Installation von William Forsythe. Foto: Julian Gabriel Richter

Ryoji Ikeda: test pattern [100 m version] © Wonge Bergmann für die Ruhrtriennale, 2013

Robert Wilson inszeniert das »Mädchen mit den Schwefelhölzern«. Foto: Lucie Jansch

Douglas Gordon: Silence, Exile, Deceit © Douglas Gordon / Ruhrtriennale / VG Bild-Kunst, Bonn 2013. Foto: Studio lost but found / Frederik Pedersen

RUHRTRIENNALE: PROGRAMM-TIPPS

Das Festivalprogramm 2013 in Auswahl

 

 

MUSIKTHEATER

»DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN« 

Robert Wilson verantwortet nicht nur Regie, Bühne, Kostüm und Licht-Design, sondern performt auch selbst, gemeinsam mit Angela Winkler. In der Jahrhunderthalle kann die Idee des Komponisten Helmut Lachenmann ideal verwirklicht werden, das Publikum wie in einem Ring von Musikern und Sängern zu umkreisen und so einen geschlossenen Klang-Raum herzustellen. Visuell werden Bilder von Kälte und kontrastierender Wärme die Temperatur sinken bzw. steigen lassen. Auf dem Märchen von Hans Christian Andersen sowie auf Texten von Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci basierend, gilt das 1997 uraufgeführte Werk auf  Grund seiner Klang-Aura als Solitär des modernen Musiktheaters. Das hr-Sinfonieorchester dirigiert Emilio Pomàrico.

14., 18., 19., 20. bis 22. September 2013,  Jahrhunderthalle Bochum. www.ruhrtriennale.de


 »LE SACRE DU PRINTEMPS« 

Im Jahr seines 100. Geburtstages darf dieses Schlüsselwerk der Moderne von Igor Strawinsky nicht fehlen, obgleich es bereits 2012 der Ruhrtriennale von Laurent Chétouane zum Opfer gebracht worden war. Chétouane hatte den »Sacre«, der 1913 im Pariser Théâtre des Champs-Elysées unter Tumult von Vaclav Nijinsky skandalfreudig herausgebracht und seither in exemplarischen Choreografien von Maurice Béjart und Pina Bausch, Uwe Scholz und jüngst Sasha Waltz gestaltet wurde, apollinisch geklärt. Von Romeo Castellucci darf man eine dionysische Version erwarten: ohne Tänzer (!), dafür mit 100-köpfigem Orchester (MusicAeterna unter Teodor Currentzis / Oper Perm). Angekündigt wird ein »molekularer Tanz« aus tierischem Knochenstaub.

5. & 6. Oktober 2013, Jahrhunderthalle Bochum.  www.ruhrtriennale.de

THEATER

 FORCED ENTERTAINMENT IN   »THE LAST ADVENTURES« 

Die 1984 gegründete Gruppe »Forced Entertainment« zählt zu den maßgeblichen Theaterneuerern in Großbritannien und Europa und Pionieren der sogenannten Live Art, eines Theaters, in dem es nicht um Figuren und Rollen, nicht um eine Geschichte und ihre Dramatik geht. Sondern um Präsenz auf der Bühne als einem emotional aufgeladenen Raum. Um eine Art gesteigerten Lebens mithin.

Klar, dass einfach bloß Herumstehen da nicht reicht, also werden Rollen an- und wieder ausgezogen, probiert man, diese und jene Mini-Geschichte ans Laufen zu kriegen oder befragt sich gegenseitig. Denn wenn man schon keine Gewissheiten mehr hat – Fragen hat man. Eine Forced Entertainment-Show sieht immer wie eine nicht endende Probe aus. Oder eben wie ein Abenteuer.

»All unsere Stücke entstehen aus dem Blödsinnmachen«, sagt Tim Etchells, der Kopf der Truppe: »Falls ich etwas von Performance verstehe, was ich manchmal bezweifle, dann basiert das auf der unglaublich langen Zeit, die ich im Probenraum verbringe. Jede Theorie basiert darauf, dass ich stundenlang zuschaue, wie Menschen in einem Raum lächerliche Kostüme tragen und lustige oder traurige Sachen tun.«

