Wo man singt

Tom Waits’ »Woyzeck«-Adaption in Oberhausen

//   Während der Intendanz von Johannes Lepper 2003 bis 2008 war das Theater Oberhausen die finstere Kanzel angestrengter Zeitgeistbekämpfung; bei Ensemble, Zuschauern und Kritik wuchs der Unmut. Nun soll mit Peter Carp eine neue Zeit anbrechen, die beiden ersten Premieren seiner Intendanz (s. a. S. 26) weisen wieder ins Spielfrohe, Phantasiefreudige, vielleicht Heitere. Wie stark die Sehnsucht danach beim Publikum sein muss, zeigt sich, kaum dass im »Woyzeck« die letzten Worte fallen: Es gibt einen tosenden, nicht enden wollenden Applaus für Schauspieler und Musiker.

Musiker. Denn zuvor hatte man nicht einfach Büchners (nur in Fragmenten existierendes) Stück gegeben, sondern eine Spielfassung, die der kalifornische Rockpoet Tom Waits (gemeinsam mit Ehefrau Kathleen Brennan) erstellt und in der Regie von Bob Wilson 2000 in Kopenhagen uraufgeführt hatte. Nachgespielt wurde diese Fassung seitdem nirgends, doch das Theater Oberhausen erwirkte von Waits ein Okay und darf sich nun rühmen, die »Deutschsprachige Erstaufführung« von Waits’ »Woyzeck« herausgebracht zu haben. Was ein kleiner Witz ist, denn Büchners Text ist schon immer deutsch, aber Waits’ Songs bleiben englisch. Anyway. Es ist schöne Musik mit schönen lyrics, melancholisch leidliebend und leidbetrauernd und in ihrer Dramaturgie melodramatisch. Kennt man Waits’ frühere Theaterarbeiten wie »Black Rider« und »Alice«, weiß man, wie das funktionieren muss: mit ausgestellten Gefühlen und Effekten, grob, grell und mit einem Schuss Ironie. Ein Musical eben, Vaudeville, Music Hall, schöner dreckiger Kitsch.

Da war Regisseur Joan Anton Rechi vor. Er lässt (die wichtigsten Passagen aus) Büchners Fragment spielen, so wie man es tut, wenn man den großen Dramatiker stadttheaterhaft ernst und schwer nimmt. Und dann singen. So dass Woyzeck (Jürgen Sarkiss) eben noch in der abgerissenen, gehetzten, proto-expressionistisch düsteren Sprache Büchners gegen seine Furien anstammelt. Um gleich darauf lässig grinsend auf heiterer Melodie zu singen: »Always keep a diamond in your mind«. Die Band (Leitung Otto Beatus) spielt ausgezeichnet, gesungen wird passabel (wenn auch hüftsteif). Doch Büchner will sich zu Waits nicht fügen. Waits’ »Woyzeck« hätte völlig anders inszeniert werden müssen: greller, ausgestellter, dreigroschenopernhafter, wenn man so will. Die Figuren nicht liebe kleine Menschlein, sondern Puppen in einem bösen Todesspiel. Nur so wäre es auch wieder Büchner geworden: Irrsinn, Chaos, aus den Fugen geratene Welt.   //   UDE

Bühne
10 / 2008

Wo man singt


kultur.west Gezwitscher