Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

Christoph Luser. Foto: Markus J. Feger

ZWISCHEN DRINNEN UND DRAUSSEN

Düsseldorf reloaded: Christoph Luser ist nach zehn Jahren zurück am Schauspielhaus. Zur Saisoneröffnung spielt der 31-Jährige in der Bühnenfassung von Michael Houellebecqs kulturfeindlichem Roman »Karte und Gebiet« den Maler-Star Jed Martin. Ähnlichkeiten sind wohl rein zufällig.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Aller Anfang ist leicht. So erging’s ihm. Und uns mit ihm. Christoph Luser war 19, als er nach Düsseldorf kam. Zuvor, feixt er, habe er nie wirklich ein Schauspielhaus von innen gesehen. Als er im Jahr 2000 an den Gründgens-Platz engagiert wurde, bedeutete das gleichermaßen Familientrennung wie -zusammenführung. Ein Tipp seiner Kollegin und damaligen Freundin Birgit Stöger, Grazerin wie er, führte Anna Badoras Chefdramaturgen Michael Eberth in die Steiermark: zu Luser und dessen Eltern, die überredet werden wollten, den Sohn nach dem zweiten Jahr die Ausbildung abbrechen und von daheim weggehen zu lassen.

Es ist viel passiert seither und Luser jetzt wieder in Düsseldorf – im Dunstkreis von Kunstakademie und Galerien, der Manier von Malerfürsten, der Markt-Heroen aus der ehemaligen Becher-Klasse, der Stoschek-Kollektion und so weiter. Rückkehr nach zehn Jahren zu Beginn der neuen Intendanz. Als Gast wird er unter Falk Richters Regie den Fotografen und Maler Jed Martin in der Dramatisierung von Michel Houellebecqs jüngstem Roman »Karte und Gebiet« spielen. Klein-Paris als Kulisse für die wahre Metropole.   

Zur Hauptfigur hat der Franzose (neben einem gewissen »Michel Houellebecq«) Martin gewählt: Gewährsmann einer in lässiger Gleichgültigkeit verfassten, von Bitteraromen freien Gesellschafts-, Familien- und Kulturfeindlichkeit. Der ethnologisch systematische Blick des Autors ist auch der des fast widerwillig zu Reichtum und Ruhm gelangten Jed Martin. Der will eine objektive Beschreibung der Welt liefern, indem er zunächst – für ihn eine »ästhetische Offenbarung« – Michelinkarten fotografiert (»Die Karte ist interessanter als das Gebiet«). Danach malt er die »Serie einfacher Berufe« und die »Serie der Unternehmenskompositionen«. Am Schluss entsteht das Porträt »Michel Houellebecq, Schriftsteller«, bevor sich Martin »friedlich, freudlos und endgültig neutral« aus der Welt und seinen Beziehungen in ihr entfernt. In einer letzten Altersphase kreiert Martin technisch aufwändige Videogramme: Bilder einer rückläufigen Evolution, Artefakte des Verfalls, die das Unbehagen in der Kultur ausdrücken.

Über Houellebecq denke er, sagt Luser, viel nach. Über dessen Entschiedenheit, die »bewusst und gewählt« in seinen Büchern Ausdruck findet. Bei all seiner Negativität sei das »kein verbitterter Mensch«. So wenig wie Jed Martin, den er in all seiner rigiden Abschottung nicht für kalt hält.

Der Schauspieler Luser kennt solche Positionsbestimmungen innerhalb eines Systems, auch wenn sie nicht von depressiver Stimmung und keineswegs von eigenem Misserfolg verursacht sind. »Ich gucke schon auch immer, wie sehr ich drin und wie weit ich draußen bin.« Und: »Ich muss ausbrechen, um zu sehen, was ich in diesem Betrieb will und wie ich mich wiederfinde.«   

Den Prominentenfaktor, der die plus/minus Gleichaltrigen Brühl, Diehl oder Schweighöfer bestimmt, vermisst er nicht. »Über die Arbeit könntest du ja dein ganzes Leben ablaufen lassen«. Ein Modell, das er skeptisch betrachtet: »Was nicht heißt, dass ich nicht gefordert werden möchte.«

Für Luser ist die Jed Martin-Rolle Thema in Variation. Vor der Sommerpause hatte er am Kölner Schauspiel Premiere mit »Keiner weiß mehr«. Er spielt den Poeten Rolf-Dieter Brinkmann, spielt ihn irgendwie auch nicht, aber letztendlich doch. Roman – Biografie – ein Spiel, das er an sich zieht.  

