Wilde Jagd an der Klage-Mauer. Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

„Die Jüdin von Toledo“ in Bochum

Der Glaube – zertrümmert: Johan Simons eröffnet mit Lion Feuchtwanger seine Schauspielhaus-Intendanz in Bochum.

„Die Jüdin von Toledo“ zieht die Summe eines Lebens, das Flucht und Exil kannte. Lion Feuchtangers (1884-1958) brillantes und komplexes Spätwerk erzählt mit großem Atem mehrere Geschichten. Zunächst die vom Widerstreit der monotheistischen Religionen. Koen Tachelets in fünf Kapitel gegliederte Bochumer Spielfassung nimmt darauf bereits im knappen Prolog und Disput über den „Heiligen Krieg“ Bezug. Wie für ein Impromptu versammelt sich dazu das in Designer-Chic gekleidete Zehner-Ensemble. Entsprechend dem neuen Signet des Schauspielhauses Bochum unter der Intendanz von Johan Simons – einem Globus – ist es international handverlesen. Weltumspannend weitet sich auch die Eröffnungs-Inszenierung. Beginnend beim Autor Feuchtwanger, der, in München geboren, sich nicht hat träumen lassen, in der Villa Aurora / Santa Monica zu sterben. 

Auch die Liebe ist ein Kampfplatz – bei Simons ein Sich-Balgen, Sich-Wälzen, Aneinander-Zerren und Abkämpfen. Der Körper wird zum Spielball. Die Zehner-Gruppe legt sich selbst am Boden ab und richtet sich immer wieder auf. Keine Position bleibt fest, jeder Schritt markiert einen Diskursverlauf, um Rollen und Motivationen zu klären. Die Darsteller – keineswegs brave Buchstabengetreue – sind Kommentatoren, Zeugen ihres Handelns, Herolde ihrer selbst, deren Personalausweis das epische Theater als Herkunft ausweist. Lässig, schmucklos und wirbelfrisch fordern sie von uns Abstraktionsvermögen. Es sind grausam schlimme, auch zauberhafte Kinder im erwachsenen Spiel des Lebens, die sich aneinander entzücken und einander Torturen antun. 

Zudem schildert Feuchtwanger den vergeblichen Versuch, Frieden zu wahren. Johannes Schütz hat eine kalkig helle Styroporwand entworfen, die sich wie ein Mobile bewegt oder wie ein Segel, in das der Sturm der Geschichte fährt. Die Darsteller nehmen dort  Aufstellung wie vor einer (Klage-)Mauer. Die Wand aber ist eine große Variable. So wie der Mensch. 

Jehuda Ibn Esra (Pierre Bokma, der seine Ratio so ungern abstreift wie sein Jackett) verlässt das Gebiet des Emirs von Sevilla, wo die arabische Hochkultur blüht und jüdischer Geist geschützt ist von einem Toleranz-Edikt. Dank seiner ökonomischen Talente und Kontakte wird er Ratgeber, Geldbeschaffer, „Escrivano“ des jungen Königs von Kastilien. Der Staatsmann in Alfonso VIII. ist bei Ulvi Erkin Teke noch ein Kleinkind, ungebärdig und ungestüm. Seine Frau Leonore (Anna Drexler: omni-patent, praktisch, gut) aus englischem Königsblut hingegen hat mehr Format und politischen Instinkt. 

Als der Papst zum Kreuzzug aufruft, will das Christentum nicht nur Jerusalem befreien, sondern auch die Iberische Halbinsel. Fanatische afrikanische Kalife und Alfonsos Ehrgeiz beenden das milde Klima. Der zum Katholizismus konvertierte stolze Jehuda, der strategisch denken, lavieren und operieren muss, trägt Wesenszüge von Feuchtwangers deutschem Hof-Juden Süß ebenso wie von dessen biblischem Chronisten Flavius Josephus. Es sind polyglotte, existentielle Außenseiter in einer ihnen misstrauisch bis verächtlich, neidvoll, engstirnig und feindselig begegnenden Gesellschaft. Sie wollen ihren Platz „in der Mitte der Welt“. Aber bleiben Akrobaten, balancierend über dem Abgrund. 

Jehudas Tochter Raquel, freisinnig autonomes Wesen (Hanna Hilsdorf – Lichtwesen mit weiter Kindesseele), wird aus eigenem Willen die Geliebte Alfonsos und Mutter seines Sohnes. Der König baut ihr das Lustschloss La Galiana. Sein sündiges Vergehen gegenüber dem Gesetz von Kirche und Dynastie reut ihn nicht.

Simons zerlegt das Drama in Elementarteilchen, durchleuchtet es, verwandelt die pure Erzählung zu Spiel-Material, zeigt Sprechakte als intellektuelle Vorgänge. Das ist oft strapaziös spröde, jedoch präzise kunstvoll verspielt. Auf der Abstraktionsebene, die das Aktuelle und Akute vergleichbarer Konflikte mitdenkt und Außengeräusche der Straße hereinholt und orchestriert zur Gegenwarts-Symphonie des Grauens, behaupten sich Lüste und Leidenschaften nicht als naive Emotion, sondern in ihrer physischen Überbietung. Der Kriegsrausch treibt als geiles Kopulieren in die Groteske. Die aus planvoll gesteuertem Hass begangene Mordtat, deren Opfer Jehuda und Raquel werden, dehnt sich zum quälend erschöpfenden Zerstörungs-Report. 

Anders als Franz Grillparzers gleichnamiges Drama bietet Feuchtwanger die weit charaktervollere Betrachtung. In seiner Humanitas steht Jehuda da als schuldlos schuldige Figur, während Alfonso – hier nunmehr ein gebrochener Gliedermann – schmerzlich sein Scheitern betrauert und sein Versäumnis der Liebe. Er ist Verursacher und Teil einer Trümmerlandschaft, nachdem er und seine Mitspieler im wilden Happening die Styroporwand kurz und klein geschlagen haben. Wenn sich dann das Bühnenpodest hydraulisch steil stellt, schüttet es eine Halde mit Leichen auf. Totale Niederlage. Kein guter Glaube. Johan Simons, dessen programmatischer Beginn in seinem Spiel-Sinn und in seiner Schwer-Kraft imponiert, erringt für Bochum einen schwermütigen Sieg. 

Aufführungen: 3., 4., 7., 16. November, 14., 16., 26. Dezember, Schauspielhaus. 

Bühne
11 / 2018

„Die Jüdin von Toledo“ in Bochum

Von: Andreas Wilink


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