»Verrücktes Blut«. Foto: Paul Leclaire

»WIR FANGEN IMMER WIEDER BEI NULL AN«

Eines von sieben »stücken« in Mülheim ist »Verrücktes Blut«. Seine Erfinder Nurkan Erpulat & Jens Hillje über deutsche Fragen, Migration und Integration, das postmigrantische Theater, türkische Küsse und andere Reizzonen.

INTERVIEW: ANDREAS WILINK

»Verrücktes Blut« wurde, seit seiner Uraufführung bei der Ruhrtriennale 2010, zum Renner der Saison. Eingeladen zum Berliner Theatertreffen und Heidelberger Stückemarkt, ist die Koproduktion mit dem Ballhaus Naunynstraße in Berlin auch eines der sieben »stücke« im Mülheimer Dramatikerwettbewerb. Die Macher von »Verrücktes Blut« sind – Treffpunkt: ein Café auf der Bergmannstraße in Kreuzberg – zwei freundliche Putschisten. Dramaturg Jens Hillje (geb.1968) ist kühl bei der Sache, Regisseur Nurkan Erpulat (geb. 1974 in Ankara) hat das heiße Herz. Andererseits, der Nüchterne verspeiste gerade einen Teller voll English Breakfast, der Hitzkopf trinkt nur Kaffee. Robespierre und Danton – man sieht, es geht halt schon mal durcheinander.

Und geht zu wie in »Verrücktes Blut«. Eine Lehrerin sieht rot, nimmt ihre Schüler in Geiselhaft und hält sie mit geladener Pistole in Schach. Der Film »La journée de la jupe« von Jean-Paul Lilienfeld paukt als Migrations-Thriller sein Pensum provokativ durch. Während der Film in der Pariser Banlieu spielt, wechselt die Theaterfassung zu hiesigen Klassenverhältnissen und findet mit Laien und Profi-Schauspielern ein anderes Konzept: raffinierter und reflektierter als die polemische Vorlage. Dramaturgischer Angelpunkt ist die Spielsituation selbst. Die Lehrerin (Sesede Terziyan) hat den Kotzbrocken Reclam-Heftchen mitgebracht: für den Projekttag Sturm und Drang mit Schillers »Räubern«. Das Drama über Rebellion, Mord, Liebe, Vaterland, Verrat und Treue handelt von dem, was die Jungs und Mädchen selbst betrifft. Aufklärung in Praxis.  

Ein Modellfall und Schaustück. So krass das Geschehen, wird doch gespielt – mit Identitätsmustern, Rollen, ethnischen Rissen, Klischees. Hinter jeder Position verbirgt sich eine weitere, konträre. 110 Minuten, die locker bleiben, aber nicht locker lassen. Ein Supermatch mit offenem Ende.

Vor dem Berliner Theatertreffen und dem Festival in Mülheim trifft K.WEST Hillje und Erpulat, die im Team bei der kommenden Ruhrtriennale Kafkas »Schloß« inszenieren und darin gewiss mehr als Probleme des Landvermessers K. mit Aufenthaltsgenehmigung, Behördenapparat und Autoritätshörigkeit erkennen werden.

K.WEST: Wer von Ihnen bekäme den Dramatikerpreis, haben Sie sich schon geeinigt, oder müssten Sie ihn mit Jean-Paul Lilienfeld teilen?

HILLJE: Ich glaube, Elfriede Jelinek wird wieder gewinnen.

ERPULAT: Ich habe noch nie einen Preis bekommen.

HILLJE: Alles, was bei unserem Stück dazu gekommen ist, bewegt sich weit weg von dem Film. Ich würde nicht sagen, dass es eine Adaption ist, eher eine Bearbeitung. Es ist schon eine komplizierte Autorenschaft, nicht etwas, was man normalerweise unter einer literarischen Stimme versteht. Für Mülheim tatsächlich ein etwas außergewöhnlicher Fall.

K.WEST: Die Sarrazin-Debatte ist Ihnen gerade recht gekommen. Sein Buch erschien am 30. August 2010, Sie hatten Premiere am 2. September.