Sein Gesicht gefällt der Kamera (Film und Fernsehen haben es bislang ein gutes Dutzend Mal genutzt, doch definiert Luser sich eher übers Theater): das Angespannte, zugleich Geklärte des Ausdrucks, das Entschlossene, das für die Entschlusskraft um Verzeihung zu bitten scheint. So schaut er auch aus als junger (Brink-)Mann in »Keiner weiß mehr«. Zeigt die Figur, methodisch ungemein gekonnt, auf der Flucht vor sich selbst und doch wie unter Arrest: Ruhig sein müssen und ruhig sein können, ist hier eins. Gefährlich, abschätzig, besonnen, sanft und wild, anwesend in seiner Abwesenheit.

Stoff, aus dem die Helden von New Hollywood waren, als etwa Bogdanovich »The Last Picture Show« drehte mit Jeff Bridges und Timothy Bottoms. Luser hat ein Geheimnis. »Was ich ganz gut kann, ist, dass man mich nicht leicht einordnet auf der Bühne.«

Ein wacher Träumer: eigen mit sich und gern mit sich allein. »Weg von allem. Ich habe keine vier Wände, in denen ich mein Leben verstauen kann oder meine Vergangenheit.« So stellt er sich jeweils neu ein im Drei-Monats-Takt an den Theatern. War als Aussteiger mit Rückfahrtticket ein halbes Jahr unterwegs in Südamerika oder wandert in Tirol, wo die Familie ein altes Bauernhaus in den Bergen besitzt. Vater Luser ist Architekt (wie Jed Martins Vater).

»Du bis immer so lieb«, sagt Romy Schneider als Elisabeth in Viscontis Königsdrama »Ludwig« zu Otto, dem jüngeren Bruder des Bayern-Monarchen, und streicht ihm dabei übers Gesicht. Ich musste oft an den Satz denken, wenn ich Luser auf dem Theater sah oder außerhalb der Bühne traf.

Damals war er ein Bub, anders als die Absolventen der Ernst-Busch-Schule nicht so technisch versiert und mordsmäßig perfekt. Irgendwie outerspace. Ein richtiger großer Junge, aufgewachsen in einem »natürlichen und ehrlichen Umfeld«. Die Familie ist ihm immer noch die »Hauptsicherung«. Dieses schöne Erbteil produziert bei Christoph Luser, einem von drei Brüdern (Architekt der eine, der andere bildender Künstler) aber auch die Frage, »wie man mit dieser Unbedarftheit umgeht«.

Anfangs genügte es, authentisch zu sein. Zustandsbeschreibung eines 20-Jährigen: In der Uraufführung von Igor Bauersimas »norway.today« spielten Birgit Stöger und Christoph Luser ein Paar, das sich im Internet zum Selbstmord verabredet und es  – vielleicht – doch nicht tut. Das Paar Stöger/Luser spielte das Paar Julie/August. Unsere Phantasie spielte mit. Wenn die Zwei mit der Videokamera hantierten, sich filmten, im Zelt am Fjord kuschelten und ihre Lebensmüdigkeit und Liebeslust einander zumuteten. Jugend als Programm.

Von Düsseldorf wechselte Luser an Baumbauers Münchner Kammerspiele und fungierte – der Mittzwanziger war »Hamlet« – als Werbeträger. Ein bisschen Ikone seiner Generation: schmale Züge mit hohen Wangen-

knochen, die treuherzigen, etwas schräg stehenden Augen, die leicht knollige Nase. Kantige Konturen im Weichbild. In Lusers Gesicht meißelte sich eine Spannung, aus der Härte, Unverfrorenheit, aber auch dünnhäutiges Verwundet-Sein hervorspringen können.

Zum Beispiel bei Karin Beier in ihrer Ettore-Scola-Adaption »Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen«, wo Luser als versehrte Transe in rosa Fummel übers Container-Dach stakst und diesseits und jenseits von Grenzen der Geschlechter-Präferenz Unruhe stiftet. Eine erotische Provokation – er hat verflixten Spaß an solchen Fremdgängen.

Jetzt ist er reif für Houellebecqs eigenwillige Künstlerexistenz. »Künstler zu sein bedeutet in seinen Augen sich zu unterwerfen«, heißt es im Buch. Der Akt der Unterwerfung erfolge mittels »rätselhafter Botschaften«: »Intuitionen«. Man braucht das nicht zu mystifizieren. Dinge haben ihre Zeit. Begegnungen,  Anstöße ereignen sich. Luser kommt immer wieder auf Jed Martin zurück. Nein, emotionslos sei der nicht. »Er hat einen großen Reichtum mit sich und seiner Arbeit.« Man könnte es auch Freiheit nennen, Unabhängigkeit, Autonomie und instinktive Erfahrenheit. Es gilt für Rollenfigur wie Interpreten.

