Foto: Karl und Monika Forster

„Rheingold“ in Gelsenkirchen

Intendant Michael Schulz inszeniert am Musiktheater im Revier Richard Wagner.

Nur das „Rheingold“ wird Michael Schulz inszenieren, keinen ganzen Ring schmieden, das war von Anfang an klar. Etwas wehmütig stimmt das. Wie gerne wüsste man, was herauskommt, wenn der Intendant des Musiktheaters im Revier auch die anderen Teile auf die Bühne bringt. Doch dann sind die gut zweieinhalb Stunden des Vorspiels vorüber und es wirkt alles so vollständig, die Erzählung so rund und in sich stimmig, dass eine Fortsetzung kaum mehr möglich scheint. Erstaunliches findet Schulz in Richard Wagners Oper: Komödie und fast Ibsen’sches Ehedrama, Märchen natürlich und große Sozialparabel. All das fügt er mit ungemein leichter Hand zusammen.

Zunächst einmal beginnt es aber im Orchestergraben bedrohlich wackelig. Während düster die Rheinwellen auf den Vorhang projiziert werden, haben die Hörner – wohl aus premierenbedingter Nervosität – deutliche Schwierigkeiten mit dem aufdämmernden Pianissimo und auch die Tempi scheinen nicht sicher. Dann aber hebt sich der Vorhang und wir schauen in den Speise- oder eher Salonwagen des legendären Rheingold-Express. Im Halbdunkel lungert Loge herum und am Tisch daneben trinken Wotan und Alberich noch ein letztes Glas Wein. Dort, wo die Flüssigkeiten stehen, am Tresen, tauchen die Rheintöchter auf. Alle Zweifel an der musikalischen Qualität des Abends sind weggewischt. Lina Hoffmann, Bele Kumberger und Boshana Milkov – ein traumhaftes Terzett. Mit langen, blonden Locken und knappen nachtblauen Pailettenkostümen (Renée Litendal) nicht nur stimmlich überzeugend. Mittlerweile hat auch Giuliano Betta am Pult den Orchesterklang fest im Griff und wird ihn bis zum Schluss nicht mehr aus den Händen geben.

Wenn Alberich sich an die drei Schönen heran macht, verlässt Wotan den Wagen, nur Loge bleibt als stiller Beobachter sitzen. Urban Malmberg singt einen souveränen Alberich, lässt die Boshaftigkeit blitzen, um gleich wieder in beinahe mitleiderregende Täppischkeit zu verfallen. Hat er erst einmal die Liebe verflucht und das Gold in den Händen, rattert der Rheingold-Zug auch schon weiter und wir sehen in den nächsten Wagen, in dem die Götterschar in den Abteilen schläft. Wotan schleicht auf Socken von seinem nächtlichen Gelage herein und schlüpft unter die Decke, doch schon zieht am Fenster das Stationsschild „Walhall“ vorbei und der Zug hält. Auch technisch hat Bühnenbildnerin Heike Scheele hier Erstaunliches geschaffen.

Inszenatorisch ist die zweite Szene das uneingeschränkte Highlight des Abends. Was Schulz hier aus dem Verhältnis der Götter zueinander herauskitzelt, ist schlicht brillant. Auch weil er sich immer auf die Spiellust und das darstellerische Können seines Ensembles verlassen kann, allen voran die unglaubliche Almuth Herbst als Fricka. Sie ist treu sorgende Ehefrau, Mutter, die die gesamte Bagage zusammen hält, und kann auch genauso schnell zur mahnenden Furie werden. „Wotan, Gemahl, erwache“ hat man wohl selten so warmherzig und verständnisvoll gehört. Die Sorge, der Ärger über den überheblichen, undurchdachten Bauwahn ihres Mannes kann sie noch früh genug ausleben. Freia dagegen versteckt sich unter dem Bett, als ihr klar wird, welches Schicksal dämmert. Kurze Zeit später wechselt sie in die Eskapismus-Strategie und kippt Champagner an der Bar. Der virile Donner des Piotr Prochera bekommt noch etwas mehr Männlichkeit durch mächtig behaarte Schultern, während Khanyiso Gwenxanes Froh mit prätentiös asymmetrischem Afro und Glitzerhosen aussieht wie Prince.

Der Auftritt der Riesen erfolgt zunächst nur auf der Leinwand über dem Waggon. Von dort kommentieren sie mit Blicken das Geschehen, während Joachim Gabriel Maaß (Fasolt) und Michael Heine (Fafner) aus dem Off zu hören sind. Das Video von Bernhard Kleine-Fauns ist perfekt getimed. Der durchaus schon komische innerfamiliäre Zwist der Götterschar bekommt richtig Drive, sobald Cornel Freys Loge dazukommt. Dass er diese Rolle – wie alle anderen – als Debüt singt, wirkt schier unglaublich. So souverän und facettenreich gestaltet er die Partie, findet neben den spitzen, hinterhältig hervorschnellenden Attacken auch immer wieder zu großer, fast lyrischer Klangschönheit. Die urkomische Götterkomödie erreicht ihren Höhepunkt und bleibt dabei immer ganz nahe an Wagner.

Konventioneller als die ersten beiden Bilder ist Michael Schulz’ Version von Nibelheim. Unter dem Spielzeit-Schwerpunkt „Arbeit“ erzählt er mit seinem „Rheingold“ auch vom Ende des Bergbaus. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Stollen langweilig würde. Szenische Herausforderungen wie die Verwandlungen Alberichs werden mit großer Leichtigkeit gelöst. Zuletzt nimmt er uns zurück mit nach Walhall, wo ein Festkomitee wartet, dass Wotan das rote Band durchschneidet und die Kinder eine selbstgemalte Regenbogenbrücke überreichen.

Zuvor allerdings liefert die Inszenierung noch eine der bemerkenswertesten Ideen – neben vielen anderen, wie der der zwei Raben Hugin und Mugin, die immer dann auf Wotans Schultern Platz nehmen, wenn es besonders staatstragend wird. Erda erscheint nicht leibhaftig, sondern fährt in Fricka, und spricht mit fremder Stimme aus ihr. Mit „Was willst du, Wütender?“ verschwindet die Besessenheit. Was Almuth Herbst hier an stimmlichem Wandel und spielerischer Kunst liefert, ist überragend und gibt dieser originellen szenischen Idee etwas Zwingendes.

Neben der durchweg herausragenden Personenführung gelingt es darüber hinaus Michael Schulz, eine weitere große Erzählung in den Projektionen zu platzieren. Zeigefingerfrei und leichthändig schildert er dort den skrupellosen Umgang mit der Natur am Beginn der Industrialisierung, den Niedergang der Industrie und Übergang zur virtuellen Kapitalwirtschaft. Die Rheintöchter demonstrieren hilflos dagegen und Mime hat längst auf Alberichs Geheiß das Gold zu Rüstungsgütern geschmiedet – Krieg als Reichtum der neuen Zeit.

Wenn dann ganz zuletzt tonnenschwer der Mythos auf die Zuschauer zurollt, ist klar, dass Michael Schulz sich sehr bewusst ist, dass er hier ein wirklich großes Welttheater erzählt hat. Dass diese Größe ihm und seinem Ensemble so leicht, selbstverständlich, musikalisch auf hohem bis höchstem Niveau und oft komisch gelingt, ist überragend.

 

Termine: 18., 24., 30.5.; 2., 9., 20., 30. Juni

 

www.musiktheater-im-revier.de

Bühne
05 / 2019

„Rheingold“ in Gelsenkirchen

Von: Honke Rambow