(Beide lachen)

ERPULAT: Das haben wir so organisiert, im Kontakt mit dem Verlag von »Deutschland schafft sich ab«, und die Daten abgestimmt. Nein, im Ernst, »Verrücktes Blut« spielt mit dem Blick, nicht taktisch mit dem Markt …

HILLJE: … und entstand mit dem Humor, der Ironie und der Leichtigkeit eines sehr heißen Kreuzberger Sommers. Es gab kein Schielen auf irgendwas.

ERPULAT: Die Sicht auf die migrantische Jugend hat nicht Sarrazin erfunden. Die ist schon lange in Umlauf: dass vor allem männliche Jugendliche daran schuld seien, was in Deutschland schief läuft, Kriminalität, das schlechte Wetter, die Wirtschaftszahlen, vermutlich sogar ein Erdbeben. Aber das macht nur einen geringen Teil von Sarrazins Buch aus. Neu ist, dass er die Schuldfrage am IQ festmacht und rassisch erklärt. Dadurch wird es rassistisch.

HILLJE: Uns ging es bei »Verrücktes Blut« darum – darin besteht der Trick, dass wir Schillers »Räuber« und die rebellische Jugend nehmen, um eine historische Einordnung zu schaffen. Wir haben hier eine klassische deutsche Problemjugend. Es ist ein deutsches Phänomen, dass die Generationen stark voneinander geschieden sind. Das wurde leider etwas verdeckt durch die Sarrazin-Debatte und gerät mehr und mehr aus dem Fokus.

K.WEST: Die Geschichte wäre also vorstellbar unabhängig von einer auf Migranten fixierten Schülergruppe?

HILLJE: Kann ich mir gut vorstellen.

ERPULAT: Ja, unabhängig von ethnischer Zuordnung.

HILLJE: Interessant ist auch, dass die deutsche Figur innerhalb der Schulklasse gar nicht wahrgenommen wird, wie stark da die Projektion wirkt beim Zuschauer.

K.WEST: Sie begegnen Stereotypen mit deren offensiver Zurschaustellung und Übertreibung, dadurch unterlaufen Sie das Sensationsheischende und Pamphlethafte.

HILLJE: Wir nehmen die beiden großartigen Setzungen des Films auf: die Geiselhaft im geschlossenen Raum und die Situation, dass die Lehrerin – und Regisseurin – die Pistole in die Hand nimmt. Zwei theatrale Momente, mit denen man gern anfängt. Dann kehren wir die Sache gewissermaßen in ihr Gegenteil um, problematisieren zumindest die Schuldzuschreibung an die männlichen Jugendlichen. Argumentieren nicht so sehr psychologisch, eher sozial und politisch, gespeist auch aus Nurkans Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen. Außerdem hat es nichts mehr mit Frankreich zu tun, sondern setzt sich stark mit der deutschen Idee von Theater und Bildung auseinander.

K.WEST: Was, glauben Sie, löst die Wirkung von »Verrücktes Blut« aus?

HILLJE: Zunächst funktioniert es als Theaterabend in sich, weil der Trick sehr gut klappt. Einfach spannende Unterhaltung. Und durch die vielen Wendungen bekommt es eine gewisse Ambivalenz. Man wird auf einer intellektuellen Ebene angesprochen, wo sich ein Raum öffnet, der viele Streitfragen der letzten Jahre enthält, die sich nicht nur um Migration drehen. Letztlich geht es um die Selbstverständigung der Deutschen. Die Identitätsfrage, die seit der Neuregelung des Staatsbürgerrechts – jeder, der hier geboren wird und aufwächst, ist heute Deutscher – lautet: Was ist eigentlich Deutsch? Wer sind wir dann? Was hat es mit diesen neuen Deutschen auf sich? Da gibt es extreme und emotionale Abwehrreaktionen und zugleich das Gefühl, dass mit dieser Abwehr auch was nicht stimmt, jedenfalls nicht in die Zukunft weist.  

K.WEST: Thriller und politische Analyse – und dann auch noch Charade und Multiple Choice.

