Gerburg Jahnke. Foto: Dirk Grobelny

Gerburg Jahnke. Foto: Dirk Grobelny

Gerburg Jahnke. Foto: Dirk Grobelny

DIE GANZE HÄLFTE

Ein Gespräch mit Gerburg Jahnke über die Missfits und was danach kommt

 

TEXT: KATRIN PINETZKI


Nach einer Amputation verspürt mehr als die Hälfte aller Patienten Schmerzen in dem Glied, das nicht mehr da ist. »Phantomschmerz« nennen Ärzte das. Gerburg Jahnke weiß noch nicht, ob sie Phantomschmerzen bekommen wird. Es fehlen ihr zwar weder Arme noch Beine, trotzdem ist sie so gut wie amputiert: Nach zwei Jahrzehnten haben sich die Missfits, Deutschlands bekannteste Kabarett-Frauen, getrennt.

Zwanzig Jahre lang war Gerburg Jahnke für die Öffentlichkeit eine Art siamesischer Zwilling. Die Komiker Till und Obel bestanden nach ihrer Trennung immerhin aus einem Till und einem Obel, weshalb »der Obel« allein weiter auf Tournee gehen konnte. Die Missfits sind die Missfits. Gerburg Jahnke war wahlweise »die eine Hälfte der Missfits«, »die Blonde« oder auch »die Dickere«. Oft hieß sie auch »Stephanie Überall«, wenn die Journalisten in ihren Bildunterschriften die beiden Frauen verwechselt hatten.

»Es ist nicht sehr charmant, anhand der Haarfarbe oder des Körperbaus identifiziert zu werden«, sagt Gerburg Jahnke. Ebenso wenig, als siamesischer Zwilling zu gelten. »Wenn wir ein Interview gegeben haben, wurden wir als eine Person betrachtet. Wenn Frau Überall ein Bier bestellt hat, bekam ich auch eins. Was ich auf der Bühne gesagt habe, wurde meiner Kollegin zugeordnet und umgekehrt.« Nun freut sich Gerburg Jahnke, 50 Jahre alt, Komödiantin aus Oberhausen, auf ihr neues Leben als Frau Jahnke. Genauso wird ihre Internet-Seite heißen: www.fraujahnke.de.

Sie freut sich sogar, ein Interview zu geben – ganz alleine. Das »Falstaff«, die Oberhausener Theaterkneipe, ist so etwas wie ihr zweites Zuhause. Man kennt sie hier und ist außerdem daran gewöhnt, dass Fotografen die Ecken ausleuchten und Aufnahmegeräte auf dem Tisch liegen. Frau Jahnke selbst hat sich noch nicht daran gewöhnt. Es ist ihr peinlich, außerhalb der Bühne Aufmerksamkeit zu erregen.

Frau Jahnke hört die Fragen, die nur ihr gelten, zieht an ihrer Nil-Zigarette, nippt an der Apfelschorle und flirtet mit dem Fotografen, der Schwierigkeiten hat, sie mit offenen Augen zu erwischen: Sie blinzelt zu viel. Frau Jahnke lässt sich Zeit beim Antworten, hört erst genau zu und denkt dann eine Weile nach. Der Fotograf blitzt. »Ich glaube, jetzt habe ich gerade total gut geguckt«, sagt Frau Jahnke und kichert wie eine Zwölfjährige. Und wird wieder erst.

»Phantomschmerzen, das kann passieren«, sagt sie. »Vielleicht rufe ich Steffi bald an und sage, ich muss dich sehen, ich muss mich mit dir streiten! Vielleicht baue ich auch einen Missfits-Altar auf, vor dem ich jeden Morgen nackt tanze.« Die Trennung der Missfits ist ein Verlust. Nicht nur für Tausende von Fans, die während der letzten Tournee und im Internet-Gästebuch Abschied nehmen – mit Worten und Gesten, die Frau Jahnke oft fast zu Tränen rührten. Es ist es auch ein Verlust für sie selbst. Dabei findet man schwerlich Menschen, die eine Trennung so professionell managen wie die Missfits – und die für ihre Trennung so lange brauchen.

