Pommesschale aus Pappe angeboten werden.

Und dann ist da noch eine jener Erfolgsgeschichten, die, wie das Fachwerkviertel Solingen-Gräfrath, fast zu schön ist, um wahr zu sein: Zweibrüder Optoelectronics, Mitte der 90er Jahre gegründet, verkaufte im Mai 2000 die erste Mini-LED-Taschenlampe für den Schlüsselbund. Mittlerweile umfasst das Sortiment ca. 400 Produkte: Taschenlampen, Laserpointer, Kopfleuchten und vieles mehr. Die »zwei Brüder« Opolka nennen sich »Die Lichtpiraten«, über ihrem Solinger Firmensitz weht die schwarze Piratenfahne. Die Produktion findet weiter östlich statt, in diesem Jahr wurde im chinesischen Yangjiang ein großer Fertigungsbetrieb eröffnet.

Die Welt ist auch für Solingen größer geworden, im Jahr 2006, wo man das Regionale im Globalen feiert. //

Deutsches Klingenmuseum Solingen, bis 5.10.2006; Tel.: 0212/25836-0; www.solingen.de/klingenmuseum Rheinisches Industriemuseum, Gesenkschmiede Henrichs, bis 26.02.2007; Tel.: 0212/232410; www.rim.lvr.de/orte/solingen/


07 / 2006

Messer, Schere, Licht

Von: Volker K. Belghaus