Foto: Markus J. Feger

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Zu Besuch bei den Beckmanns

Till und Lina Beckmann lesen am 27. April um 19 Uhr beim Literaturfest in der Essener Akazienallee. Grund genug, ein Porträt über sie hervorzuholen.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Eine Wohnung wäre gerade frei im Haus Nr. 52 auf der Wilhelm-Stumpf-Straße. Nils und seine Kleinfamilie, wohnhaft in Langendreer, könnten einziehen und das Beckmann-Quartett auch noch örtlich vereinen. Muss aber nicht sein. Sie sind sich auch so nah genug. Drei sowieso: neben-einander auf einer Etage und im Stockwerk darunter. Der Balkon an der Küche schaut aufs Gemäuer vom Schauspielhaus Bochum.

Maja hat es am wenigsten weit. Sie muss nur über die Straße, die andere Königsallee, um – seit zehn Jahren mit drei Intendanten – ins Schauspielhaus zu kommen, wo sie gerade Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« mit Anselm Weber probt. »Die Menschen kennen mich, ich bin nicht mehr neu«, räsoniert sie. »Eine weniger lange Geschichte könnte befreiend wirken, aber vielleicht funktioniert man woanders nicht.« Die älteste der Beckmanns (Jahrgang 1977) macht sich Gedanken. Auch vor unserem Treffen über die Absicht, die Geschwister gemeinsam zu porträtieren. Dem Autor ergeht es nicht anders. Will er doch keinen der Vier zu kurz kommen lassen.

Auch während des Gesprächs am Küchentisch in Linas Wohnung, das die kühle Innentemperatur mit Energie aufheizt, reflektiert Maja die Situation am häufigsten. Überlegt und abgeklärt. Wie es zu ihrem wie mit feinem Stift konturierten Gesicht passt. Eben die große Schwester, wenngleich die zierliche Person den Part rollengerechter an die robuster wirkende, ruhigere Lina (Jahrgang 1981) abtreten könnte. »Lämmchen« Maja. Wie in Falladas »Kleiner Mann – was nun?«, worin sie unter der Regie von David Bösch die Emma Mörschel spielt: beherzt, beherrscht, zart, schlicht und heiter, aufrecht und aufrichtig – Schwester Löwenherz.

Womit wir bei den Brüdern wären (ein dritter existiert auch noch, Malte, der ist in Berlin und nicht beim Theater). Nils und Till haben die todesmutigen »Brüder Löwenherz« gespielt und switchen von Astrid Lindgren um zu Bob Dylan, Charles Bukowski oder Friedrich Schiller: Nils (geb. 1983) als offen heller Held, Till (geb. 1985) als gebrochener, Schwächen herzeigender Charakter.

Eines stellt Maja klar: »In erster Linie sind wir Geschwister, kein Ensemble«. Nils springt bei: »keine Kelly Family und keine Marke«.

Bochum passt zu ihnen. Köln geht auch noch, wohin Lina 2007 von Karin Beier engagiert wurde. Auch der Geburtsort Hagen hat das richtige Aroma. Oder Wanne-Eickel. Dort, wo man nicht den Garten Eden vermutet, wuchsen die Fünf symbiotisch im »Kindheitsparadies« heran, das die Mutter nach der Trennung von Vater Beckmann einrichtete. Sie seien keine Spielplatzkinder gewesen, sagt einer der Jungs. Lieber schlugen sie im großen Garten ein Zelt auf. Schon der viertelstündige Schulweg, lacht Nils, hätte Unsicherheit bedeutet. »Wir waren ein bisschen weltfremd«, wirft Lina ein. Till kontert: »Das wurde aufgebrochen«. Sie hätten schon auch im Wäldchen am nahen Zechengelände gespielt. Brigitte-Kraemer-Milieu. Ralf-Rothmann-Szenerie – davon später mehr.

Glückliche Kindheit (der Fernseher fehlte im Haushalt). Was nicht heißen muss: glückliche Schulzeit. Auch in der Waldorfschule kann man sich schwer tun. Aber ein Luftgeist lässt sich nicht fesseln, nicht von Prospero, nicht vom Lehrplan. Ein Jahr vor dem Abitur verlässt Lina, die mit 14 Ariel in Shakespeares »Sturm« war, die Schule. Sie habe »sich richtig verliebt ins Theaterspielen«. Maja erging es ähnlich. Das Lob im Zeugnis, Fach Schauspiel, war ihr sehr wichtig, aber schon damals galt: »Maja ist regie-resistent«.

Lina macht ihre Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule, ein Engagement folgt am Schauspielhaus von Matthias Hartmann.

Lina, das Mädchen aus der Vorstadt. Naturpflanze, nicht überzüchtet, sondern widerstandsfähig. Eine Kaurismäki-Figur, deren Leuchten von innen her zu rühren scheint. So sehen auf Gemälden Alter Meister Heilige und Marien aus.

