Bonnsai 281: Mack Kubicki in »!Bonnsai! – Pro winzig« von Yoshiko Waki und Rolf BaumgartFoto: Lilian Szokody

Yes, we can’t

In Köln und Bonn wird noch immer getanzt. Aber wie?


//   Auf der Landkarte der NRW-Bühnen hockt Bonn ganz am Rand. Kurz hinter Köln. Die Nähe hat ihren Reiz, im positiven und negativen Sinne. Beide Städte haben kein Tanzensemble mehr an ihren städtischen Theatern. Das in Bonn ziert sich trotzdem noch mit dem Logo der Zahl drei. Und im Vertrag des neuen Kölner Opernintendanten Laufenberg steht laut einem Interview, dass ihm künftig ein Ballettintendant nebengeordnet (!) werde. »Ab 2013«, wie Kulturdezernent Quander ins Spielzeitheft »Tanz« drucken ließ, bevor in Köln mal wieder einiges schief ging. Mittels einer erhofften Kooperation mit Bonn und Finanzhilfe vom Land hätte 2009 schon ein schickes großes Ensemble unter dem bekannten Stuttgarter Choreografen Christian Spuck antreten sollen. Doch Bonn zog nicht mit. Geldprobleme, hieß es. Intendant Klaus Weise hatte in einem früheren Gespräch mal die Befürchtung geäußert, Bonn würde ja dann doch nur als Vorort behandelt werden. Man ist so klein, wie man sich fühlt.

Das Theater Bonn verliert seine neuausgerichtete Biennale, aber konnte ­– manch einer sagt: musste – seine Spiestätten retten. Die in Beuel müssen nun wegen Sanierungsbedarf geschlossen werden. 2008 fiel der Tanz weg, der damals Kresnik hieß. Zehnmal pro Saison fliegen Gastkompanien ins Opernhaus ein, die der stellvertretende Generalintendant Burkhard Nemitz aus- sucht. Er sagt, Tanz müsse weiterhin stattfinden, als Statement und Forderung; er wünscht sich mehr hochwertig gearbeitete, transportable Stücke an deutschen Theatern für einen regeren Austausch. Und: Eines Tages könne er sich wieder eine Kompanie am Ort vorstellen. Jedem, der nur immer hübsche Gäste einlädt aus aller Welt, ist klar, dass solche Gruppen und Choreografien nicht auf den Bäumen wachsen. Selber Entwicklungen zu unterstützen und Tänzern Arbeitsplätze zu bieten, ist – auch – Aufgabe der Stadttheater.

Die Tanzgastspiele in Bonn sind meist sehr gut besucht, ihr Publikum ist jünger als in Opern, und beklatscht sogar begeistert ein kitschig raunendes, teilweise schlecht getanztes Stück der Kibbutz Contemporary Dance Company. Das Programm der Saison 09/10 empfindet Nemitz schon als mutiger. Darunter, neben viel russischem Ballett, eine Meisterin der Erotik, Marie Chouinard, und das Dornröschen von Mats Ek. Weitere Planungen hängen vom Beethovenhallen-Neubau oder -Nicht-Neubau ab, von der katastrophalen Bonner Finanzsituation und Gefühlen des Neubaumisstrauens, die sich in Bonn seit der Pleite mit dem Kongresszentrum leicht einstellen.

Zweifel am Bau auch in Köln. Das tolle neue Schauspielhaus sah auch einen Ballettsaal vor. Ob ausgerechnet der Tanz nun in den Keller verbannt wird oder aus dem Neubau gar nichts wird, steht im Moment in den Euro-Sternen, und der neue Oberbürgermeister Jürgen Roters stellt in einem Interview flugs ein Kölner Ballett überhaupt in Frage. Für das sogenannte Tanzhaus der freien Szene wird seit Mai 2009 schon Miete in Köln-Mülheim gezahlt. Aber niemand tanzt dort. Im »Manifest Tanz in Köln« schlägt Kajo Nelles vom Landesbüro Tanz eine kombinierte Lösung vor, die die Trennung zwischen freier Szene und Stadttheater endlich überbrückte. Viele Leute finden das, sagt er, genial, glaubten aber nicht an eine Umsetzung. Tun also auch nichts dafür. Derweil tanzen an den städtischen Bühnen Gäste. Wie bei den Tanzreihen in Leverkusen, Neuss, Remscheid. Das brillante NDT-I-Ballett, die britische DV8-Kompanie, das ungestriegelte »Yes, we can’t« der Forsythe-Company: Die imponierende Kölner Auswahl verdanke sich Vorlieben der Intendanten von Schauspiel und Oper, berichtet Hanna Koller, die von der pretty-ugly-Kompanie im Schauspielhaus übrig gebliebene Tanzmanagerin. Es heißt, der ab 2009/2010 für Tanz reservierte Etat von 1,8 Millionen Euro, von dem angeblich 800.000 Euro ins Projekt Tanzhaus fließen, solle nicht ungenutzt bleiben.

