Johan Simons. Foto: Münchner Kammerspiele

DER BAUER VON BABYLON

»Das deutsche Theater ist mein zweites Heimatland geworden«: Johan Simons, der neue Intendant der Ruhrtriennale – eine Begegnung.

TEXT: ANDREAS WILINK

Landgewinnung ist für jemanden aus Holland ein Ding des Möglichen. Und dass unter dem Pflaster der Strand liegt, meint in Holland weniger das Schlagwort einer Revolte, sondern den konkreten Befund. Aber doch auch ein utopisches Projekt. Johan Simons hat die Landnahme vorangetrieben – von der Provinz aus bis in die Großstädte, nach Amsterdam, Gent, Berlin, Paris, Madrid, München. Der Siebenjährige erlebte den Deichbruch, die große Flut biblischen Ausmaßes, in der sich das Meer zurückholte, was der Mensch ihm abgetrotzt hatte. »Das Desaster«, nennt es Simons. So hat er den Herrn der Gezeiten kennengelernt. Die Allmacht Gottes – und des Elementaren. Und die Vermischung und das Verschmelzen der Elemente. Nicht nur in der Natur. 

»Seid umschlungen«, Schillers von Beethoven vertonter Vers, wird ihm zum Motto für die Ruhrtriennale und für das Ruhrgebiet, wo man im Auto ohne Navigationsgerät nach zehn Minuten völlig den Überblick verlöre. Seid umschlungen, auch als räumliches Konzept, vorgemacht von der Musik des 20. Jahrhunderts, in der das Orchester nicht mehr nur im Graben und das Publikum  frontal dazu Platz nimmt. Sowie als dramaturgisches Konzept für den Dreiklang des Programms 2015 bis 2017, das Projekte in mehrjährigen Zusammenhang bringen werde.

1985 gründete sich die legendäre Gruppe »Hollandia«, mit der Simons in eineinhalb Jahrzehnten über 40 Inszenierungen schuf. Sein künstlerischer Beginn reicht noch weiter zurück. Eines der frühen Ensembles um Simons nannte sich »Wespe« – wie das Insekt, das sticht und dann fix die Fliege macht. Es waren Gruppen nach dem Modell Regiotheater, um die Lande zu bereisen.  Simons: »Wir wollten Theater für Leute machen, die nicht in die Theater kamen. Und ich wollte meine eigene Sprache entwickeln, indem ich mich vom Theatermilieu isolierte.«

Als Simons im Mai 2014 den Berliner Theaterpreis erhielt – »dieser schwere, explosionsartig lachende Künstler, der als Tänzer begann und noch immer eine andere Gangart pflegt..., noch immer tanzend über die Grenzen dessen hinaus geht, was wir in Deutschland Stadttheater nennen« (die Jury) – , schaute sein Laudator Matthias Günther zurück auf den 18-jährigen Johan. Er sah ihn 1965 in München auf der Maximilianstraße gegenüber den Kammerspielen stehen, die er Jahrzehnte später als Intendant radikal neu modelliert, ließ ihn in einen realfiktionalen Dialog treten mit Fassbinder, Peter Stein, Fritz Kortner, Herbert Achternbusch, Kroetz.

Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg, Essen liegen näher bei Varik zwischen Amsterdam und Utrecht, wo Simons’ Frau, die Schauspielerin Elsie de Brauw, und die Familie zuhause sind, als München. Simons ist der Ruhrtriennale seit Beginn verbunden. Der 1946 in Südholland geborene Sohn eines Bäckers, der durch ein Peter-Pan-Ballett im Fernsehen für sich zum Tanz fand, bringt nur Vorteile mit für die Position des fünften Intendanten. Vom Gründer und Vordenker Gerard Mortier war er konzeptuell einbezogen worden. Im ersten Triennale-Jahr 2002 brachte Simons den »Fall der Götter« nach Viscontis Film über die Krupp-Dynastie sowie die antiken »Bakchen« ins Ruhrgebiet. Ein Jahr später inszenierte er in der Bochumer Jahrhunderthalle einen der schönsten Abende des Festivals als von Mortier so genannte »Kreation«. Aus Ralf Rothmanns Revier-Roman »Milch und Kohle« wurde »Sentimenti«, den literarischen Stoff ingeniös durch die und in die Opernmusik Verdis auflösend. Rothmann erzählt von Aufbruch und Abschied und den Fliehkräften der Jugend. Eine Familie in den sechziger Jahren zwischen Essen-Borbeck und Oberhausen-Osterfeld, als die Gute-Hoffnungs-Hütte noch nicht Symbol des Niedergangs war. Anders als die musikalische Sozialisation der Hauptfigur Simon, unterstützt nun Verdi die Szenenfolge mit Arien und Duetten als Beschwörungsformeln, die aber gegen das Süffige revoltieren und Fülle des Wohllauts einschmelzen. Sein Festival-Programm, von dem er noch nichts verrät, außer, dass es auch wagnern und ein Zola-Projekt geben wird, versteht Simons als »Ode an Gerard Mortier«.