2002 reicht sie den Bochumer Hausausweis gewissermaßen an Maja weiter, die zuvor (damals schon junge Mutter) u. a. mit einem Tourneetheater und Kinderstücken unterwegs war. Gemeinsam haben die Schwestern in der Schauspiel-Eve-Bar noch das »Titanic«-Filmmelodram als Duett nachgestellt.

Humor ist, wenn die Beckmanns über sich lachen. Lina empfindet »unsere komische Seite als größte Stärke. Es gibt niemanden, über den ich so lachen kann wie über meine Geschwister«. Zur Beckmann’schen Vererbungslehre gehört, dass man Ambitionen hat, aber ohne Eitelkeit und elitäres Getue. Bloß nicht hochgestochen. Da sei Tana Schanzara selig vor, deren nach ihr benannten Theaterpreis Maja Beckmann erhalten hat.

»Miete zahlen, Kinder aufziehen, Schuhe kaufen und ab und zu einen Schnaps trinken«, zitiert Till im Blog den Schriftsteller Jörg Fauser. Kunst gehört zum Alltag, dafür braucht es nicht Schlips und Kragen noch Pumps. Es ist wie ein Lebensmittel aus dem Laden um die Ecke. Die Beckmanns nehmen es so, wie Ralf Rothmann seine Geschichten schreibt. Lebendig, warmherzig, nicht großspurig, aufmerksam für das, was am Weg liegt und gern übersehen wird. Lauter erste und letzte Sätze. Zum Beispiel: »Wenn du dich für die Freiheit entschieden hast, kann dir gar nichts passieren. Nie.« Das Zitat aus »Junges Licht« wählten die »Spielkinder« als Titel für ihren Rothmann-Abend zu viert.

Eifersucht kennen sie nicht. Man ist zu unterschiedlich. »Und hat sich zu gern«, sagt Lina. »Wir sind alle kein Arjen Robben«, sagt Nils. Keine Bolzer und Hardliner. »Dinge einfordern, ist nichts, was wir können«, sagt Maja, die von Kollegen berichtet, die beim Intendanten vorstellig würden für eine bestimmte Rolle. Lina wendet vorsichtig ein, als es um die Besetzung von Horváths »Kasimir und Karoline« in Köln ging, habe sie sich mal getraut, an die Titelfigur zu denken. Sie hat dann die Erna gespielt auf dem Rummelplatz der Gefühle, der auf der Gerüstbühne für Johan Simons’ Inszenierung nur eine provisorische Rückansicht mit Reklame-Schriftzug bietet: »Enjoy«. Lina als Erna ist fürsorglich, auch wenn’s weh tut, und scheint immerzu zu fragen, weshalb die Welt ist, wie sie ist?

Es tut wenig zur Sache, ob Lina in der A-Liga der Bühnen von Köln, Zürich (»Da hab ich mich fremd und wie im Urlaub gefühlt und war immer pleite«) oder demnächst vielleicht Hamburg spielt. Oder ob jemand in einer Theater-AG loslegt, in der Off-Szene aktiv ist, Workshops abhält, sich im Jugendtheater auspowert, literarische Revuen wie »Kohle, Kumpels und Kanal« veranstaltet und regionale Literaturwettbewerbe aufzieht und nebenbei noch allerlei um die Ohren hat. Wie Nils und Till (jeder mit abgeschlossenem Literaturstudium), die u.a. gemeinsam das Stück »Hast du ein Bild von dir« geschrieben haben. Hell im Kopf, freudig, authentisch sind sie und in ihrem Engagement selbstbewusst. Die Beckmanns machen einen Reviersport aus ihrer Lust am Theater und an der Heimat, ohne Kitsch, Pathos, verstiegene »Ruhr 2010«-Euphorie und dicke Fördergelder.

Maja, die Kluge, sagt: »Stadttheater ist Mittealter.« »Warum holen die nicht mehr aus ihren Möglichkeiten raus«, wirft Till ein und schüttelt den Lockenkopf über Strukturen und Hierarchien. Maja bewundert, »wie viel selbstständiger« die Brüder in ihrem Tun seien, während »wir alles geliefert bekommen im Luxus eines großen Hauses«. »Wir sind näher dran, direkter«, stimmen Nils und Till zu: »In den Flottmannhallen werden wir gefeiert wie im Popkonzert«. Aber! Nils kann eine Aufführung wie das Jelinek-Triptychon »Werk/Bus/Sturz« im »Schauspieltempel« Köln schon als »Krönung« empfinden: »800 Leute, mal richtig auf die Kacke hauen und die Bühne unter Wasser setzen. Bei uns würde gleich der Hausmeister einschreiten.« Lina wünschte sich nur, dass die Jungs »kostbarer angeguckt« würden von ihren Zuschauern, deren pubertäres Triebgebaren sich nicht selten im Fummeln am Handy und Loslassen dummer Sprüche äußere. »Das ist Nahkampf«, weiß Nils. 

