Wahnfrieds ewige Leier

Klaus Umbach lädt für die RuhrTriennale ins »Wagner-Stammlokal«

Am Mittag des 5. April 1945, ein Monat vor Kriegsende, bekommt das fränkische Dornröschen namens Bayreuth doch noch blutige Wunden. US-Bomben zerstören das Bahnhofsviertel und die Baumwollspinnerei, berieseln den Hofgarten und das heilige Anwesen der Wagners. Zwar bleiben die Gräber von Richard und Cosima Wagner ebenso verschont wie die ewigen Ruhestätten der Hunde und Papageien. Doch die Villa Wahnfried ist durch einen Treffer an der Gartenseite schwer beschädigt, historische Fotos zeigen ein kläglich eingesunkenes Dach. »Hier, wo mein Wähnen Frieden fand« (wie Wagners Worte auf der unbeschädigten Vorderfront lauten), wurde der Friede in den vergangenen zwölf Jahren brutal gestört: durch Winifred Wagners Pakt mit einem Teufel, den die Kinder liebevoll-verräterisch »Onkel Wolf« nannten; schließlich durch Deutschlands Götterdämmerung, der Wagner ohne seine Einwilligung die Begleitfanfaren lieh.

»Man kommt beim Thema Wagner um die NS-Vergangenheit nicht herum – auch nicht um die Art, wie Winifred die braune Leier mitgespielt hat.« Sagt Klaus Umbach und lässt die wachen Äuglein hinter der Nickelbrille blitzen. Sein Wähnen als Redakteur beim Spiegel hat vor fünf Jahren mit seiner Pensionierung Frieden gefunden – nicht aber seine Beschäftigung mit Wagner. Und weil er trotz aller kritischen Vorbehalte gegen Mann und Werk beim Anhören des »Ring des Nibelungen « und des »Tristan« »immer noch weiche Knie« bekommt, ließ er sich relativ leicht überreden, für die RuhrTriennale ein Stück über Wagner und Bayreuth zu schaffen. Arbeitstitel: »Wahnfried – ein deutsches Stammlokal«. In der Tat scheint dafür der Mann mit dem rheinisch dröhnenden Tonfall und der berühmt pointenreichen, wadenbissigen Feder genau der Richtige. Unter dem Titel »Richard Wagner – ein deutsches Ärgernis« versammelte Umbach schon 1982 Streitbare Wagner-Exegeten zum literarischen Schlagabtausch gegen Bayreuth. Und auch in seinem ersten Theaterprojekt dürfte die Wagner- Sippe blaue Flecken beziehen. Schon bei der ersten Triennale-Saison unter Jürgen Flimms Ägide gab es einen Versuch, den Geist der großen Meister im leicht antiquierten Genre des Mono- und Melodrams mit Klavierbegleitung heraufzubeschwören. Damals verkörperte der Bariton Thomas Hampson den kaiserlichen Hofdichter Lorenzo Da Ponte, Mozarts genialsten Librettisten; Text und Szenario stammten vom österreichischen Autor Gert Jonke. Diesmal nun ist Klaus Umbach der schöpferische Veredler einer schlichten Idee, die Flimm und der New Yorker Bass-Bariton Alan Titus im Schatten Wahnfrieds ausbrüteten. Alan Titus hat in Bayreuth fünf Jahre lang in Flimms ›Ring‹- Inszenierung den Wotan gesungen. Umbach: »Am Ende saßen die beiden dann wohl ziemlich frustriert in der Kantine auf dem Grünen Hügel und hatten die Nase gestrichen voll vom »Ring«, von der Wagner-Sippschaft und diesem fürchterlichen Gebläse um Bayreuth. Da wurde die Idee geboren, das Ganze mal auf die Schippe zu nehmen. Wobei Titus am liebsten alle Rollen übernehmen wollte – inklusive der Brünnhilde.«

