»Kinder der Revolution«: Schauspieler spielen, wie Tripolis brennt. Foto: Diana Küster

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»Kinder der Revolution« in Bochum 

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Junge Menschen in westlichen Ländern tun sich schwer, authentische Formen politischen Protests zu entwickeln. Eine ’68-Kopie verbietet sich schon aus Selbstachtung, die Utopie von damals ist diskreditiert, der Feind ungreifbar geworden. Zumindest Schauspielstudenten haben es einfacher, sie erarbeiten sich ein Stück, das artikuliert, wie junge Menschen im Westen sich schwer tun, authentische Formen des Protests zu entwickeln. Und können damit zumindest künstlerisch erfolgreich sein. Neun Bochumer Studierende der Folkwang Universität der Künste glucken also im teilgeräumten Parkett der Kammerspiele zusammen, um die Formen juvenilen Widerstands vor allem in Südeuropa und dem Nahen Osten sowie die eigene Stellung dazu zu befragen. Von Anfang an ist alles Spiel, das Sich-kundig-Machen führt zu Erschüttertsein, der Bericht zur Szene, die auf der Bühne das Fanal zur »Arabellion« nacherzählt, als sich der junge Mohamed Bouazizi aus Verzweiflung über die Repression in Tunesien selbst in Brand setzt. Szenen aus Libyen, Iran, Spanien und Gaza folgen, ein Sprechchor (überraschend druckvoll) formiert sich zu politischem Räsonnement, Einzelne halten dagegen mit persönlicher Erfahrung, Szenisches wechselt mit Reflektorischem, Erarbeitetes mit dem Prozess seiner Entstehung, Videoprojektionen mit Gitarre oder HipHop. Und immer wieder geht es um die Frage: »Wie kommen wir an die Menschen außer über die Medien?« Sie kommen nicht, diese unmittelbarkeitssüchtigen doch internetfixierten jungen Menschen. Auch ein Trip nach London, um irgendeinen Aktivisten der »Tottenham-Riots« von 2011 zu finden, endet kontaktlos. Führt aber zu einer atmosphärisch dichten wie selbstironisch-komischen Szene im brutal-trostlosen, doch spielfördernden Betonbühnenbild Irina Schicketanz’. Attac, Occupy, Anonymous; Skype, Facebook, Mail – kaum etwas wird ausgelassen von den Formen und Wegen des nur virtuell wirksamen Protests. Oft kommt Trauer, am Ende Verzweiflungswut, aber nie Langeweile auf, es überschlagen sich die Spielideen – die der jugendtraumerfahrene Regisseur Nuran David Calis nicht alle hätte umsetzen müssen, aber insgesamt mit großem Atem zu schnellem Rhythmus arrangiert. Und in dem jungen Raphael Dwinger ist ein echtes komödiantisches Talent zu entdecken.

www.schauspielhausbochum.de

 

 

Bühne
05 / 2013

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Von: ULRICH DEUTER


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