Etchells ist ein sehr reflektierter Mensch, sehr kundig in Theatertheorie. Doch die Inszenierungen (?) von Forced Entertainment sind so ziemlich das Kurzweiligste, Witzigste, Irritierendste, was es auf dem Theater gibt. In »The Last Adventures«, entwickelt für die Ruhrtriennale, geht es ums Erinnern, um Science Fiction, Mythen, Märchen und Groschenromane, um Rausch und um Stillstand – also um das, um was es bei Forced Entertainment eigentlich immer geht. Sie klauben den Abfall unseres symbolischen Lebens auf und transformieren ihn zu neuen Landkarten und neuen Legenden. Mit dabei: Der libanesische Klangkünstler Tarek Atoui. Er baut ein elektronisches Instrument, das auf das Spiel der Akteure reagieren kann. Die sprechen Englisch, doch wie Etchells immer sagt: »Uns begreift jeder, der mit einem dauernd eingeschalteten Fernsehapparat aufgewachsen ist.«

5., 6., 7. und 8. September, Maschinenhalle Zweckel, Gladbeck. www.ruhrtriennale.de

BILDENDE KUNST / VIDEO


 DOUGLAS GORDON IN DER MISCHANLAGE 

Dieser unglaubliche Ort erinnere ihn an die Situation in seiner Heimat Schottland nach dem Krieg, sagt Douglas Gordon über die Mischanlage der Kokerei Zollverein, an das Schweigen der Landschaft nach dem Verschwinden der Industrie, an das Exil der Arbeiter. Hier, wo im letzten Jahr die israelische Künstlerin Michal Rovner ihre ungeheuer suggestive Video-Arbeit »Current« verwirklichte, wird diesmal der 1966 in Glasgow geborene Gordon sein »Silence, Exile, Deceit« installieren, eine »industrielle Pantomime« über die »Stille« danach, das »Exil« der Akteure und den »Betrug« an ihrem Leben.

Douglas Gordon, Turner-Preisträger von 1996, ist vor allem durch seine Extremfilme »24 Hour Psycho« sowie »Zidane: A 21st Century Portrait« bekannt geworden; bei ersterem dehnte er 1993 Hitchcocks Film »Psycho« auf eine Einzelbild-Diaschau von 24 Stunden aus – die atemberaubende Dramatik des Originals wurde dadurch vollständig zerstört. Für »Zidane« nutzte Gordon nicht mehr vorgefundenes Material, sondern filmte (zusammen mit Philippe Parreno) den damaligen französischen Nationalspieler Zinédine Zidane über die Zeit eines Fußballspiels und zeigte ihn völlig vom Spiel selbst isoliert.

Auch für seine Video-Installation für die Ruhrtriennale hat Gordon neues Filmmaterial gedreht, als Akteure treten eine Cellistin, eine Sopranistin und eine sehr junge Schauspielerin auf. Sein Material für »Silence, Exile, Deceit« sind: Stimme, Körper, Seile, Vögel, Klänge, Rauch, Spiegel, blendendes Licht, dunkelste Dunkelheit. Sagt er.

Douglas Gordon ist übrigens auch wieder mit seinem »Monument for a Forgotten Future« bei der »Emscherkunst 2013« zu sehen.

23. August bis 6. Oktober, Mischanlage der Kokerei Zeche Zollverein, Essen. www.ruhrtriennale.de


 INTERAKTIVE INSTALLATION   VON WILLIAM FORSYTHE 

Vielleicht muss man es selbst mal erlebt haben. Vielleicht muss man selbst mal gespürt haben, wie man durch maximale Konzentration ideale Bewegungsabläufe vorausberechnet, wie Intelligenz Choreografie erzeugt. Und vielleicht erfasst man dann beim nächsten Besuch eines Stückes von William Forsythe ein klein bisschen mehr von den rasend schnellen Kurbel-Schraub-Schlenker-Komplexitäten seiner Bewegungsabläufe. »Nowhere and Everywhere«, so der wie üblich ein klein bisschen in sich verdrehte Titel einer »Mini-Forsythe-Retrospektive«, die das Museum Folkwang im Rahmen der Ruhrtriennale präsentiert.

Es sind drei interaktive Arbeiten,  die ganz physisch mit dem Bewegungsdenken des Starchoreografen konfrontieren. Etwa seine genialen, vor bald 20 Jahren entstandenen »Improvisation Technologies«:  eine Computerinstallation, in der mit filmischen Sequenzen und grafischen Mitteln Ideen für Improvisationen gegeben werden. Man nehme sich etwa das schlichte Thema »Linie« vor, heißt es da in einem Kapitel: In kurzen Filmclips knetet, hüpft, kratzt, punktet Forsythe Linien in den Raum, lässt jedes Körperteil eine solche Linie legen, fügt die einzelnen Möglichkeiten seriell zusammen und es entsteht – eine Choreografie.