Till, oft Initiator und quasi Dramaturg der Projekte, hat für sich »eine Nische gesucht« und sie lange in der Musik bei Schlagzeug und Percussion gefunden. Sein Publikum sitzt oft zum ersten Mal im Theater. Das ist wie die Erstkommunion und enthält »das Glück und den Zwang jugendlicher Sicht auf die Stoffe«. Übrigens, so Nils, funktioniere das mit Schülern von Haupt-, Gesamt- und Förderschulen viel besser – »aus denen platzt es heraus« (Till) –, als mit Gymnasiasten. Die würden in Diskussionen analytisch an das Gesehene herangehen, abstrahieren, wollen Punkte sammeln. »Dabei sind wir doch nicht der verlängerte Arm der Lehrer«, mault Till.

Lina bleibt oft lange still. Als horche sie in sich hinein. Jetzt ist sie dran. Wird auch Zeit. Dabei war schon 2011 ihr Jahr (2008 auch, da kam Sohn Karl zur Welt), als sie den von Eva Mattes kuratierten Alfred-Kerr-Darstellerpreis als bester junger Schauspieler des Berliner Theatertreffens erhielt und Kritiker des Magazins Theater heute sie als Schauspielerin des Jahres auszeichneten. Lina Beckmann tut jedem Ensemble gut. Sie spielt ohne Rücksicht auf eigene Verluste – nicht nur in ihren Rollen. Offenbar eine Familienkrankheit. Nach mancherlei Nebenfiguren (obwohl der Begriff ohnehin blöd und hier besonders fehl am Platze ist) hat sie in Köln nun eine zentrale, die Titelrolle als – seltsam genug – Fürst Myschkin, Dostojewskis »Idiot«.

Mit ihr verschiebt sich die Perspektive auf ein Stück und eine Figur. Man muss lang’ überlegen, um sich an eine ähnliche Schauspielerin zu erinnern. Rita Tushingham vielleicht, die in den 1960er Jahren mit großen Augen, die manches gesehen haben, furchtsam, aber dem Schrecken trotzend, durch die Welt ging. Blond wie Maja, sind beide es wie unabsichtlich.

Überhaupt ist Lina die Bescheidenheit in Person. Doch auf der Bühne zieht sie Aufmerksamkeit auf sich. Und wenn sie nur verlegen an den Ärmeln nestelt, als ob die zu kurz wären. »Gleichzeitig springt sie einen an mit ihrer Intensität und Strahlkraft«, so Eva Mattes in ihrer Preis-Begründung. Menschenskind, wie schafft sie das? Kein äußerer Aufwand. Häufig sogar unvorteilhaft ausstaffiert wie als Prekariats-Twen aus Ettore Scolas »Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen«, die Karin Beier in einen Container sperrte und uns frontal darbot. Hinter der traurig vulgären Gestalt, wie sie kaum TV-Krimis aus dem sozialen Sperrbezirk derart perfekt hinstylen, wohnte die Ahnung von einem komischen Gefühl. Das konnte auch der grobe Sex mit einem schmierigen Macker nicht ganz klein kriegen. Oder Tschechows Warja, die Frau mit der Schürze: ungeküsst, unbeachtet, unendlich allein und sich die Lippen blutig beißend in dem wirbelnden Kreisel, als den Karin Henkel den »Kirschgarten« auf die Bühne brachte.

Jetzt in ausgebeulten Hosen und mit Jutebeutel »Tramp« Myschkin, der mit einer Frau besetzt anderer Deutungshoheit unterliegt, obgleich bei diesem Gottesnarren chromosomale Zuteilung ohnehin nur eine geringe Rolle spielt. Lina als Myschkin, der unter die Menschen und deren Attrappen fällt, zuckt und krampft, lächelt friedlos freundlich, ist zaghaft schüchtern, hält sich staunend still und stoffelig und verklagt sich selbst in kindlich unverstellter Geste. So geht sie dahin wie ein Fleisch gewordener Bibelvers. Auf schmerzlich pathetische Weise liebt Myschkin die tote Seele Nastassja, die bei Lena Schwarz ein an ihrem nervösen Elan wund gescheuerter Vamp ist, auf zärtlich romantische Aglaia (von Jördis Triebel wundersam eigensinnig gespielt). Und liebt brüderlich als leidensdunkles, sich glücklos an Leidenschaft verzehrendes Ebenbild Rogoschin, den Charly Hübner als wuchtig intensiven Seelen-Samson stemmt.

Zum Abschluss im Beckmann-Land, nach drei herzlichen Stunden und manchen Faxen, noch ein Rothmann-Zitat. Sein Roman »Stier« beginnt mit: »An dem Tag, an dem mir auffiel, dass es nichts Zufälliges mehr gibt, war die Jugend vorüber.« Die Beckmanns haben den Zufall noch nicht aus ihrem Leben gesperrt. Jugend meint auch »Dreck im Gesicht«, wie ein Pottfiction-Projekt der »Kanalhelden« Nils und Till heißt. Es geht ums Nicht-Kalkulierbare.

www.beckmannkunst.de + https://correctiv.org/eventbrite-event/literaturviertel-akazienallee-eine-strasse-im-aufbruch +

 

Bühne, Köpfe in NRW
04 / 2019

Zu Besuch bei den Beckmanns

Von: ANDREAS WILINK


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