Auf dem Karussell. Foto © Andreas Pohlmann

Um Gottes Willen

Ruhrtriennale: Von Moses bis Hiob – Wege ins Gelobte Land

Texte: Andreas Wilink

//   Er ist, sie sind mitten uns – allgegenwärtig, unsichtbar, unauslotbar. Das Publikum verschmilzt mit den auf den Tribünen einzeln verteilten Ensemblemitgliedern des Chorwerks Ruhr zur zentralen Idee des Bundes. Wir sind ein Volk: das jüdisch biblische von »Moses und Aron«, wie es Arnold Schönberg komponiert und Willy Decker imposant zur Eröffnung seiner ersten Ruhrtriennale inszeniert hat (letzte Vorstellung am 2. September). Suggestiv der geschlossene und sich öffnende, vertiefende Raum der Jahrhunderthalle, in dem die akustische und szenisch sinnliche Realisierung ideal korrespondiert mit dem geistigen Gehalt des Werkes. Der ort- und körperlose Gott erfüllt sich nicht im Abbild, sondern will als geis-tiges Prinzip gedacht werden, rein wie ein leeres weißes Blatt Papier. Der Abstraktionsgedanke setzt sich in weiteren Produktionen der Ruhrtriennale fort, die wir im Folgenden vorstellen, darunter Pasolinis »Teorema« und Joseph Roths »Hiob«. Und welchen Fragen stellt sich Israel heute?   //


In der Wüste

Pasolinis »Teorema« von Ivo van Hove & der Toneelgroep

//   »Teorema« beginnt mit einer Verkündigung: »Ankomme morgen«, besagt das Telegramm. Qui venit in nomine domini? Ein Engel, nur ein Stricher, oder doch der Erlöser? Jedenfalls ist dem die Familie des Industriellen Paolo heimsuchenden Fremden (bei Pasolini spielt ihn Terence Stamp, bei Ivo van Hove der junge Marwan Kenzari) die Ikonografie des Heilands eingeschrieben. Er gleicht dem himmlischen Bräutigam, begehrt in fetischisiert mystischer Verzückung.

Für Pasolini, sagt der Toneelgroep-Dramaturg Willem Bruls, sei er ein Gott – aber nicht Christus, sondern Dionysos oder Jehova, der sinnliche Gott des Rausches oder der biblische Rachegott. Als erste verfällt ihm das Hausmädchen Emilia. Sie wird ihr entfremdetes Bediensteten-Dasein verlassen, geht zurück ins bäuerliche Italien, um fortan wundertätig zu wirken: eine Heilige und Büßerin. Aber das Proletariat der Scholle kann auch nicht zur Erlösung führen. Lösungen gibt es nicht.

Auch Sohn und Tochter, beide Opfer der Elterngeneration, empfangen einen Impuls: Er wird Maler, bleibt aber in kreativen Krisen stecken, seine Schwester erliegt dem Wahn. Als nächstes muss die Mutter dran glauben, die nach der Begegnung mit dem »Wunderbaren« ihrem sexuellen Trieb ausgeliefert ist und sich auf der Straße Gigolos aufliest. Schließlich wird auch der Herr des Hauses berührt von der Anwesenheit des Gastes.

Wie in »Moses und Aron« findet bei Pasolini, dem homosexuellen katholischen Kommunisten, ein Exodus statt. Die industrielle Gesellschaft hat sich überlebt, die Krise des Kapitalismus ist virulent. Aber der Klassenkampf wird hier metaphysisch ausgetragen.

Pasolinis Theaterstück, Roman und Film »Teorema« von 1968 hat die Form eines Experiments: allegorisch, melodramatisch, poetisch und politisch. Die Toneelgroep interessiert sich mehr für die Parabel als für das Pamphlet, für die »condition humaine«, wie Bruls sagt, weniger für das Ideologische: »Das war uns zu ’68«, zu altmodisch gedacht: »Man kommt nicht eins zwei drei aus dem System heraus.« Zumal Pasolini selbst ideologiekritisch genug war, um pessimistisch spöttisch auf den Fortschrittsglauben zu reagieren und dessen Paradoxien zu erkennen, wenn er an den Mailänder Werkstoren die Arbeiter hören lässt: »Ihr Chef hat euch seine Fabrik geschenkt«.