Seit dem sechsten Lebensjahr bekam er klassischen Ballettunterricht, auch wenn sein Vater, der »Tiroler Bergmensch«, zunächst geschluckt habe. Anders als der Kino-Billy Elliott musste er sich nicht gegen Vorbehalte behaupten. Vielmehr hätten ihn die Eltern motiviert, als bei ihm Zweifel auftauchten, nachdem er aufs Internat und zur Ballettschule in Wien wechselte. Eine Verletzung ließ die Ausbildung enden – vielleicht äußerer Anlass für schon inneren Abstand. Geblieben vom Tanz sind das Gefühl und die Aufmerksamkeit für den Körper.

Öfter schon ist es passiert, dass er mit dem, was mit ihm und um in herum auf der Bühne geschieht, nicht besonders froh wurde. Luser will wissen, warum er etwas so oder so spielen soll. Wenn das fehlt, was bleibt dem Schauspieler? »Man vertritt das, was man macht«, sagt Luser und setzt seine hadernde, sorgenvolle Unglücksmiene auf. Manchmal fehlt ihm bei einem Regisseur die strenge Hand, der kluge Kopf, der klare Wille, die Entschiedenheit und Konsequenz einer Position – oder souveräne Gelassenheit. Besonders, da er weiß, wie es ist, wenn jemand diese Eigenschaften besitzt. Deshalb reizt es ihn,  demnächst mit Andrea Breth in Düsseldorf Isaac Babels »Marija« zu erarbeiten.

Luser und seine Regisseure: Ein paar künstlerische Liebesgeschichten sind darunter, beginnend mit Jürgen Gosch, dann mit Laurent Chétouane und abschnittsweise mit Bauersima, Kriegenburg, Perceval und zuletzt Dieter Giesing an der Wiener Burg. Als Anfänger auf Gosch zu treffen, ist ein Geschenk. Mit dessen Fontane-hafter Legerheit kam er gut klar.

Luser »mochte die Fremdheit, die es bei ihm hatte«. Er war 2001 in Goschs erster Düsseldorfer Arbeit, Kleists »Käthchen«, mit dabei, danach in Fosses »Der Name« und als Horatio im »Hamlet«. Goschs Schlichtheit habe ihn sehr geprägt: »das Reduzieren auf einfache Vorgänge, das Genaue, Ungekünstelte, Spielerische.« Bei ihm brauchten die Schauspieler nichts und hatten nichts – außer sich selbst. »Außer dem Gedanken, und wenn du den hast, ist es das Stärkste.«

Bei Theatermachern schätzt er, wenn sie »mit eigenen Unzulänglichkeiten umgehen können und mit diesem Bekenntnis alle ins Boot ziehen. Nur wer seiner sicher ist, kann sich Unsicherheiten leisten. Das hat auch mit Bescheidenheit zu tun.«

So auch bei Chétouane in vier gemeinsamen Inszenierungen in München und Köln. Ob man dessen Textexegesen mag oder nicht, sie stellen eine starke Behauptung auf und schaffen eine Form von magischer Transformation. Da haben wir doch noch Houellebecqs »Intuition«. Noch etwas begegnet uns in »Karte und Gebiet«: Selbstzucht. Ein altmodisches Wort. Streng sein mit sich. Das gefällt Luser. Es rührt an Eigenes. Disziplin musste das »agile Kind« als  Ballett-Eleve haben: »Der Rahmen war definiert«. Strenge als Grundlage, um mutig zu sein – auf der Bühne und auch sonst. Schön zu sehen, dass Christoph Luser auch nach zehn Jahren am Projekt Leben arbeitet. »Ich fühle mich positiv verloren«, sagt er.

»Karte und Gebiet«, Kleines Haus, Düsseldorfer Schauspiel, Premiere: 16. Okt. 2011, Termine: 18., 23. und 27. Okt.; www.duesseldorfer-schauspielhaus.de. »Keiner weiß mehr«, Schlosserei am Schauspiel Köln, Wiederaufnahme: 19. Okt. 2011, Vorstellungen: 21., 25. und 26. Okt.; www.schauspielkoeln.de

 

Bühne
10 / 2011

ZWISCHEN DRINNEN UND DRAUSSEN

Von: ANDREAS WILINK


kultur.west Gezwitscher