HILLJE: Das ist das seltsame Paradox mit Brechts Verfremdung: Ich spiel das jetzt nur so für Euch, aber wenn ich es mit Leidenschaft tue, ist es umso glaubwürdiger. Also muss doch was Echtes drin sein.

ERPULAT: Eine produktive Irritation. Wir haben übrigens in den Proben nie darüber gesprochen, wer diese Jugendlichen sind. Sondern nur darüber, wie sie gesehen werden. Über die Lehrerin erfahren wir viel mehr. Das letzte Drittel  bewegt sich weg von der realistischen Ebene, hin zur Dekonstruktion der Rollen-Erfüllung. Die Idee vom Gutmenschen, von guter Pädagogik – alles erledigt.

HILLJE: Das heißt auch: Wir spielen Euch jetzt Eure eigene Angst und den Wunsch, sie von uns repräsentiert zu sehen, vor. Eine weitere Verwirrung entsteht darüber, dass zwei Problemzonen zusammenkommen: Unterschicht und  migrantische Herkunft, ohne dass eins völlig vom anderen zu trennen wäre.

K.WEST: Womöglich haben Berlin und NRW eine Art Modellcharakter für die Debatten um die Kampfbegriffe Migration und Integration. Angeregt vom Schauspielhaus Bochum, gründet sich hier eine Zukunftsakademie, im Ballhaus eine Akademie der Autodidakten. Müssen Sie Sorge tragen, dass die Kunst vom Auftrag der kulturellen Bildung und soziokulturellen Aufgaben geschluckt wird?

HILLJE: Das ist schon ein für »Verrücktes Blut« nicht unerheblicher Konflikt. Das offene Kunstwerk gerät in die Ansprüche der Soziokultur. Für wen ist das gemacht, wer soll das sehen? Mittlerweile sind die Erwartungen, die an das Stück herangetragen werden, noch mal gewachsen. Als Antwort ist die Aufführung nie gedacht gewesen, zumal die Fragen, wie sie Sarrazin explizit stellt, in der Phase noch nicht formuliert waren.

ERPULAT: Wenn wir von Kulturpolitik und interkulturellen Projekten reden, sehen wir doch die Leute zwischen 35 und 70 überhaupt nicht. Was mich total ankotzt, ist dieses ständige Rekurrieren auf Zukunft, die totale Konzentra-        tion auf »next generation«. Als habe man die anderen, die Elterngeneration, ohnehin abgeschrieben, deren Leben so geschwärzt und erschwert war. Sie werden außen vor gelassen. Verdammt, seit 50 Jahren gibt es hier Migranten. Und seit gerade mal fünf Jahren wurde der Durchschnittsdeutsche darauf aufmerksam. Ich werde öfter als Berater in Fragen zur interkulturellen Öffnung eingeladen. Ein Beispiel: Bei einer Diskussion im Ministerium steht nach 15 Minuten jemand auf und sagt: Wir müssen aber auch über den Ehrenmord reden. In dem Moment hätte ich die Sitzung verlassen müssen. Alles wird in einen großen Topf geworfen. Das ist das Problem, die krampfhafte Doppelmoral. Dadurch zerstört man jedes Verhältnis – diesen Vorgang sieht man auch in »Verrücktes Blut«.

K.WEST: Wofür plädieren Sie, für mehr politische Stringenz und Reflexion, für legerere Geduld, klarere Diskurs-Linien?

ERPULAT: Ich plädiere dafür, dass wir alle erst mal den Arsch der ersten Generation küssen.

HILLJE: Du siehst das immer so moralisch. Das Grundmissverständnis der Einwanderung ist doch, dass Jahrzehnte lang keine Bürger geschaffen werden sollten, keine Einwanderer gewünscht, sondern Gastarbeiter gebraucht wurden. Aus handfesten Gründen. Es war für die Wirtschaft billiger. Das ist das ganze Geheimnis hinter dem Problem. Die Wirtschaft hatte sich entschieden, nicht alle paar Jahren zu rotieren und die Gastarbeiter auszutauschen, sondern sie zu behalten, weil sie angelernt waren, die Sprache gelernt hatten etc. Und hat es so geschafft, die Gewinne aus den Gastarbeitern zu privatisieren und die Kosten zu vergesellschaften. Kommuniziert wurde aber: Die sind einfach geblieben. Man befindet sich in einem Gespinst der Falschdarstellungen. Da würde ich Nurkan zustimmen: Das muss man aufklären und der Lüge überführen. Das wäre für mich die richtige Form der Anerkennung dieser Generation.