Er gehörte zu den ersten, die in den frühen achtziger Jahren alternative Spielorte fanden und der Bühne neue Räume und Formate zuführte; »ZT Hollandia« wurde zur gefeierten Größe und mit dem Europäischen Preis für Innovation im Theater geehrt. Simons hat das NT Gent geleitet, wo er den Ruhm von Flandern mit der von ihm vitalisierten »Utopiefabrik« vermehrte, und ist noch Intendant der Münchner Kammerspiele, die er (für die bayerische Hauptstadt viel zu früh) verlässt.

Als Regisseur überprüft er Stoffe auf ihre Gegenwärtigkeit. Oft Elfriede Jelinek, die Kunst & Politik eng zusammenführt. Oder Heiner Müllers Shakespeare-Kommentar »Anatomie Titus Fall of Rome«, indem er das krude Blutstück in protestantischer Ästhetik mit wenigen Zeichen zum Denkspiel geklärt hat. Ähnliches bei Büchners »Dantons Tod«: Das Festmahl scheint vorüber – kommt jetzt die Moral? Tischgespräche. Man redet. Wer redet, ist nicht tot. Aber müde. Simons belässt seinen klug gebauten »Danton« weitgehend an der Tafel intellektueller Debatten. Und veranstaltet mit dem Schatten-Kabinett der historisch-dramatischen Figuren und einem musikalischen Kammerensemble eine sich zeitlich weit vorschiebende Reflexion über politische Ordnung, revolutionäre Dialektik und Ambivalenz, den antijakobinischen »Menschen in der Revolte« (Camus) und die Rhetorik der Selbstrechtfertigung, wobei in Büchners sprachmächtigen Dramentext viele Fremd-Texte montiert sind. Das heillose Nacht- und Horrorstück zeigt hier, dass Denken eine Lust sein kann. 

Simons findet, dass das deutsche Publikum die Lust zu denken als Haltung gegenüber dem Theater mitbringe, weshalb ihm »das deutsche Theater zum zweiten Heimatland geworden« sei.

Keine Routine. Aber auch nicht das Experiment, begraben unter Theorielasten.  Für Zwergen-Aufstände ist die Statur des 1,90 Meter großen Simons nicht gemacht. An den Münchner Kammerspielen erwuchs ein Turm zu Babel, vielsprachig, nicht wankend, sondern fest stehend. Mit einem Ensemble und Regieteams, die sich »unterwegs in kulturellen und sprachlichen Missverständnissen verlieren«, sich vortasten, sich riechen und schmecken lernen, Positionen neu austarieren, neue Wort-Familien und Klänge bilden. Für ihn sei »das internationale, europäische Theater ein Modell im Umbruch, eine Versuchskammer«, sagte er in einer Rede zu Europa in Wien. Er verfolge, wie er vortrug: »die Strategie der Ruhe«, der Unverstörbarkeit, als Medizin gegen der Krise. Schauen, wie sich die Dinge entwickeln und erst dann eingreifen.

Simons, dessen Inszenierungen intellektuelle clareté und die Wucht der Emotion verbinden, bevorzugt offene Projekte, die findet er auch bei Shakespeare & Co. Ein Mann des Sprechtheaters, aber nicht im klassischen Sinn von Guckkasten oder traditionellem Drama. Bei Mortier an der Pariser Opéra gab er sein Musiktheater-Debüt mit Verdis »Simon Boccanegra«, ebenfalls dem Prinzip folgend, einen Stoff »mit Realität zu begründen«. Das gilt erst recht für seine Pasolini-Eröffnung der Triennale mit »Accatone« und dem Leitthema Arbeit und Nicht-Arbeit: »Wie lässt sich ohne sie die Würde des Menschen und sinnvolles Dasein wahren und begründen?« 