Übrig geblieben sind auch die Tänzer der abgeschafften Kompanien. Einige machen selbstständig weiter. Das neue »MichaelDouglasKol- lektiv« in Köln tragen Michael Maurissens und Douglas Bateman sowie Adam Ster und Flavia Tabarrini, ehemals bei Amanda Millers »pretty ugly tanz« köln engagiert. Von den Ex-Kollegen sind einige noch am Ort als freischaffende Tänzer. »Wir alle sind reif, um neue Wege zu suchen«, sagt Maurissens. »Traurig waren wir über die Auflösung von pretty ugly, aber nicht überrascht.« Ein Schub, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. »Erfahrung, Kreativität, Ideen, Austausch, offen bleiben«, damit wollen sie punkten. Voller Optimismus tasten sie sich jetzt durchs Unterholz des Förderanträgestellens und nutzen vorhandene Kontakte.

Als Typen sind Maurissens und Bateman sehr verschieden. Der eine wirkt ruhig, auf der Bühne elegant, ein König der Komplexität; der andere ausdrucksstark und fordernd. Maurissens sieht sich mehr für Schritte und Strukturen zuständig; sein Kollege finde Zugänge über Sprache und Atmosphäre. Ihr erstes Stück hat am 25. November Premiere im Arkadas-Theater: »Approaching Grace« für vier Tänzer, zum Thema Haut, Innen und Außen, Aufbau und Verfall, Halt und Verletzlichkeit, inspiriert von Werken der Künstlerin Kiki Smith.

Wie wird der Tanzstil aussehen? Maurissens will sich von Millers Art nicht distanzieren: »Die Erfahrung hat mich reich gemacht. Das heißt: viel Sensibilität und wie man im Raum ist, sehr offen muss man sein, auch mit sich selbst. Amandas Arbeit ist körperfreundlich, und doch hat sie die Grenzen gesucht, die Instinkte der Kopf-Körper-Verbindungen, hat Akzente in der Artikulation gesetzt.« Das hatte eine große Klarheit, wirkte stabil und gleichzeitig brüchig wie dünnes Eis.

In Bonn ging es deftiger zu. So wie sich die Ensembles Cerna-Vanek und Cocoon-Dance einst aus dem Choreografischen Theater von Pavel Mikulastik heraus selbstständig machten, bringt nun BodyTalk aus Ex-Kresnik-Tänzern wieder eine andere Note in die kleine, doch überregional beachtete Szene. Die Vehemenz in ihren bislang zwei Stücken ist als solche also keine allzu große Überraschung. Der Humor schon. So intelligent Ungebärdiges sieht man selten in der freien Tanzszene.

Andere Tänzer der Kresnik-Kompanie wechselten in Ensembles anderer Städte, unterrichten, zwei schulen auf Heilpraktikerin und Bühnenbildner um. Bibiana Jimenez kriegte ein Kind, tritt nun wieder auf. »Wir leben noch«, sagt Yoshiko Waki trocken. »Wir wohnen hier, wir haben Familie, dafür ist es ein guter Ort.« Die Ex-Berlinerin und ihr Mann Rolf Baumgart, Komponist, leiten BodyTalk. Tanztheater ist nicht heilig in die Geschichte eingegangen, sondern es lebt, strampelt, singt schief, sucht Poesie und Erregung – auf der schäl Sick von Bonn. Wakis »Wir machen Kunst für diesen Stadtteil!« klingt sympathisch handfest. Reichlich Zuschauer strömen ins Lampenlager des Theaters Bonn. »Bonnsai! Pro winzig« ulkt über Bonner Werbesprüche, die Wüste des nach ihr benannten UNO-Sekretariats schwappt über die Bühne, Mack Kubicki scheucht als bebendes Kresnikdouble die Mittänzer. Die Ansage »Pro winzig«, also auch »pro Provinz«, stemmt sich mit ironieverdächtiger Ernsthaftigkeit, gekonnter Wurschtigkeit und überbordender Liebe zur Bühne gegen den Berlinkult der Tanzszene und das ständige Großseinwollen. Gruß an die Intendanten.

»Der Unvollendenich« von BodyTalk sorgte 2008 fürs Schumann-Jahr 2010 vor. Großartig tanzen Miranda Glikson und Ziv Frenkel Clara und Robert, die einander verloren gehen. Total unpathetisch. Zwischen rohen Bettgestellen, Spüle, Spind und aufgetürmtem Klavier herrscht statt Romantik kaputte Häuslichkeit. Verrückt verknotete Sehnsüchte. Im Video betanzt Yoshiko Waki im schwanenhaften Tüllkleid die Bonner Arbeitsagentur. Erste Adresse für abge- wickelte Tänzer. Sie flattert durch Gänge und tänzelt wie ein Flöckchen am Pressesprecher auf und ab. »Setzen Sie sich«, sagt die nette Sachbearbeiterin. Das tut die Kunst aber nicht.

Das Beueler Tanzmariechen klappt sich zur Vorbereitung auf den Einsatz in »Bonnsai!« zum Spagat auf. Ob sie Tänzerin werden will? »Eigentlich gern, aber das hat ja keine Zukunftsaussichten.«   //

MichaelDouglasKollektiv: »approaching grace«, am 26. & 27. November 2009 im Arkadas Theater, www.arkadastheater.de

Bühne
11 / 2009

Yes, we can’t

Von: Melanie Suchy


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