Pendelbewegungen

»Parzival« im Gasometer

Nun schlägt uns das erste Stündlein, als würde der riesige Geschwindigkeitsregler einer Weltuhr, weit ausholend, das neue Jahr einläuten. Zu Beginn eines Jahres wird ja vieles gern symbolisch genommen. Christliche Heilslehre und heidnischer Brauch, Gottesfurcht und Aberglauben verbinden sich zu, sei es heiliger oder profaner, Allianz. Da kann einer leicht dem Beziehungswahn verfallen – wie beim Griff nach dem Gral. Man fasst ins Leere und greift in die Vollen der Bezüge – und ist schon gefährlich nahe der Paranoia der Verschwörungstheorien, wie sie etwa Umberto Eco in seinem Roman »Das Foucaultsche Pendel« raffiniert entwickelt hat.

Im Gasometer Oberhausen, in dessen Riesengefäß sich das Theater der Stadt für einen vom Intendanten Johannes Lepper inszenierten »Parzival« nach Tankred Dorst begibt, wird die Zeit zum Raum. Denn ein solches Pendel – wie es in Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, im Panthéon seinen Ort fand – wird hier mit einer Fadenlänge von 95 Metern samt hundert Kilo schwerer Eisenkugel installiert. Als solle es immerfort frei schweben und schwingen – gemäß göttlicher Ratio oder menschlicher Vernunft, und wird doch am 29. Januar wieder demontiert. So kurz sind Ewigkeiten heutzutage. »Die Erde rotierte, doch der Ort, wo das Pendel verankert war, war der einzige Fixpunkt im Universum«, heißt es bei Eco, dem Wissenschaftszauberer aus Bologna.

Oberhausens Bühnen-Ritter wollen mit der Mittelalter-Sage eine an Artus‘ Tafelrunde gebräuchliche Lanze brechen für die Versöhnung von Mensch und Natur, wie sie Dorsts Gralssucher nicht glückt, jedoch im alchemistischen Prozess der Kultur-Industrie vielleicht gelingen könnte. Am 13. Januar hat der »Parzival« Premiere – verdoppeln wir die Datumsziffer und gehen einen Halbjahresschritt voran – wir schreiten kaum, doch wähnen wir uns weit –, schreiben wir den 26. Juli, den Tag, an dem in Bayreuth das »Rheingold« neu gehoben wird: Tankred Dorst, der jüngst 80 Jahre alt gewordene Autor des utopiekritischen, mythenskeptischen »Merlin« und »Parzival«, gibt dann im Hause Wagner sein Regie-Debüt mit dem »Ring«. Eine Kreisbewegung, auch dies. Dorsts »Merlin« sagt aus den Nebeln von Avalon heraus: »Die Minuten und Stunden laufen im Kreis. Wir müssen nur warten, dann kommt die Zeit wieder vorbei.« Das Pendel wird’s schon richten. AWI

Bühne
01 / 2006

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