Der Entschluss fiel vor inzwischen drei Jahren, bei einer Supervision. In moderierten Gesprächen mit Psychologen haben Gerburg Jahnke und Stephanie Überall herausgefunden, dass es besser sei, Schluss machen, trotz einer Erfolgsgeschichte, deren Ende nicht absehbar war. Zwanzig Jahre haben die Missfits haben zusammen geschrieben und geprobt, sind gereist und aufgetreten. Und haben sich verändert, jede für sich. Am Ende gab es vieles, was nicht mehr zusammen passte: »Wenn es weiter gegangen wäre, hätten wir zueinander gesagt, hömma, entweder du änderst dich jetzt, oder ich hau dich. Aber als wir wussten, dass es bald zu Ende ist, wurden wir toleranter.« Man habe einander wieder schätzen gelernt. »Ein Gefühl dafür kriegen, was man vermissen wird«, nennt Frau Jahnke das. Die Andersartigkeit der Kollegin als Bereicherung empfinden. »Das war ja auch das Pfund, mit dem wir gearbeitet haben. Wenn wir nicht so unterschiedlich wären, hätten sich die Missfits nie so entwickelt.«

Es gab eine anderthalb Jahre dauernde Abschiedestournee, 200 Vorstellungen ausschließlich in großen Hallen in ganz Deutschland. Es gibt ein Buch zum Abschied und, jetzt im März, eine Versteigerung der Missfits-Requisiten im Oberhausener Ebertbad: Handtaschen, Hüte, Bücher, CDs kommen unter den Hammer, außerdem Objekte wie »die letzte Binde«, die Gerburg Jahnke als wechseljahrgeplagte Nora Nölle einst feierlich beerdigt hat. Der Erlös der Versteigerung geht an ein Hospiz in Oberhausen. »Die Themen Tod und Altern haben uns begleitet«, sagt Gerburg Jahnke. Vor zwei Jahren haben die Missfits in der ARD-Serie »Der Tod ist kein Beinbruch« zwei Bestatterinnen gespielt.

Versteigerung und Hospiz-Spende sind eine Art symbolische Beerdigung. Danach ist die Trennung vollzogen, die Trauerarbeit geleistet. Zumindest hofft Gerburg Jahnke das. »Ich bereite mich mental auf einiges vor«, sagt sie. »Das ist so, als wenn die Wahrsagerin einem sagt: Sie machen einen Schiffsurlaub, und Sie werden nass. Und man weiß nicht genau: Wird man ganz nass, überlebt man das? Ist das ein Spaß-Nass oder ein Tsunami-Effekt?«

Frau Jahnkes Trennungs-Therapie heißt Arbeit. Ihr Terminkalender für das Jahr 2005 wäre nicht voller, gäbe es die Missfits weiterhin. »Ich habe ja immer schon Regie geführt, aber dieses Jahr kommt es etwas geballt«, untertreibt sie. Den Anfang machen Mitte April die Musik-Kabarettistinnen »Queen Bee«. Es ist bereits das fünfte Programm der norddeutschen Soul-Sisters, bei dem Gerburg Jahnke Regie führt. Vor der Premiere steht ein Monat Probenarbeit an der Ostseeküste bei Kiel. Auf »die beiden Damen« freut sich Frau Jahnke schon. »Ich bin aber keine liebe Regisseurin«, sagt Frau Jahnke, »ich bin streng. Aber ich kann offensichtlich Kritik äußern, ohne jemanden dabei fertig zu machen.«

Sich selbst begeistern und dies dann weitergeben, das kann sie tatsächlich. Frau Jahnke ist ansteckend. Wer ihren Plänen lauscht, möchte am Ende selbst mitmachen. Von jeder Produktion spricht sie, als läge ihr gerade diese besonders am Herzen. »Ich bin einfach begeistert, wenn etwas so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn das Publikum an den richtigen Stellen lacht – das ist so toll!«

Am 7. Oktober hat Gerburg Jahnkes erste Regiearbeit an einem Stadttheater Premiere – natürlich am Oberhausener, wo die Missfits vor Jahren bereits als Schauspielerinnen aufgetreten waren. Intendant Johannes Lepper hatte die Idee, und Gerburg Jahnke nicht nur Lust, sondern auch das passende Stück: »Frauen allein zu Haus. Witwendramen« von Fitzgerald Kusz. Vor acht Jahren haben die Missfits schon »Höchste Eisenbahn« des fränkischen Dramatikers aufgeführt, in den Hamburger Kammerspielen. »Witwendramen« ist keine Komödie. »Aber ich werde eine daraus machen«, sagt Frau Jahnke und kichert. Eine Revue schwebt ihr vor, mit Liedern über Tod und Leben, Frauen und Männer. »Eine konsequente Fortsetzung der Missfits-Themen. Es gibt einen Stil, der durch uns geprägt worden ist, und ich werde meinen Teil des Stils nicht verleugnen. Warum auch, das war gut.« Wenn dieser Stil auch nicht leicht zu beschreiben ist. »Wir haben eine Misch-Technik gemacht«, versucht die Künstlerin eine Definition. »Und uns lieber Komödiantinnen genannt. Wenn die Aquarellisten doch mal zur Tusche greifen und noch ein bisschen Wachsmalkreide obendrauf schmieren, schreiben sie unter ihre Bilder ›Mischtechnik‹. So war das bei uns auch.«