Reibung herstellende Dramaturgie interessiert ihn: linearen Ablauf in Parallelaktionen zu gliedern, repetieren, arretieren, reflektieren und musikalisch strukturieren. Simons’ Inszenierungen sind Versuchsanordnungen zum Experiment Mensch, ob Tschechows »Onkel Wanja« (München), Calderons »Das Leben ein Traum«  (2007, Halle Zweckel) oder Houellebecqs »Elementarteilchen« (2004, Zürich). Die Frage nach dem »Neuen Menschen« ist bei Houellebecq am Endpunkt von Individualität und Sexualität angelangt. Bei seiner Umsetzung habe er u.a. an die Malerei der holländischen Alten Meister gedacht, auf deren Gemälden oft nur am unteren Bildrand das Gewimmel der Welt existiere, während darüber viel Luft, Leere, Freiraum sei: der »leere Horizont«, der sich später bei Mondrian abstrahiert. Über gemeinsame Landschafts-Wahrnehmungen habe er sich noch mit Siegfried Lenz unterhalten, dessen »Deutschstunde« Simons eben jetzt am Hamburger Thalia Theater vorbereitet, wo wir uns auch zum Gespräch treffen.

Wer 1946 in Holland geboren wird, wächst nicht auf ohne Vorbehalt gegen die früheren Besatzer. Wenn der Junge Johan mal wieder auf dem Schulhof seine  Kameraden dominierte und sich zu Hause verspätete, traf ihn die Mutter mit dem  Zuruf: »Hitler, komm essen!«. Mehr als eine Anekdote.

Überhaupt Geschichten. Johan Simons ist voll davon. Eine noch. In der Sterbeszene der Mutter in »Sentimenti« stand während der Proben das Bett der Todkranken in der Bühnenmitte. Mortier fand das falsch: Wer stirbt, ist am Rande. Simons beharrte auf der Position, bis zum Premierentag. Da verschob er das Requisit – sein Premierengeschenk für den kleinen Doktor Jur. und großen Mann aus Gent.

Für Realitäts-Begründungen braucht es nicht viel. Einen Erdhaufen, eine Halle, die nicht aufgerüstet sein muss wie die Jahrhunderthalle, wo »Sentimenti« auf einem aus Briketts geschichteten Feld spielten. Es reicht eine einfache Spielfläche, Podien, eine Brandmauer. Oder ein Autofriedhof, Zirkuszelt oder Hühnerhaus – Schauplätze von »Hollandia«-Produktionen. Von dorther rührt die Freiheit, Dinge zu machen, die ein Repertoire-Theater in seinen Umgrenzungen nicht erlaubt, räumlich und mental. »Das große Schmuckstück« Jahrhunderthalle heftet er sich zur Eröffnung nicht an, sondern geht nach Dinslaken in die unpolierte Kohlenmischhalle Lohberg. Jede Saison möchte er einen neuen Ort hinzunehmen.

Die Kraft des »ultramodernen Mediums« Theater liegt für ihn darin, dass »ein Körper auf der Bühne lebendig, aber auch tot sein kann, indem er in der Zeit hin- und hergeht und Reflexionswege eröffnet«. Theater als Hoffnungs- und Glaubensort. Der Gott seiner Kindheit, sagt Simons, hat »meine Angst vergrößert und war zugleich trostreich«. Er erinnere sich an halbstündige Abendgebete, an Zwiegespräche. Sehr evangelisch. Keine katholische Formeln, sondern Dialog. Ein Gott von Du zu Du. Simons dachte daran, Pastor zu werden und Missionar in Afrika. Als er zum Glaubensskeptiker wurde, entschied er sich für die Kunst, begann an der Rotterdamer Tanzakademie und setzte das Studium fort an der Theaterakademie in Maastricht.  

Oft hatte das »Hollandia«-Kollektiv deutsche Dramatiker, Karl Valentin, Achternbusch, Dorst, Kroetz, Laederach, auch Büchner aufgeführt: »Die Schwerheit des Deutschen erkenne ich auch bei mir«, begründet der Gastarbeiter. Stücke von unten, Volksstücke, Milieu-Studien. Bauerntheater in einem anderen Sinn. »Bauern sind nüchtern und straight. Da fühle ich mich heimisch.« Die Wirklichkeit kleiner Leute in ihrem Alltag stand am Anfang und wurde noch in »Sentimenti« zum ästhetisch überhöhten Ereignis. Man hätte sich wünschen können, »Sentimenti« jedes Jahr bei der Triennale zu haben, quasi als

Bochumer »Jedermann«. Simons verweigert nicht die Emotion auf der Bühne: »Weinen im Theater ist eine Befreiung«. »Der Gedanke muss eine Emotion verursachen. Statt dass Gedanken klopfen, soll das Herz klopfen.« Auch in Simons, der handfest ist und von äußerst sensibler Physiognomie, steckt ein wenig von Büchners Georges Danton. Ein Kopf mit Herz.

Bühne
01 / 2015

DER BAUER VON BABYLON

Von: Andreas Wilink


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