Ein Problem ist die reduzierte Sprache des Films. Es gibt kaum Dialog. Wie lässt sich also das Material auffüllen? Van Hove und Bruls wussten, dass »Psychologisierung nur anekdotisch wirken« würde und eigene Texte gewissermaßen »Verrat an Pasolinis Purheit« bedeutet hätten. Sie fügen ihrer Fassung Prosa-Fragmente aus dem »Teorema«-Roman hinzu, so dass die Charaktere anfangs in der dritten Person von sich sprechen, bevor sie zu handelnden Ichs werden.

Paolo, der Padrone, entledigt sich seiner Kleider und wandert nackt in die Wüste. Sein Schrei beendet die moderne Legende. Die monadischen Mitglieder der Familie, plötzlich mit sich selbst konfrontiert, werden sich ihrer inneren Leere, Gleichgültigkeit, Beziehungs- und Nutzlosigkeit bewusst. Pasolinis Requiem auf das dekadente Bürgertum (musikalisch begleitet von Ennio Morricone und Mozarts Agnus Dei) ist hermetisch und kristallin vieldeutig. Hinter der Verführung und moralischen Verirrung, die der Fremdkörper provoziert, steht das Revolutionäre als Libido und erotische Kraft: Ausweg aus dem spirituellen Niemandsland und dieser Negativ-Utopie?   //

Jahrhunderthalle Bochum, Premiere: 18. September, Vorstellungen bis 26. September


Auf dem Karussell

Joseph Roths »Hiob«, neu erzählt von Johan Simons

//   »Ein ganz alltäglicher Jude«, heißt es bei Joseph Roth über seinen Romanhelden »Hiob«, den im russischen Zuchnow lebenden Lehrer Mendel Singer, Vater zweier Söhne, einer Tochter und des Jüngsten, des von seiner Frau Deborah geborenen Schmerzenskindes Menuchim. Der biblische »Hiob« ist der von Gott mit Schicksalsschlägen geprüfte, Gott anklagende und schließlich von Gottes Gnade wundersam bekehrte Mann aus dem Land Uz. Bei Roth emigriert Mendel Singer vor den zaristischen Pogromen nach Amerika, um dort nach Leid, Schmerz und Trauer »von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder« überwältigt zu werden. Hiob in Asche, Hiob im Glück. Ein großer Gesang.

Bei Koen Tachelet, der »Hiob« für die Münchner Kammerspiele dramatisiert hat, und dem Triennale-Stammgast Johan Simons, der seine gefeierte Inszenierung als Gastspiel zeigt, ist es eine Moritat, abstrahiert, protestantisch spröde, episch erzählt mit der artifiziell schlichten Naivität eines Kindergeburtstages und von André Jung als Mendel Singer in die allerknappste Beiläufigkeit geführt.                                 

Ein Karussell steht auf Bert Neumanns Bühne, bunt behangen wie eine Bonbonniere mit Vorhang- und Tapetenstoff und beschriftet mit der Dreieinheit »Birth, Love, Death«, den Urformen des Lebens. Es dreht sich und kreiselt, wie auf einer altmodischen Kirmes und wie für eine »Liliom«-Atmosphäre. Gebetsmühlenhaft. Ein Theatervehikel, in Bewegung gesetzt zwischen Heimat und Fremde, Hoffen und Scheitern, Glaube und Zweifel, Weltlichkeit und Übersinn. Am Boden gekauert, zappelnd, um sich schlagend liegt ein Wesen: Menuchim (Sylvana Krappatsch), der kranke, stumme, spastisch verdrehte Knabe. Der Stein des Anstoßes, dem die Brüder – der künftige Bauer, der künftige Soldat – am liebsten die Luft abdrücken würden und ihn zum Sondermüll erklären. Aber Menuchim will leben, auch wenn der Vater hadert und die Gewissheit Deborahs nicht zu teilen vermag. Menachim wird einmal Künstler werden, auf dass die Schrift sich erfülle, die bei dem aufgeklärten Skeptiker Simons freilich nicht sehr bibelfest gründet.