Und so kommt es, dass Gerburg Jahnke nach Jahrzehnten des Alleinkampfs in der freien Szene nun mit fast kindlicher Begeisterung die Vorzüge des Theaterapparats entdeckt. »Ich habe eine Dramaturgin, die mir helfen soll!«, sagt sie, als könne sie es gar nicht glauben. »Ich kann sie anrufen und sagen, ich brauch mal von Christian Anders das Lied ›Ein Mädchen nach Maß‹ auf CD, am besten bis übermorgen. Das ist toll!« Und da ist plötzlich eine große Bühne, die man einrichten kann, anstatt immer einzig mit Lichtstimmungen zu arbeiten. Frau Jahnke hat nicht vor, auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten. »Ich will etwas, das von oben runter gelassen und von der Seite rein geschoben wird, und eine Drehbühne, und Fred Fenner als Bühnenbildner.«

Nur wenige Meter weiter, im Ebertbad, inszeniert Gerburg Jahnke dann Ende des Jahres die erste Eigenproduktion der Oberhausener Kleinkunstbühne: »Ganz oder gar nicht«, die inzwischen verfilmte Boulevardkomödie um sechs arbeitslose Männer, die sich als Stripper verdingen. »Das Buch wird gerade umgeschrieben, die Männer werden arbeitslos sein, weil sie bei Opel gearbeitet oder weil sie Kommunikationswissenschaften studiert haben«, erzählt Frau Jahnke. »Man freut sich darauf, dass die sich am Ende alle ausziehen.« Das Ensemble ist handverlesen: Kabarettist Heinz-Peter Lengkeit ist dabei, Norbert Heisterkamp (bekannt aus der »Alles Atze«-Show auf RTL), ein Weltmeister im Disco-Freestyle-Dance sowie Hajo Sommers, beruflich Geschäftsführer des Ebertbades und privat Frau Jahnkes Langzeit-Verlobter.

Natürlich hat Frau Jahnke schon mit Männern gearbeitet. Als scharfe Beobachterin und scharfzüngige Kommentatorin männlicher Eigenarten weiß sie, worauf sie sich da einlässt. »Männer prüfen mich härter«, sagt sie, »da kommt mehr Widerstand. Jeder hat schon mal irgendwas von dramaturgischen Gesetzen gehört, und die werden mir dann um die Ohren gehauen.« Drei Tage braucht sie erfahrungsgemäß, dann ist der Widerstand gebrochen. »Diese Phase ist wichtig, damit der Mann das Gefühl hat, er kann mich akzeptieren«, sagt Frau Jahnke. Es klingt, als rede sie über die Dressur von Wildenten, und man wartet darauf, dass sie wieder zu kichern beginnt. Nein, sie meint es ernst. Frau Jahnke wird mit sechs Schauspielern an einem Stück über Männlichkeit arbeiten, und sie wird sich durchsetzen.

Und 2006 geht es weiter. Zur Fußball-WM entsteht eine neue Ausgabe der »Ruhr Revue«, diesmal in Dortmund, und spätestens bei dieser Leistungsschau regionaler Comedians wird Gerburg Jahnke wieder auf statt hinter der Bühne stehen, zusammen mit Herbert Knebel und Co. sowie – Ex-Kollegin Stephanie Überall. Weitere Auftritte sind nicht ausgeschlossen, schließlich hat Frau Jahnke die Kostüme zweier Missfits-Figuren vor der Versteigerung gerettet: das existenzialistisch-schwarze Outfit der versoffenen Lyrikerin »Frau Ablaß-Krause« sowie den typischen Lisbett-Look. Auch ihre Kollegin hat, sagt Frau Jahnke, ihre Lieblings-Kostüme aufbewahrt. Doch keinesfalls möchte sie mit dieser Information Hoffnungen auf ein mögliches Comeback nähren. Die Missfits sind gestorben und bald beerdigt. Professionelles Trauer-Management, das Finale: Für das kommende Jahr planen die Ex-Missfits eine gemeinsame Reise: »Wir wollen an die Stätten unserer größten Triumphe fahren, um dann den Hausmeistern auf die Schulter zu tippen: Hallo, wir sind hier mal aufgetreten. Drei Abende ausverkauftes Haus. Kennen Sie uns noch?«

»Wennze weiß watte willz, musse machen datte hinkommz«, steht auf dem Rückumschlag des Missfits-Abschiedsbuches.

 

Köpfe in NRW, Bühne
03 / 2005

DIE GANZE HÄLFTE

Von: KATRIN PINETZKI


kultur.west Gezwitscher