Pariser Theaterleben

Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« am Aalto

Im Kölner Opernhaus am Offenbachplatz wurde unlängst eine als Kassenschlager gedachte Produktion von »Orpheus in der Unterwelt « derart vergeigt, dass sie vom Spielplan verschwand. Jetzt zeigen die Kollegen am Aalto-Theater, wie es geht. In Essen steigt der Chef selbst in den Hades. Stefan Soltesz, der Operette nicht als Nebensache nimmt, weiß, dass das Leichte das Schwerste ist. Der Apparat wurde auf Präzision getrimmt, die großen Ensembles stehen krisensicher, kein wackelnder Anschluss bringt das Getriebe in Gefahr, keine klapprigen Einsätze verwischen die Konturen. So entsteht auf der Basis von Offenbachs erster Fassung temporeiches Musiktheater, das mit der Betulichkeit des Genres nichts zu tun hat. Offenbach perlt wie Champagner extra brut, klingt schlank, pulsiert, dabei überraschend zart, mal melancholisch, mal auffahrend, und voller Esprit. Perfekt fügt sich der exzellente Chor ein; aus dem feinen Solistenensemble ragen Astrid Kropp (Eurydice) und Rüdiger Frank (John Styx, Prinz von Arkadien) heraus.

Richtig auf Trab aber bringt den Abend erst die Regie. Souverän in den Sprech- und mit elegant organisierten Massenszenen setzt Dietrich Hilsdorf sein gewitztes Montagekonzept um – ohne kalauernde Tagespolitik und Schenkelklopf-Kabarett. Er verlegt die Handlung in ein verlottertes Pariser Theater der späten Belle Epoque (Bühne: Dieter Richter) und erzählt – untertitelgerecht – eine Geschichte »Aus dem bürgerlichen Heldenleben«. Jupiter zeigt sich da als pleite gegangener Theaterprinzipal Jupin, Eurydice ist Sängerin, deren Gatte Orphée Konzertmeister, Pluton Souffleur, die »Öffentliche Meinung« Putzfrau und der Prinz Logenschließer. Die knappen Dialoge, die Hierarchien und Abhängigkeiten des Theaters bespötteln, sind lakonisch zugespitzt, als stammten sie von Carl Sternheim. Trotz des schmissigen Tempos herrscht eine Aura der Morbidität, Schwindsucht-bleicher Ballerinen wie auf Degas’ Bildern und Rotlicht-Dekadenz des Toulouse-Lautrec. Durch den alten Trick vom Theater auf dem Theater verwischen die Ebenen der Handlung, das Spiel mit dem Spiel wird zum Vergnügen an sich selbst, die Handlung zum ewigen Ritual des Geschlechterkampfs. Ein perfides Vergnügen, das sich im ekstatischen Wirbel des finalen Can-Can auflöst. REM

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Bühne
01 / 2006

Pariser Theaterleben