Jahrhunderthalle Bochum, 3. und 4. Oktober

Auf vermintem Gelände

»Dritte Generation« von Yael Ronen

Kein Problem mit der Geschichte, der historischen Last, dem heiklen Für und Wider von politischer Korrektheit und Rücksichtnahme, dem Abwägen der richtigen Worte gegen falsche oder falsch zu verstehende Begriffe? Ist vielleicht doch etwas dran an der Gnade der späten Geburt? Wie steht’s um die »Dritte Generation« der Deutschen, der Juden und Palästinenser in Israel? »Die Essenz des Jüdischen ist die Ausnahme«, hat Else Lasker-Schüler einmal gesagt. Aber ist das nicht auch – über das Erwählte Volk hinaus, das wie unterm Brennglas das Allgemeine unter besonderen Umständen spiegelt –  Charakteristikum des Menschlichen überhaupt? Fragen über Fragen. In Yael Ronens work in progress springen zehn Schauspieler aus drei Ländern, Völkern, Kulturen mir nichts, dir nichts mit den Problemen um. Satirisch, locker, scheinbar unbeschwert jonglieren sie mit Tabus und dem sperrigen Vehikel der Instrumentalisierung einer belasteten Vergangenheit, auf deren Gebrauch Martin Walser etwa in seiner Frankfurter Friedenspreis-Rede selbst äußerst missverständlich hingewiesen hat.

Provokation ist vorprogrammiert, nicht beabsichtigt, jedoch  unausweichlich. In Berlin, bei der Premiere des multinationalen Projekts an der Schaubühne, legte ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde im Namen der Überlebenden des Holocaust Protest ein gegen die Gleichsetzung von Shoa und Heimatvertreibung der Palästinenser. In Tel Aviv, wo ebenfalls ein weiterer Arbeitsschritt der Produktion zu besichtigen war, verließ eine hohe Beamtin des israelischen Außenministeriums demonstrativ die Aufführung. Die Reflexe funktionieren, reagierend auf angebliches Aufrechnen von Schuld, Verdrängung und dem Vergleichen des Unvergleichlichen. Wie kann sich da nationale – und individuelle – Identität herausbilden, was ist erlaubt, was verpönt?

In Berlin betrat Niels Bormann das leere Betonhalbrund der Schaubühne, bestückt nur mit Stühlen für das Ensemble, und verhaspelte sich – ebenso verdruckst, hilflos und in seiner Haut unwohl wie nonchalant und präpotent – bei den vertrauten Floskeln und Phrasen der Betroffenheit. Das gesammelte Gestammel des schlechten Gewissens, das freilich unversehens in den verbotenen Bezirk neuerlicher Ausgrenzung, Diskriminierung und rassistischer Ressentiments driftet. Nirgendwo sonst außer noch bei der Deutschen Bahn sind Entschuldigungen billiger zu kriegen und öfter zu hören als  in ritualisierten Gedenkveranstaltungen zur »Vergangenheitsbewältigung«. »Dass auf deutschem Boden so etwas nie wieder geschehen dürfe …« – die leider immer häufiger wie gestanzt klingenden Feiertags-Formeln.

Bühne frei also für die Enkel der Täter und Opfer, die in einem anderen Sinn wieder selbst Täter und Opfer sind. Vermintes Gelände, über das sich Yael Ronen und die zehn Darsteller leichtfüßig – aber mit Ernst und Witz – hinwegsetzen in Form eines improvisatorisch spontan und übermütig wirkenden Jugend- und Körpertheaters, montiert aus Monologen und Gruppenszenen. Biografisches Material: Spurensuche in disparaten Lebensläufen mit ihren jeweils nationalen und familiären Mythen, Phantomen und Traumata, Verstrickungen, geknüpft aus Angst, Selbstmitleid oder Frust. Die Alltagskatastrophe als Kinderspiel. Jede These enthält ihre Antithese, jedes Argument kennt seine Widerlegung, eine Schlussfolgerung erweist sich sogleich als Kurzschluss. Feste Überzeugungen zerfallen vor unseren Augen und Ohren. Ein entwaffnender Abend.

Jahrhunderthalle Bochum, 3. und 4. Oktober

www.ruhrtriennale.de

Bühne
09 / 2009

Um Gottes Willen


kultur.west Gezwitscher