Foto: Heinrich Brinkmöller-Becker

Ruhrtriennale mit Heiner Goebbels

„Everything That Happened And Would Happen“ fragmentiert Europa in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Heiner Goebbels eröffnete 2012 seine Ruhrtriennale-Intendanz mit der Inszenierung von John Cages „Europeras 1&2“. Einem Musiktheater, das die Geschichte der europäischen Oper fragmentiert und dem Zufall eine Neuordnung überlässt, in der es keine Intention, keine große Erzählung geben kann, jenseits der, die sich jeder selbst schafft. Cages ironischer und gleichzeitig liebevoller Kommentar zur europäischen Opern-Tradition bezieht seinen Reiz aus dem nachvollziehbaren Konzept und den klaren Regeln, die das Material ordnen, ohne jemals Sinnzusammenhänge herzustellen.

Nun recycled Goebbels die seinerzeit von Klaus Grünberg entworfenen Bühnenbilder für die Neuproduktion „Everything That Happened And Would Happen“. Nicht mehr die spielerische Zerstörung der europäischen Operntradition, sondern Fragmente der europäischen Geschichte der vergangenen 100 Jahre sind nun das Thema. Eine Geschichte voller Brüche und Katastrophen, wie wir wissen. Einen Bruder im Geiste des Fragments findet Goebbels in dem tschechischen Autor Patrik Ourednik und seiner Chronik „Europeana“, die dem Groß-Happening die Textebene liefert. Vorrangig in Englisch, aber auch Deutsch, Spanisch, Französisch und Griechisch werden Ouredniks Texte gelesen. Nicht immer, aber doch oft, werden sie übertitelt, was den Eindruck des Fragmentarischen zusätzlich verstärkt. Als drittes Element gesellen sich Videoeinspielungen hinzu – unkommentierte Nachrichten-Bilder des Senders „Euronews“, die dort im Format „No Comment“ ausgestrahlt werden.

Das Bühnengeschehen, das Goebbels erdacht hat, folgt dem schlichten Schema von Auf- und Abbau. Die zwölf Performer*innen rollen ständig etwas herein, knüpfen Prospekte auf und ab und schieben wieder Dinge an den Rand, nur um sogleich von vorne zu beginnen. Gelegentlich, wie in einer Choreographie fahrbarer Postamente, gehen die Szenen auch mal über das reine Bühnenarbeiterhandwerk hinaus. Hübsch anzuschauen ist das Geschehen meist dann, wenn es gezielt mit Licht spielt: Ein Tunnel aus Bühnennebel gehört dazu, die schattenhaft auf den Zuschauer zurollenden Stelen des Holocaust-Mahnmals und das an Barcodes erinnernde Streifenmuster, das den gesamten Raum in Schwingung versetzt. Die fünf Musiker*innen, die am Bühnenrand auf Podesten sitzen, unterlegen das alles mit einem durchaus atmosphärischen Geräusch-Teppich auf Schlagwerk, Ondes Martenot, Saxophon und E-Gitarre.

Das Fragmentarische des Abends mag Prinzip sein und sich aus dem Thema ergeben, es kann auch als Referenz auf Cage gelesen werden, ermüdend ist es trotzdem. Die fast lieblos aneinander geklebten Bilder sind oft zu leer, zu geschmäcklerisch, als dass die Lücken dazwischen zum Denkraum werden könnten. Je länger es dauert, um so mehr wird dieses Musiktheater zur Bühnentechnik-Show, die mal mehr und mal weniger überraschend ist. Toll, dass die Felsbrocken so authentisch poltern, aber gar nichts kaputt geht, wenn sie zwischen den Musikern herumkullern. Hübsch, wie die Plastik-Transportboxen innen kalt leuchten. Dass dann die Performer Luftpolsterfolie daraus hervorholen und ploppen lassen, ist ein dankenswerterweise nur ganz kurzer Anflug einer längst vergangenen Klangforschungs-Avantgarde.

Der Abend, der über zwei Stunden jeden Spannungsbogen, jede dramaturgische Verknüpfung und eigentlich auch basales szenisches Handwerk konsequent und wohl bewusst verweigert, findet sein Ende dann doch noch in einem veritablen Kulminationspunkt. Zu anschwellendem Getrommel und Gitarren-Feedback, als wäre man auf einem Konzert der Krautrocker von Amon Düül II gelandet, schleppen die Performer*innen immer mehr Dekorationsmaterlial herein. Die Ruinen Europas werden da Stück für Stück aufgeschichtet. Schmuck qualmt es aus einem in Schräglage gestürzten Plastikrohr. Ganz hinten ziehen (Video)-Vögel an Sprossenfenstern vorüber. Dieses Finale kommt so plump und erwartbar daher, dass es kaum zu fassen ist. Ein Finale wie es eigentlich nur blutige Theateranfänger erfinden können. Alles zuvor war vielleicht altbacken in seinem überholten Avantgarde-Gestus, zu dem auch das Vertrauen darauf gehört, dass das Fragment allein durch seine Unvollkommenheit schon bedeutungsvoll sei. Es war vielleicht ermüdend in seiner zur Schau gestellten Ungeformtheit – dieses Ende allerdings, macht „Everything That Happened And Would Happen“ zu einem wirklich ärgerlichen Abend.

 

Wieder am 25. und 26. August, Jahrhunderthalle Bochum, www.ruhrtriennale.de

Bühne
08 / 2019

Ruhrtriennale mit Heiner Goebbels

Von: Honke Rambow