Klingt nach »Punkt, Punkt, Komma, Strich«, wirkt aber beim Weiterklicken letztlich doch so komplex wie die Rechenleistung eines Autisten-Hirns. In einem anderen Raum, der neu gebauten großen Museumshalle, schwingen 400 Pendel »Nirgends und Überall« als bewegtes Labyrinth, durch das die Besucher wandern sollen ohne von einem Pendel berührt zu werden – und wer nicht tanzt, verliert.

24. August bis 8. September, Museum Folkwang Essen. www.ruhrtriennale.de

KONZERTE


 ZEENA PARKINS & IKUE MORI 

Dass man es im digitalen Zeitalter selbst per Laptop nach oben in der Avantgarde-Szene schaffen kann, ist nicht verwunderlich. Mit einer elektrischen Harfe mag der Weg schon beschwerlicher sein. Doch Zeena Parkins gelang, was andere nicht mal mit Gitarre oder Saxofon schaffen. Die Amerikanerin gehört seit drei Jahrzehnten in New York zum prominenten Downtown-Zirkel um Yoko Ono, John Zorn und Fred Frith. Jüngst war sie mit Björk unterwegs. Mit einer weiteren Musikerin ist Parkins seit mehreren  Projekten liiert: Die Japanerin Ikue Mori gilt am Drum-Computer und am Laptop als Pionierin und nimmt Engagements etwa beim Ensemble Modern wahr. Bei ihrem Gastspiel lassen es Parkins & Mori pulsieren; sie generieren bei ihren Improvisationen songartige Gebilde zwischen Jazz, Rock und Noise.

26. August 2013, Zeche Carl, Essen. www.ruhrtriennale.de


 GAVIN BRYARS 

Mitte der 1960er Jahre war Gavin Bryars mit seinem Kontrabass einer der führenden Künstler im improvisierten Jazz. Mit Gitarrist Derek Bailey und Schlagzeuger Tony Oxley bildete er ein legendäres Trio. Die Begegnung mit John Cage wurde zum Wendepunkt in seinem musikalischen Denken und Schaffen. So schrieb er nach heftigen Sound-Explosionen bald hochpoetisch strukturierte Kompositionen. Bryars hat u.a. Werke für das Hilliard Ensemble und den Choreografen William Forsythe komponiert. Zwei seiner bekanntesten Orchesterwerke stehen im Mittelpunkt des Konzerts der Bochumer Symphoniker unter Anu Tali.

1969 schrieb Bryars mit »The Sinking of the Titanic« sein erstes großes Stück. Mit den minimalistischen Wellenbewegungen und Motivwiederholungen hatte er sein Grundvokabular gefunden, das er zwei Jahre in der noch erfolgreicheren Komposition »Jesus’ Blood Never Failed Me Yet« ausarbeitete. Außerdem zu hören ist »Requies« für Kammerorchester vom Italiener Luciano Berio, der wie Bryars eine einzige Melodie einem Prozess ständiger Repetition und Verwandlung unterzieht.

6. & 7. September 2013, Gebläsehalle Landschaftspark-Nord, Duisburg. www.ruhrtriennale.de


 ARDITTI QUARTET 

Obgleich dem englischen Arditti Quartet oft neue Partituren zuflattern, die uraufgeführt werden wollen, kehrt die Gruppe gern zu Altbekanntem zurück. Dazu gehören die Streichquartett-Werke von Alban Berg sowie Witold Lutosławskis einziger Beitrag für die kammermusikalische Königsgattung. Berg und Lutosławski spielen die Ardittis zwei Mal unter unterschiedlichsten Bedingungen. Im Film-Konzert der Quay Brothers begleiten sie mit dem Quartett des Polen die Uraufführung eines Kurzfilms und präsentieren mit Bergs »Lyrischer Suite« eine Art Liebesfilm fürs Gehör. Tags darauf tritt das Arditti Quartet solo auf. Neben dem miniaturhaften Streichquartett op. 3 von Berg sowie Lutosławski wagt es sich erneut an das 2. Streichquartett »Reigen seliger Geister« von Helmut Lachenmann. Anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution entstand 1989 ein Werk, das mit außergewöhnlichen Spieltechniken beklemmende Ruhe ausstrahlt.

22. September 2013,Gebläsehalle, Duisburg. 23. September, Zeche Carl, Essen. www.ruhrtriennale.de

 

Bühne, Kunst, Musik
08 / 2013

RUHRTRIENNALE: PROGRAMM-TIPPS


kultur.west Gezwitscher