K.WEST: Das Ballhaus Naunynstraße und seine Projekte geben sich das Label »postmigrantisch«. Wieder so ein diffuser, heikler Begriff.

HIllJE: Es ist eher die Auseinandersetzung damit, wie sich eine Gesellschaft das Postmigrantische vorstellt, und meint eigentlich eine Kritik an den Verläufen des bestehenden Diskurses. Der Begriff, den ich lieber verwende, ist »neudeutsch«.

K.WEST: Es gab vor einigen Jahren im HAU (Hebbel am Ufer) ein Festival, dass sich »Beyond Belonging« nannte, also: dass man sich jenseits von Zugehörigkeit und Herkunft artikuliert. Wäre das ein Konzept, das Sie teilen?

HILLJE: Für eine Gesellschaft ist es schwer auszuhalten, dass sich etwas nicht auf einen Begriff bringen lässt. Für Künstler ist das wiederum ein extrem produktives Geschenk – eine Übergangssituation, die Berlin und das Ruhrgebiet  gemeinsam haben. Etwas lässt sich nicht definieren: Was kann einem Besseres passieren!

K.WEST: Bei Kafka würde von der »Naturwahrheit« von Triebverhalten und Leidenschaften die Rede sein. Welche Antriebskraft haben Sie, auch Hass?

ERPULAT: Es ist eine Antriebskraft des Künstlers. Ich habe in der Türkei genauso viele Sachen gehasst wie hier – und auf die Bühne getragen. Meine Eltern und ich haben gar keine Biografie in Deutschland. Ich bin erst seit 1998 in Berlin. Meine Großeltern waren Migranten in der Türkei, er aus Mazedonien, sie aus Bosnien. Migration kann eigentlich kein Thema sein. Keiner fragt, weshalb Hamlet seinen Onkel getötet hat. Ist das ein Familienmord? Es ist Theater. Ist die Reaktion einer Figur. Dafür bin ich nicht haftbar. Warum erwartet man von mir eine bestimmte Solidarität? Das liegt daran, dass jeder seine Idee dazu hat, was mit den Türken ist und was die alles machen sollen. Ein Thema kann Hass sein oder Liebe, Verrat oder Komplexe, die man hat, usw. Aber nicht Migration. Aristoteles wusste davon nichts. Wenn man über Migration redet, fängt man immer wieder bei Null an.  Das ärgert mich.

K.WEST: Dieses Ärgernis bezieht sich bei Ihnen vermutlich ebenso auf ein Wort wie Integration.

ERPULAT: Ja.

HILLJE: So, wie es benutzt wird, hat es etwas von einer Waffe. Interessant dabei auch, dass Migration völlig losgekoppelt ist von den Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Heimat weg mussten. Das sind doch Wanderungen großen Stils und Durchmischungen gewesen. Oder denken wir an die DDR und das Phänomen der Überanpassung. Merkwürdig, dass bei dem Thema solche Trennlinien eingezogen werden.

 


Mülheim »stücke«, 21. Mai bis 7. Juni 2011: Nurkan Erpulat/Jens Hillje »Verrücktes Blut« (Ballhaus Naunynstraße/Ruhrtriennale) + Lutz Hübner »Die Firma dankt« (Schauspiel Dresden) + Efriede Jelinek »Winterreise« (Münchner Kammerspiele) + Fritz Kater »We are blood« (Schauspiel Leipzig) + Oliver Kluck »Warteraum Zukunft« (Nationaltheater Weimar) + Kevin Rittberger »Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung« (Schauspielhaus Wien) + Felicia Zeller »Gespräche mit Astronauten« (Nationaltheater Mannheim)

www.stuecke.de

Bühne
05 / 2011

»WIR FANGEN IMMER WIEDER BEI NULL AN«

Von: ANDREAS WILINK


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