Nun ist die Idee eines Zusammenstauchens der Tetralogie zur Ein-Mann-Ring-Show wahrscheinlich so alt wie die 130-jährigen Bayreuther Festspiele. Umbachs Aufgabe war es denn auch, das Wagner-Potpourri, das der Komponist und Pianist Moritz Eggert arrangieren und spielen wird, originell und sarkastisch zu verpacken. Als Schauplatz bot sich Wagners Villa Wahnfried an. Mit dem Geld seines nibelungentreu ergebenen Bewunderers Ludwig II. hatte sie sich der Meister nach langen Wander- und Exiljahren im Oberfränkischen errichten lassen. In dem Gründerzeitpalast, der zur Residenz der Familie und zum Treffpunkt der eleganten Welt wurde, siedelt Umbach seine Handlung an: »Alan Titus spielt einen pensionierten Gesangslehrer aus Milwaukee im Staate Wisconsin, kommt also aus der amerikanischen Walachei. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er in Bayreuth, um am geweihten Ort seine Liebe zu Wagner und seine künstlerischen Erfahrungen mit ihm zu krönen. Aber er kommt aus Wahnfried nicht mehr heraus und erlebt schreckliche klaustrophobische Zustände. Es erscheinen diverse Figuren aus dem Leben und den Werken Wagners. Und sie erreichen, dass sein Glaube an Wagner demontiert wird und der Mann am Ende durchdreht.«

Einmal mehr also soll »Die wunderbare Welt der Wagners« (dies der wagnerisch wabernde Untertitel) den unheilvollen Psychotrip eines unschuldigen Musikliebhabers verschulden. Und man darf annehmen, dass Cosima und Nietzsche, Wolf und Winifred dabei peripetische Rollen spielen werden. Zumal die Frauen stifteten den permanenten Treibstoff für Leben und Werk Richard Wagners, der 1883 in Venedig ausgerechnet bei der Arbeit an seinem Aufsatz »Über das Weibliche im Menschen« verschied. So stellt Umbach dem Sänger Alan Titus eine Schauspielerin gegenüber, die sich, je nach Bedarf, in die verschiedenen Protagonistinnen von Bayreuth verwandelt. Ob außerdem die im Feuilleton mit langen Messern geführte Diskussion um die Nachfolge Wolfgang Wagners zur Sprache kommt, will der Autor einem klärenden Wort von Jürgen Flimm anheim stellen. Der freilich habe bislang das Musik-Drama dem »Jung«- Dramatiker überlassen. Die Vorbereitung der Salzburger Festspiele, seine Inszenierung von Mozarts »Lucio Silla« in Venedig bewegt den Lustmenschen, Verbindungs-Mann, Erstligisten und Global Player parallel zum NRWLandesfestival. Ein wenig mehr Zuwendung könnte nicht schaden. Zumal der Theaterdebütant Umbach völlig uneitel zugibt, dass beim Schreiben für die Bühne Probleme auftauchen, gegen die sich seine flotte Journalistenfeder sträubt. »Ich ertappe mich auch bei der fünften Fassung noch bei Stellen, an denen ich sage: Das kann ich vielleicht im Spiegel schreiben, aber sprechen tut das kein Mensch so.«

Weniger Sorgen macht sich Umbach dagegen um die Zukunft von Wahnfried und Bayreuth. »Das Besondere an Bayreuth ist die Exklusivität Wagners und dieses ganze ritualisierte Drumherum. Das ist von einer fast grotesken Strenge, die an einen Orden erinnert. Andererseits sitzen da wirklich Leute, die ihren Wagner kennen, die seine Textbücher auswendig beherrschen. Deshalb denke ich – ganz anders, als es mein Stück suggeriert, dass Bayreuth noch leben wird, wenn vieles Andere im deutschen Musikleben längst pleite ist.«

Klaus Umbach, Wahnfried – ein deutsches Stammlokal. Die wunderbare Welt der Wagners. Musikalische Leitung, Arrangements, Klavier: Moritz Eggert; Inszenierung: Tina Lanik; mit Alan Titus. Jahrhunderthalle Bochum: Premiere am 27. August, Aufführungen am 29. und 31. August 2006. www.ruhrtriennale.de

Bühne
07 / 2006

Wahnfrieds ewige Leier

Von: Michael Struck-Schloen


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