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NACHRUF (AUF DEN MONAT MÄRZ 2011)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten zurück in den März!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER

Das Ruhrgebiet ist bekannt als Land des Strukturwandels. Kaum bekannt ist, dass auch dieser Begriff aus den Wortschatztiefen der Montanindustrie stammt. Wusstest du das? Ursprünglich meint er nämlich die Transformation einer unangenehm wirren in eine schnittige, schimmernde, scharfkantige Struktur. Also die Umwandlung von Erz und Kohle in Stahl.

Da muss man erst mal drauf kommen, dass sich aus schmuddeligen Bröckchen, die man aus der Erde klaubt, durch Heißmachen der einen und Draufhauen auf die andern Bierdosenblech und super Sportfelgen machen lassen. Man sagt ja, das wichtigste Kapital eines Landes ist das Wissen seiner Menschen, viel wichtiger als Bruttoinlandsprodukt, Flachbildschirme und Bodymassindex. Deshalb sind die Menschen im Ruhrgebiet ja in Wahrheit so reich! Sie haben dieses Wissen, verstehst du? Das alchemistische. Das ist nun mal so und deshalb bleibt das auch so. Auch nach dem Montanwirtschaftschluss. Tagtäglich und sehr geschickt wird zwischen Duisburg und Dortmund strukturgewandelt: die Nokia-Fabrik in eine Freifläche. Der Haufen Vorstädte in die Metropole. Der einst bierfassende Turm in einen geldsaugenden Schlund: Dortmunder U-aah! Wie bei Ovid.

Eine ganz besondere Metamorphose ist die von formlosem Stoff in allerhöchstkomplizierte Gestalt. Das können die Bildhauer. Und andersherum? Antworte ich wieder: Ovid. Mal gelesen? »Vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!«, fleht die Nymphe zum Gott. Dasselbe murmelt im Ruhrgebiet jeder Currywurstesser, bevor er den plastischen Dreizack in die kross sich spannende Pelle spießt. Apropos Plastik: Ist nicht Stoff potenzielle Gestalt, aber auch Gestalt potenzieller Stoff? Das erste weiß jeder Glyptiker und Skulpturist, das zweite jeder Schrotthändler. Ich sage dir was: Die Ruhris haben zwar das Kohlebuddeln und Stahlkochen aufgegeben. Aber das Strukturwandeln können sie noch. Und wer weiß wie: Sie kommen nachts mit Hublader, LKW und sechs Mann hoch – Industriearbeit heißt Großtechnik, heißt Kollegialität. Montieren die Edelmetallplastiken vom Sockel und schmelzen sie ein. Und zwar genau da, wo einst das metamorphotische Zentrum der Montanindustrie stand, in Duisburg. Fünf Bildwerke sind in den letzten Wochen derart von der Form in die Formlosigkeit retransformiert, vom Schimmern zurück ins Dämmern strukturgewandelt worden. Kunstdiebe? Nein, Stoffwandler! Eine neue Generation Krupps und Thyssens schickt sich an zu entstehen, Männer (vielleicht sogar Frauen) mit gestalterischen Visionen zum einen, gesundem Erwerbssinn zum andern. Sieben-, achttausend Euro beträgt schließlich der Schrottwert für eine Tonne Buntmetall. Und die städtischen Parks und firmeneigenen Grünflächen sind voll mit Skulpturen aus Bronze, Kupfer und Edelstahl. Nicht nur im Revier. Die neue industrielle Revolution, sie beginnt zwar hier. Aber wird sich ausdehnen aufs ganze Land. Steht doch eine der dicksten Plastiken in Bonn, vor dem Ex-Bundeskanzleramt: »Large Two Forms« von Henry Moore. Soon unformed?

Der gewaltigste Skulpturwandel allerdings steht uns hoffentlich demnächst in Gelsenkirchen bevor, wo auf dem Nordsternzechenturm der Herkules von Markus Lüpertz thront. Er ist zwar nur aus Aluminium, für das der Kilopreis grade mal 1,70 Euro beträgt. Aber das Ding ist 23 Tonnen schwer. Und rechnen, das können die Ruhris ja! Glück auf! – Bau ab!

Glosse
04 / 2011

NACHRUF (AUF DEN MONAT MÄRZ 2011)

Von: ULRICH DEUTER


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